Bauern kritisieren Politik und Discounter als Verursachen für hohe Einbußen

Lebensmittelpreise: Landvolk schlägt Alarm

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Mit einem klaren Statement reagiert die Landvolk-Spitze aus Rotenburg-Verden auf die aktuelle Preismisere und die fragwürdige Rolle der Lebensmittel-Discounter: Jörn Ehlers (v.l.), Christian Intemann und Cord-Heinrich Renken.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die Landwirte in der Region schlagen Alarm. Die Märkte, wie sie bislang bekannt gewesen seien, funktionierten nicht mehr. Die Erzeugerpreise seien so niedrig wie seit Jahren nicht mehr, Preise für Milch und Fleisch seien auf Ramschniveau, und der Lebensmitteleinzelhandel drehe weiter kräftig an der Preisschraube. Politik und Discounter trügen jeweils auf ihre Weise dazu bei, dass auch die Bauern in der Region hohe Umsatzeinbußen hinnehmen müssen, heißt es vom Landvolk Rotenburg-Verden.

„Kostendeckend wirtschaften und in die Zukunft der Betriebe investieren, das ist zu diesen Preisen und der aktuellen Politik kaum möglich“, beklagt Jörn Ehlers, Vorsitzender des Landvolkverbands in einer Mitteilung. Dass die Preismisere allerdings nicht ganz einfach zu erklären sei, verdeutliche der Fall der Milchquote, heißt es von den Branchenvertretern vor Ort. Denn dieser habe einen weitaus geringeren Einfluss als angenommen. Er habe eben nicht wie vielerorts befürchtet zu den vorausgesagten Überproduktionen geführt, stellt Christian Intemann aus Bothel, Vize-Vorsitzender des Landvolks, fest. Die produzierte Milchmenge hat demnach bis Mai etwas unter dem Durchschnitt des Vorjahres gelegen. Seitdem sei ein minimaler Anstieg im Vergleich zu 2014 festzustellen, so Intemann. In der Summe aber sei die aktuelle Gesamtproduktionsmenge auf Vorjahresniveau. „Damit scheidet der Wegfall der Quote als Grund für Milchpreise von aktuell 26 Cent je Liter für die Erzeuger aus.“

Ähnlich sieht es bei den Erzeugerpreisen für Schweinefleisch aus. Diese befänden sich seit Monaten auf Talfahrt. Die 1,39 Euro in dieser Woche je Kilogramm Schweinefleisch bringe die schon durch eine Vielzahl von Verordnungen und politischen Vorgaben gebeutelten Schweinehalter zusehends in Existenznöte.

Stattdessen sind für das Rotenburger Landvolk politische Prozesse auf der einen Seite maßgeblich: die Sanktionen seitens Russland gegen die EU im Zuge der Ukrainekrise. Durch das Embargo habe sich der Agrarhandel nach Russland auf knapp 900 Millionen Euro quasi halbiert. Dabei seien besonders diejenigen Produkte, die der Landwirtschaft Wertschöpfung und Arbeitsplätze bringen, nämlich Fleisch- und Milchprodukte sowie Obst und Gemüse, von dem Embargo vollständig betroffen. Aber auch die aktuellen Entwicklungen im asiatischen Raum, besonders in China hätten kurzfristig zu einem Rückgang der Nachfrage geführt. „Das sind aber nur Spitzen, die wehtun, da uns so Alternativen der Vermarktung fehlen“, stellt Landvolkvorstand Cord-Heinrich Renken aus Vahlde klar. Die Mengen, die dadurch zusätzlich auf den heimischen Markt drängen, würden solche massiven Preiseinschnitte bei den Erzeugern nicht rechtfertigen, ergänzt Intemann.

Auf der anderen Seite sind es die hiesigen Preise, die die Landwirte empören. Das Discountersystem führe zu Problemen. Vielen Landwirte fehle Verständnis für die gezielt als Lockmittel eingesetzte „Immer Billig“-Strategie des Einzelhandels, die speziell für preissensible Produkte wie Milch, Butter oder Fleisch eingesetzt werde. Erst kürzlich habe das Bundeskartellamt die Marktmacht der „großen Vier“, wie die Lebensmitteldiscounter der Schwarze-Gruppe (Lidl), Aldi, Rewe und Edeka genannt würden, als bedenklich festgestellt. Gerade in Zeiten, wo von Landwirten besonders auch vom Lebensmitteleinzelhandel verlangt wird, Geld in die Hand zu nehmen und in mehr Tierwohl zu investieren, viele ihre Ställe entsprechend neu- oder umgebaut und modernisiert hätten, werde die von den Discountern gefahrene Preispolitik als Schlag ins Gesicht empfunden. Dabei werde die vom Lebensmitteleinzelhandel und den Landwirten vereinbarte Tierwohl-Initiative durchaus positiv gesehen, sei sie doch eines der wenigen Modelle der vergangenen Jahre, das gut funktioniere.

Lag der Milchpreis im Jahr 2014 bei durchschnittlich 37 Cent je Kilogramm, seien es heute rund zehn Cent pro Kilogramm weniger. Hierbei entspricht 1 Liter Milch in etwa 1,02 Kilogramm. Vereinfacht ausgedrückt bedeute diese Entwicklung, dass im Vergleich zum Vorjahr ein Milchviehbetrieb mit 50 Kühen und einer durchschnittlichen, täglichen Milchleistung von 30 Litern pro Kuh im Jahr rund 45000 Euro weniger für die von ihm produzierte Milch bekommt. Beim Schweinefleisch verhalte es sich ähnlich. Eine Veränderung des Schweinepreises von rund 10 Cent bedeuten hier rund 10 Euro pro Tier. Bei einem jährlichen Durchsatz von 4000 Tieren in einem durchschnittlichen Betrieb ergebe das in der Summe rund 40000 Euro, die heute den Betrieben im Vergleich fehlen. Ehlers: „Eine gefährliche Entwicklung.“

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