Landrat Luttmann geht in Ruhestand

Bald mehr Zeit auf dem Hochsitz

Das Büro im Kreishaus wird Hermann Luttmann für seinen Nachfolger Marco Prietz noch freiräumen. In gut einem Monat erfolgt die Amtsübergabe.
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Das Büro im Kreishaus wird Hermann Luttmann für seinen Nachfolger Marco Prietz noch freiräumen. In gut einem Monat erfolgt die Amtsübergabe.

Rotenburg – Sein Nachfolger ist gefunden, seine Amtszeit endet am 31. Oktober: Nach 15 Jahren als Landrat geht Hermann Luttmann in den Ruhestand. Im Interview spricht der 63-jährige CDU-Politiker über den nahenden beruflichen Abschied, die Wahlen und seine Leidenschaften außerhalb von Job und Politik.

Herr Luttmann, sind Sie zufrieden?

Ja. Sowohl mit der Arbeit, die ich hier abschließe, als auch damit, jetzt in den Ruhestand gehen zu dürfen. Ich freue mich darauf. Mir geht es gut.

War es eine gute Entscheidung der CDU und schließlich der Wähler, Marco Prietz zu Ihrem Nachfolger zu wählen?

Es war die richtige Entscheidung. Für die CDU-Mitglieder gab es ja nur einen Kandidaten. Dass sich die Wähler bei der Kommunalwahl mit deutlicher Mehrheit für Marco Prietz entschieden haben, kam nicht überraschend. Er ist eine gute Wahl.

Wie erfolgt die Übergabe? Ein erstes Treffen gab es in der vergangenen Woche bereits…

Ich bin bis Freitag, 29. Oktober, im Dienst, dann erfolgt die Amtsübergabe im kleinen Kreis. Derzeit gibt es ja quasi zwei Landräte – einen im Amt und einen gewählten. Für den Kreistag, der sich bei uns traditionell zum frühestmöglichen Zeitpunkt am 1. November konstituiert, ist eine Menge vorzubereiten, auch schon in Abstimmung mit dem neuen Landrat. Es gibt also einen fließenden Übergang, aber mit allem, was nach dem 31. Oktober geschieht, habe ich nichts mehr zu tun.

Welche Baustellen hinterlassen Sie Marco Prietz?

Natürlich steht die Beschäftigung mit der Corona-Krise weiterhin im Fokus. Sonst ist vor allem die Kreisverwaltung eine ständige Baustelle. Bei mehr als 1 000 Mitarbeitern gibt es ständig Veränderungen. Was uns aktuell wie vielen anderen Arbeitgebern zu schaffen macht, ist der Fachkräftemangel. Stellen müssen neu besetzt werden, das ist eigentlich ein ganz normaler Vorgang. Aber die Zahl der gut qualifizierten Bewerber ist in letzter Zeit deutlich zurückgegangen.

Welchen Rat geben Sie Marco Prietz?

Ungefragt und öffentlich keinen. Marco Prietz ist ein politischer Mensch, und er hat auch schon viel Erfahrung in der Verwaltung gesammelt. Er wird seinen eigenen Weg gehen – da braucht er von mir keine Tipps.

Welchen Tipp hätten Sie sich selbst gerne gegeben vor 15 Jahren?

Das ist eine gute Frage. Ich war aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit beim Landkreis Rotenburg gut auf das neue Amt vorbereitet. Natürlich wird man älter und hat dann mehr Erfahrung. Rückblickend sieht man manches anders. Erfahrung kann aber auch zum Hemmschuh werden, wenn man glaubt, es sei richtig, die Dinge so zu tun, wie man es immer getan hat. Das ist eben nicht in jedem Fall gut.

Was würden Sie rückblickend als die größten Erfolge Ihrer Amtszeit bezeichnen?

Besonders gefreut habe ich mich, dass wir mit den Gemeinden die Kindertagesstätten bedarfsgerecht ausbauen konnten und der Landkreis 2011 die Elternbeiträge für ein Kindergartenjahr übernommen hat. Dann natürlich die Haushaltskonsolidierung, den Breitbandausbau und die Förderung des Ehrenamtes. Für die Kreisverwaltung prägend waren die drei großen Krisen in meiner Amtszeit: Die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise und jetzt Corona. Durch alle schwierigen Zeiten sind wir recht gut durchgekommen, weil wir vor Ort auch mit den Gemeinden die richtigen Entscheidungen getroffen haben.

Konnten Sie alle Ihre Ziele umsetzen?

Nein, sicherlich nicht. Man muss ja auch immer auf das aktuelle Geschehen reagieren, sodass gerade die eigenen Wünsche liegen bleiben. Es gilt nicht das Motto „Gestalten statt verwalten“. Man bewegt sich als Verwaltung häufig in einem engen Rahmen, in diesem muss man handeln. Aber von den großen Aufgaben ist auch nichts vernachlässigt worden – sei es der Streit um die geplante Bauschuttdeponie Haaßel, die Schließung des Martin-Luther-Krankenhauses in Zeven, das neue Regionale Raumordnungsprogramm mit den Standorten für die Windkraftentwicklung oder der Ausbau der Kinderbetreuung. Gerade die war mir immer ein großes Anliegen. Die Entlastung junger Familien stand für mich am Anfang politisch im Mittelpunkt. Auch bei der Umsetzung unseres Klimakonzeptes von 2013 wäre ich gerne weiter gewesen – unter anderem mit einer ökologischeren Wärmeversorgung im Landkreis. Die Flüchtlingskrise 2015 und insbesondere die Coronakrise haben das verhindert. Wegen Corona bin ich leider auch nicht dazu gekommen, die Bundesumweltministerin Schulze aufzufordern, endlich den günstigen Erhaltungszustand der Wolfspopulation bei uns festzustellen. Das ist seit mindestens einem Jahr überfällig.

Gibt es Entscheidungen, die Sie lieber rückgängig machen würden?

Nein.

Was war für Sie die schwerste Zeit als Landrat, und warum?

Eine der schwersten Zeiten für mich war sicherlich die Debatte um die Rettungswachen im Landkreis. Es gab leider keine Mehrheit im Kreistag für die mit den Krankenkassen ausgehandelte Neugliederung. Die CDU-Fraktion war zerrissen. Ich habe darunter gelitten, von den eigenen Leuten nicht unterstützt zu werden und dass wegen lokaler Befindlichkeiten bestimmte sachliche Argumente in der Diskussion keine Chance hatten. Letztendlich ist die Entscheidung dann von den Bürgern im Rahmen eines Bürgerentscheids getroffen worden. Damit konnte ich – und die CDU-Kreistagsfraktion – leben.

Marco Prietz (r.) folgt im November auf Hermann Luttmann als Landrat des Landkreises Rotenburg.

Nicht nur die Gegenkandidaten, sondern auch Ihr Parteifreund Marco Prietz hat im Wahlkampf viel aufgezählt, was besser werden muss in der Kreisverwaltung. Allen voran schnellere Baugenehmigungsverfahren, bessere Wirtschaftsförderung und eine bessere Mobilfunkversorgung. Auch mehr digitalen Bürgerservice soll es geben. Warum hapert es daran noch?

Hapert es daran? Die Kreisverwaltung ist gut aufgestellt und eine bürgerfreundliche Verwaltung stand auch schon in meinem ersten Kandidatenflyer. Daran arbeiten wir kontinuierlich. Wenn 1 000 Verwaltungsmitarbeiter an drei Standorten Entscheidungen treffen, muss ich damit leben, dass die eine oder andere anders getroffen wird als ich das getan hätte – solange die Entscheidungen rechtmäßig sind. Bei den Baugenehmigungsverfahren gibt es immer wieder einmal Probleme. Zuletzt lag das auch daran, dass die zuständige Brandschutzprüferin das Impfzentrum in Zeven geleitet hat. Dafür trage ich die Verantwortung. Wir arbeiten den Rückstand jetzt auf. Wirtschaftsförderung? Da sollte man einen Blick auf die Kennzahlen des Landkreises werfen, beispielsweise die Entwicklung der Beschäftigten und die Arbeitslosenzahlen. So schlecht sind wir da nicht aufgestellt. Die Mobilfunkversorgung ist vielerorts sicherlich ein Problem, das stimmt. Das war bisher nicht unsere Baustelle. Da kann man sicherlich etwas anschieben.

Also sind diese Schlagworte nur Wahlkampfgetöse?

Marco Prietz hat viel vor. Ich wünsche ihm dabei viel Erfolg.

In den vergangenen Jahren konnte man sich nicht des Eindrucks verwehren, dass Ihnen manche politische Debatte im Kreistag gehörig auf die Nerven ging und Sie auch mit den größeren Ansprüchen von Öffentlichkeitsarbeit gefremdelt haben. Ist das so?

Da liegen Sie nicht ganz falsch. Man kann mir meine Gemütslage durchaus ansehen. Das ist im politischen Geschäft vielleicht hinderlich, für meine Mitarbeiter aber gut. Die wussten immer, woran sie bei mir sind. Meist herrscht ja im Kreistag großes Einvernehmen, und ich kann andere Meinungen eigentlich gut aushalten. Schwierig wird es, wenn Diskussionen ohne viel Sachverstand geführt werden und Fakten nicht zur Kenntnis genommen oder verdreht werden. Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich bei der Neustrukturierung des Rettungsdienstes mit einigen wenigen Redakteuren schlechte Erfahrungen gemacht und mir auch deshalb eine kritische Distanz zu den Medien gewahrt. Andere tun sich da sicherlich leichter. Für die Öffentlichkeitsarbeit haben wir mit Christine Huchzermeier ja jetzt eine sehr gute Pressesprecherin.

Haben Sie sich als Landrat als Politiker oder mehr als Verwaltungschef verstanden?

Ich komme aus der Verwaltung, habe mich aber auch immer als politischer Mensch verstanden. Im Prinzip ist es genau das, was die Funktion als Landrat ausmacht. Als Leiter einer großen Behörde auch politisch zu führen.

Warum war es ein Fehler der CDU, mit Armin Laschet als Kanzlerkandidat anzutreten?

Ist das ein Fehler?

Sie hätten lieber Friedrich Merz an dieser Stelle gehabt.

Ich hatte mir Friedrich Merz als Parteivorsitzenden gewünscht, dann hätte die Union tatsächlich wohl auch einen anderen Kanzlerkandidaten gehabt.

Wer wird das Land künftig regieren?

Da ist ganz viel denkbar, der Wahlausgang ist völlig offen. Eine weitere große Koalition unter der Führung der CDU wird es mit der SPD nicht geben, mit der AfD will zurecht niemand und das bürgerliche Lager will nicht mit den Linken zusammenarbeiten. Ansonsten ist alles möglich, auch Rot-Rot-Grün.

Gibt es eine große Abschiedsparty aus dem Amt?

Nein, wir halten das norddeutsch zurückhaltend. Es gibt ja die offizielle Verabschiedung am 21. Oktober, und es steht auch noch ein Mitarbeiterfest an, an dem ich natürlich teilnehme.

Wollen Sie sich politisch oder ehrenamtlich weiter einbringen? Haben Sie von nun an nur noch vom Hochsitz aus ein Auge auf den Landkreis?

Ein Auge auf den Landkreis brauche ich nicht mehr haben. Dafür ist jetzt jemand anders zuständig. Ich freue mich tatsächlich auf mehr Zeit auf dem Hochsitz. Ein halbes Jahr möchte ich jetzt erst mal nichts machen, keine neuen Ämter übernehmen oder mich politisch einbringen. Wenngleich einige Ehrenämter im Zusammenhang mit dem Landratsamt in den nächsten Monaten erst nach und nach auslaufen. Was dann kommt, werde ich schauen.

Wann steigt der HSV wieder auf?

Momentan sieht es ganz gut aus. Hoffentlich bald – und möglichst nicht erst nach Werder Bremen.

Was machen Sie im Ruhestand?

Zum Abschied meiner Frau Mechthild aus der Politik hatte die Kreiszeitung getitelt: „Ich habe mir einen Hund gekauft.“ Das könnten Sie jetzt wieder tun. Ich habe seit einigen Wochen einen jungen Border Terrier, den ich als Jagdhund ausbilden möchte. Da muss ich viel Zeit in die Erziehung investieren. Und die eine oder andere Laufrunde mehr wird es auch geben, soweit die Gesundheit mitmacht. Und natürlich werde ich mehr Zeit mit meiner Frau verbringen und wir wollen verreisen, soweit und sobald Corona das zulässt. Mir wird sicher nicht langweilig.

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