Serie „Wir sind dann mal offline“

Handy-Sucht ist ein ernst zu nehmendes Problem

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Dr. Heinrich Hahn warnt davor, die Nutzung des Smartphones zu verteufeln.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die Möglichkeiten des Smartphones sind fast grenzenlos: Kommunikation auf verschiedenen Kanälen, Einkaufen, Fotografieren, Surfen und Spielen. Mit dem modernen Handy lässt sich viel Zeit verbringen. Manchmal auch zu viel.

Allen voran Kinder und Jugendliche geraten zunehmend in den Bann des Displays – und manchmal macht das Gerät sie sogar süchtig. „Ja, wir haben es durchaus auch mit Handysucht zu tun“, sagt Dr. Heinrich Hahn, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Und er sagt auch: „Eine Therapie in dem Sinne gibt es nicht.“

Nicht die Betroffenen selbst, sondern ihre Eltern wenden sich fragend und besorgt an das SPZ. „Sie berichten von ihren Sorgen, weil die Kinder nicht mehr rausgehen, ihre schulischen Leistungen abnehmen und sie sich immer mehr zurückziehen“, schildert Hahn die ersten Begegnungen. 

Davon ausgehend befassen sich Hahn und die Kollegen in einem interdisziplinären Team auch mit der Frage des Medienkonsums. Dabei spiele die Nutzung des Smartphones eine gewichtige Rolle. Wer ständig online ist, laufe Gefahr, dass seine Gedanken eng mit dem Telefon verwoben sind, erklärt Hahn. 

Ständiger Begleiter

Das Handy als ständiger Begleiter – auch nachts. Weitreichende Probleme können die Folge sein: Isolation und Interessenverlust, Rückzug und die Entwicklung von Ängsten, Störung des Tag-Nacht-Rhythmus’, Schlafmangel und Konzentrationsschwierigkeiten bis hin zum Verlust der Tagesstruktur. Die schulischen Leistungen lassen nach, die Stimmungslage sinkt.

Eine Woche ohne Handy, eine Woche lang offline. Elf junge Erwachsene der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Rotenburg haben sich entschieden, das Experiment zu wagen und eine Woche lang auf ihr Smartphone zu verzichten. Heinrich Hahn lobt das Experiment: „Diese Idee des Handyfastens finde ich gut“, sagt er, denn diese jungen Leute machten sich Gedanken darüber, was eigentlich passiert, wenn sie es einfach mal weglassen.

Quote von 97 Prozent

Schließlich habe das Handy in der heutigen Kommunikation eine große Bedeutung. Es sei nicht mehr wegzudenken. Seit etwa 15 Jahren, so Hahn, verfügten mehr als 90 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren über ein Handy – inzwischen sei die Quote sogar auf 97 Prozent gestiegen. 

Mit dieser Zunahme hätten die durch die Nutzung auftretenden Probleme zugenommen – das sei eben auch im SPZ spürbar. Ein Auge auf den Medienkonsum zu richten, sei inzwischen ganz normal – früher habe das bei der Betreuung junger Patienten mit ihren Beschwerden und Schwierigkeiten keine Rolle gespielt.

Die Zeichen der Sucht bei nicht stoffgebundenen Abhängigkeiten seien die Toleranzentwicklung, die Dosissteigerung sowie mögliche Entzugserscheinungen.

Wer nicht aufpasst, wird also ganz schnell zum Sklaven seiner Gewohnheiten. Was dabei passiert, erklärt der Informatiker Alexander Markowitz, der an der Universität Bonn zum Thema digitaler Burn-out geforscht hat: „Ich führe eine Handlung aus, und dann gibt es eine Überraschung.“ 

Das Warten auf die nächste Nachricht

Die Handlung sei der Knopfdruck zum Aktivieren des Displays, die Überraschungen können vielfältig sein. Hat sich schon jemand mein Partyfoto angesehen? Habe ich ein Like auf meinen Facebook-Beitrag bekommen? Das Warten auf die nächste Nachricht von Freunden, ein neues Like oder das nächste Level beim Online-Spiel bestimmen dann den Rhythmus. 

Doch ist man abhängig, nur weil man oft auf das Handy schaut? „Nein“, sagt Kai Müller, der als Psychologe in der Spielsucht-Ambulanz des Mainzer Uniklinikums arbeitet. „Es gibt bestimmte Risikofaktoren, die Menschen mitbringen.“ Manche nutzen das Smartphone etwa zur Ablenkung in Stresssituationen oder drücken sich damit vor unangenehmen Aufgaben. 

„Sorgen machen sollte man sich dann, wenn sich alles ums Handy dreht und man auch schöne Tätigkeiten unterbricht, um auf das Display zu gucken“, so Müller. Das Handy sollte nicht das Hobby beeinträchtigen oder soziale Kontakte ersetzen. Hahn drückt sich ähnlich aus: „Wir sprechen von einer Abhängigkeit, wenn das Suchtmittel zum Mittelpunkt des Lebens wird.“

„Begrenzen, nicht verteufeln“

Aber was ist, wenn eine solche Sucht bei einem Kind oder bei einem Jugendlichen festzustellen ist? „Begrenzen, nicht verteufeln“, rät Heinrich Hahn.

Im SPZ stelle man sich zunächst die Frage, wie es dem Kind geht und wo das Problem liegt. Verschiedene Tests können dabei helfen. Ziel sei es, den Medien- bzw. den Handykonsum so zu steuern, dass er unschädlich wird. Wichtig sei die Ermutigung zu Außenaktivitäten und aktiver Freizeitgestaltung. 

„Wir bieten auch Elternkurse, in denen wir uns mit der Frage beschäftigen, wo sich Grenzen setzen und wie sich Regeln aufstellen lassen.“ Das SPZ gibt es seit 2006 am Diako, und Hahn unterstreicht: „Wir stellen keine Konkurrenz dar, sondern sehen uns als Ergänzung.“

Sein Rat: Im vorpubertären Alter sei die Nutzung für eine Stunde am Tag in Ordnung. Während der Pubertät sei es wichtig, es zu begrenzen, aber auch zu erfragen, wie und wofür die Sprösslinge es eigentlich nutzen. „Es ist wichtig, mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben. Und: Kinder und Jugendliche lernen am Modell.“ Soll heißen: Eltern müssen sich selbst auch im Griff haben und ein gutes Vorbild sein.

Zur Serie

Vor der Schule, im Schulbus, auf der Straße, in der Kneipe – überall sieht man Menschen jeglichen Alters mit stierem Blick nach unten, telefonieren, schreiben („Daumenjogging“) oder Musik hören. 81 Prozent der Deutschen haben ein Smartphone. Bei jungen Leuten sind es gar 97 Prozent. 

Elf Schüler der Fachschule für Sozialpädagogik am Diakonissen-Mutterhaus haben sich bereit erklärt, bei unserem Experiment mitzumachen. Nun soll es mal eine Woche lang ohne Smartphone gehen. Was macht das mit einem? Ist das überhaupt vorstellbar? Die Teilnehmenden haben gemeinsam am Mittwoch ihre Handys abgegeben. Für eine Woche werden sie nun sicher im Tresorraum der Rotenburger Sparkasse aufbewahrt.

Teil 1: Eine Woche ohne Smartphone – Schüler im Selbstversuch

Teil 2: Das Experiment hat begonnen: Eine Woche ohne Handy

Teil 3: Der Trend geht zum „eigenen digitalen Endgerät“

Teil 4: Der Kampf ums Festnetztelefon

Teil 6: „Mama, mach mal das Handy aus“

Teil 7: Probleme durch Handynutzung: Der Daumen ist die Achillesferse

Teil 8: Sozialpädagogik-Schülerinnen haben ihre Handys zurück

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