Basisarbeit am Profil

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und Juso-Chef Kevin Kühnert diskutieren in Scheeßel

+
Juso-Bundeschef Kevin Kühnert (l.) und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil diskutierten in Scheeßel darüber, wie sich die Partei neu positionieren kann.

Scheeßel - Von Michael Krüger. Um 19.57 Uhr wird Lars Klingbeil zum Stichwortgeber in eigener Sache. Zwei Stunden diskutiert der heimische Bundestagsabgeordnete und SPD-Generalsekretär da schon mit dem Bundesvorsitzenden der Jusos, Kevin Kühnert, doch an an diesem Freitagabend im Scheeßeler Hof scheint die Schlagzeilenpolitik der vergangenen Tage weit weg. Die Verfehlungen von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, der mögliche Bruch der großen Koalition? Bislang kein Thema. Bis es Klingbeil doch noch zu einem macht.

Die SPD will sich erneuern, diskutiert dazu momentan sehr viel intern und öffentlich, auch in Scheeßel, im Heimatwahlkreis von Klingbeil, soll es darum gehen. 150 Gäste, zum größten Teil aus dem eigenen politischen Lager, wollen das sehen und hören, wollen sich einmischen und Fragen stellen. Die werden auf Bierdeckeln der gastgebenden Jusos gekritzelt, und die stapeln sich auf dem Tischchen neben Moderatorin Hannah Bockelmann, der Vorsitzenden des SPD-Nachwuchses im Landkreis. Es sind zu viele: Arbeit, Pflege, Fachkräftemangel, Europa, Schwangerschaftsabbrüche – inhaltlich wird auf dem Podium der ganz große Bogen gespannt, sodass es nicht immer allzu sehr in die Tiefe geht, vieles wird nur skizziert. Manch einem Genossen ist das dann zu wenig. Hier und da ist ein leichtes Murren im Saal zu vernehmen.

Scheeßels SPD-Ortsvereinschef Jürgen Wahlers und rund 150 weitere Gäste verfolgten die Diskussion im Scheeßeler Hof.

Auffällig ist an diesem Freitagabend aber allemal, dass es viel mehr um Inhalte als um Getöse geht. Es ist keine Showveranstaltung des ehrgeizigen Nachwuchssozis und des nicht mehr ganz neuen Generals der Partei. Das liegt vor allem an den Themen, die es nach Aufforderung abzuarbeiten gilt. Die SPD scheint es ernst zu meinen mit einer neuen programmatischen Ausrichtung, die auch in Scheeßel, an der Basis, beginnt. Das geht dann soweit, dass Klingbeil, der in seiner Rolle in der Bundespartei anders als manch ein Vorgänger stets kontrolliert und ruhig wirkt, den Saal auffordert: „Ihr müsst auch mal Fragen stellen, bei denen wir uns hier oben streiten.“ Dazu kommt es freilich nicht – zu viele Gemeinsamkeiten einen Kühnert und Klingbeil, selbst beim Thema Fußball. Das lassen die beiden Bayern-Fans in Scheeßel aber lieber unerwähnt.

Flüchtlingsfrage sei nicht Thema Nummer eins

Dabei lädt der Zeitpunkt der Diskussionsveranstaltung natürlich zum Poltern ein. Die Debatte um Maaßen, das Spitzentreffen im Kanzleramt, der mögliche Bruch der großen Koalition – alles ganz frisch auf dem Tableau, und Kühnert und Klingbeil sind diesbezüglich vielbefragte Gesprächspartner. Und so wird es dann zwischendurch doch mal knalliger, das Fernsehteam des ZDF bekommt was zum Mitschneiden, als sich Kühnert und Klingbeil in loser Reihenfolge an denen abarbeiten, die sie gar nicht mögen. Dobrindt, Trump (Kühnert: „Ein Irrer“), AFDler, natürlich Seehofer und schließlich Maaßen. Es gibt Themen, sagt Klingbeil, da könne man mit der Union und vor allem der CSU einfach nicht mehr zusammenarbeiten. „Es geht doch nicht, dass ein ganzes Land von diesem Mann mit diesem Flüchtlingswahn konfrontiert wird“, so der 40-Jährige. 

Die Flüchtlingsfrage sei nicht das Thema Nummer eins in Deutschland. Dass Seehofer nach der Bayern-Wahl als „Bauernopfer“ gehen müsse, sei klar, nur: „Es ist auch nicht besser, was danach kommt bei der CSU“, so Klingbeil. Die Erfahrung mit Seehofer bricht für die beiden Sozialdemokraten auf dem Podium sogar einstige Tabus. Laut denkt mittlerweile selbst der Generalsekretär über Linksbündnisse oder zumindest über Gespräche dazu nach. Und der Jungsozialist ergänzt: „Das wäre ein glaubwürdiges Signal an die, die auch bei der Linken konstruktiv arbeiten wollen.“

20 Prozent über alle Bevölkerungsschichten hinweg – das will die Partei nicht mehr. Man brauche ein klareres Profil, müsse mehr harte Entscheidungen treffen. Dazu müsse sich jeder in der SPD hinterfragen, was er leisten könne – vom Bundesvorstand bis zum Ortsverein. Man dürfe nicht mehr allen gefallen wollen, man müsse selbstbewusster und mutiger werden, sich nicht immer fragen „Was bringt uns das?“. Die SPD brauche eine neue Grundhaltung, die beantwortet: „Was ist wichtig?“

Die Debatte um den Verfassungsschutzpräsidenten ist es an diesem Abend in Scheeßel offensichtlich nicht. Und doch nimmt Klingbeil sie noch einmal auf, auch um zu demonstrieren: „Es gibt Grenzen in der Politik, die sind nicht verhandelbar.“ Dass der Chef des Verfassungsschutzes mit „Bauchgefühlentscheidungen“ hantiere und die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel untergrabe, sei nicht zu ertragen. Am Dienstag soll in der Sache eine Entscheidung fallen. Und die könne nur „Entlassung“ lauten, so Klingbeil, der zum Abschluss sein einstiges Vorbild hervorkramt: „Bei Schröder hätte es keine fünf Minuten gedauert, dann wäre er weg.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Erfolgreiche Mitarbeitergewinnung

Erfolgreiche Mitarbeitergewinnung

Fotostrecke: Abschlusstraining ohne Bargfrede

Fotostrecke: Abschlusstraining ohne Bargfrede

Die fünf besten "Die Höhle der Löwen"-Deals aus allen vier Staffeln 

Die fünf besten "Die Höhle der Löwen"-Deals aus allen vier Staffeln 

Trockenheit in Deutschland steuert auf Ausnahmewert zu

Trockenheit in Deutschland steuert auf Ausnahmewert zu

Meistgelesene Artikel

Ein Atommüll-Lager in Taaken?

Ein Atommüll-Lager in Taaken?

Feuerwehrmänner üben in der Atemschutzstrecke - jedes Jahr

Feuerwehrmänner üben in der Atemschutzstrecke - jedes Jahr

200.000 Euro Schaden nach Brand in ehemaliger Molkerei

200.000 Euro Schaden nach Brand in ehemaliger Molkerei

Ministerpräsident Weil  informiert sich über Angebote im Rotenburger Diakonieklinikum

Ministerpräsident Weil  informiert sich über Angebote im Rotenburger Diakonieklinikum

Kommentare