Nachfrage beim Landvolk

Strengere Düngeregeln: Bauern fürchten um Existenz

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Die Karte der Gebiete, in denen wegen einer zu hohen Nitratbelastung für Landwirte künftig strengere Düngeregeln gelten, ist recht grob gehalten. Für den Altkreis Rotenburg ist aber schon klar: Der größte Teil ist betroffen.

Landwirte fast überall im Landkreis und in großen Teilen Niedersachsens müssen sich erneut auf strengere Düngeregeln einstellen. Damit soll die seit Jahren schlechte Wasserqualität besser werden. Die Branche spricht von einer großen Herausforderung – und fürchtet um die Existenz von Betrieben.

Rotenburg/Hannover – Jörn Ehlers ist selbst betroffen. Der Hof des niedersächsischen Landvolkvizepräsidenten und Vorsitzenden des Verbandes in Rotenburg-Verden liegt mitten in den rosa eingefärbten Bereichen Niedersachsens. 

Für diese – 39 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Landesfläche – weist eine Karte der Landesregierung seit der Präsentation am Dienstagmorgen weitere Einschränkungen für das Ausfahren von Dünger aus – unter dem Druck drohender EU-Strafzahlungen wegen des jahrelangen Missachtens von Umweltvorschriften. Trinkwasser muss unbedingt vor dem Eintrag von Gülle und Kunstdünger beziehungsweise ihrer chemischen Folgeprodukte bewahrt werden. In Niedersachsen, Deutschlands Agrarland Nummer eins, ist das Oberflächen- und Grundwasser auf 60 Prozent der Fläche von schlechter Qualität. Die Befürchtung: Irgendwann kommt es weiter unten an.

Die Böden im Landkreis Rotenburg sind wie in sechs weiteren Kreisen in Niedersachsen weiterhin zum Teil stark überdüngt. Das geht aus dem im April veröffentlichten Nährstoffbericht 2018 hervor. Hier werden auf beprobten Feldern die zulässigen Obergrenzen für Stickstoff und Phosphat überschritten, und das schon seit vielen Jahren. Dass nun Landwirtschafts- und Umweltministerium in Hannover weite Teile des Landkreises als „rotes Gebiet“ ausgewiesen haben, überrascht Ehlers folglich auch nicht. 

„Wir hatten damit gerechnet“, sagt er in einer ersten Reaktion. Er spricht von einer „großen Herausforderung“, es werde an Vorgaben noch einmal „eine Schippe obendrauf“ gelegt. Für Gebiete mit hoher Nitrat- oder Phosphatbelastung sind mehrere Maßnahmen vorgesehen: So soll Dünger unter anderem in kürzerer Zeit eingearbeitet und Wirtschaftsdünger auf Nährstoffe hin untersucht werden. Außerdem sollen Landwirte ihre Lagerkapazität für Gülle erhöhen. Nach Angaben der Düngebehörde müssen im Landkreis rund 1 500 Betriebe mit Flächenbewirtschaftung ihre Düngeausbringung dokumentieren.

Über die Maßnahmen des Landes hinaus fürchten die Landwirte aber vor allem das, was der Bund noch für Anfang 2020 in Aussicht stellt. Einige dieser diskutierten Vorgaben, heißt es vom niedersächsischen Landvolk, „gehen über jedes vernünftige Maß hinaus und sind kontraproduktiv“. Dazu zähle die geplante Reduzierung der Nährstoffversorgung um 20 Prozent unter den Nährstoffbedarf der angebauten Nutzpflanzen. Ehlers: „Das wird Betriebe kosten.“ Der Ertrag werde sinken, die Gewinne entsprechend. Zudem werden Flächen fehlen, um Gülle auszubringen. Der Export werde steigen, auch ins Ausland.

Die Landvolkverbände im Bezirk Stade haben sich mittlerweile zusammengeschlossen, um das Messverfahren zu den Grundwasserbelastungen zu hinterfragen. Man stelle grundsätzlich nicht infrage, dass etwas getan werden müsse, betont Ehlers. Aber das Thema sei so bedeutend für die Landwirte, dass sie Gewissheit bräuchten, dass es keine Fehler im Verfahren gibt. Ehlers: „Wir werden genau hinschauen.“

Hintergrund

Der Europäische Gerichtshof hatte im vergangenen Jahr festgestellt, dass Deutschland gegen seine Verpflichtungen zum Schutz des Grundwassers im Rahmen der Nitratrichtlinie verstoßen hat. Die Europäische Kommission hatte im Juli 2019 gegen Deutschland wegen des andauernden Verstoßes gegen die EU-Nitratrichtlinie ein Aufforderungsschreiben gemäß Artikel 260 des Vertrags von Lissabon übermittelt. Sie mahnt Deutschland erneut, das Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom Juni 2018 umzusetzen. Geschieht dies nicht, können Strafzahlungen verhängt werden.

Über den Link https://sla.niedersachsen.de/landentwicklung/LEA/ können die Gebietskulissen eingesehen werden

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