Heinz-Günter Bargfrede tritt nicht mehr bei der Kommunalwahl an

„Baggi“ nimmt im Herbst seinen Hut

Blick zurück auf viele Jahre in der Politik: Heinz-Günter Bargfrede.
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Blick zurück auf viele Jahre in der Politik: Heinz-Günter Bargfrede.

Rotenburg – Was sich bereits in der letzten Ratssitzung des vergangenen Jahres angedeutet hat, bestätigt der Rotenburger Christdemokrat Heinz-Günter Bargfrede nur wenige Tage später gegenüber der Kreiszeitung: „Baggi“ verabschiedet sich in diesem Jahr als aktuell ältester und zugleich auch dienstältester Ratsherr aus der Rotenburger Kommunalpolitik. Für die Kommunalwahl am 12. September steht er nicht mehr zur Verfügung. Eine Entscheidung, die dem Alter geschuldet sei – Heinz-Günter Bargfrede feiert in diesem Monat seinen 79. Geburtstag.

„Ich möchte mehr Sport treiben, mehr reisen und an meinen Memoiren schreiben“, erklärt Bargfrede. Dinge, für die in den zurückliegenden Jahren nur wenig Zeit blieb. Der Terminkalender war stets gut gefüllt, der CDU-Mann viel auf Achse. „Das geht nur mit der Unterstützung und dem Einverständnis der Ehefrau und der Familie. Die noch zur Verfügung stehende gemeinsame Zeit sollte dann umso intensiver genutzt werden.“

Die vielen abendlichen Sitzungen machten nicht nur Freude. Sie seien häufig pure Pflichterfüllung. „Freude macht es, wenn nach kontroverser Diskussion ein einvernehmlicher Beschluss gefasst werden kann.“ Im übrigen erfreut es ihn, wenn sich Bürger auch dann bei ihm für seinen Einsatz bedanken, wenn er in der Sache nichts erreichen konnte.

Bis zu seiner Wahl in den Bundestag 1990 war Heinz-Günter Bargfrede 32 Jahre lang Postbeamter. Seine berufliche Laufbahn begann 1959 nach dem Besuch der Zevener Handelsschule mit der zweieinhalbjährigen Ausbildung für den mittleren Postdienst. Von 1970 bis 1972 folgte dann die erfolgreiche Ausbildung für den gehobenen Postdienst mit Beschäftigungen in Hannover, Soltau, Bremen und Rotenburg. Im Rahmen seiner Ausbildung für den gehobenen Postdienst wurde er 1970 nach Hannover versetzt. „Mein Ausbilder hat mich dort mitgenommen zu den CDU-Veranstaltungen“, erinnert sich „Baggi“ – ein Jahr später trat er selbst in die Partei ein.

Die CDU, sagt er, sei eine echte Volkspartei mit christlich-sozialen, liberalen und konservativen Wurzeln. „Auf die CDU ist Verlass. Wichtige Weichenstellungen von der Einführung der sozialen Marktwirtschaft und der Westbindung über die dynamische Rente bis zur Pflegeversicherung wurden von der Union gestellt.“ Die Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses habe sie gegen die SPD durchsetzen müssen. Bargfrede: „Die CDU hielt unbeirrt am Ziel der Deutschen Einheit fest, als es von der SPD längst abgeschrieben war. Und heute verhindert die SPD die für das Leben unserer Soldaten in Afghanistan so unverzichtbare Bewaffnung von Drohnen.“

Die Bandbreite dieser Themen in nur wenigen Sätzen lässt erahnen, wie tief er selbst in der deutschen, aber eben auch in der kommunalen Politik verwurzelt ist. Von von 1976 bis 2016 war er durchgehend Kreistagsmitglied. „Im Stadtrat war ich zunächst von 1981 bis 1991 und dann wieder seit 2001. Während meiner Mitgliedschaft im Bundestag habe ich im Stadtrat eine Pause eingelegt.“ Darüber hinaus grüßte er von 1984 bis 1986 als Bürgermeister der Stadt Rotenburg, von 1987 bis 1991 und von 2001 bis 2006 als stellvertretender Landrat. Von 2006 bis 2016 hat er die CDU-Kreistagsfraktion geleitet.

In diesen vielen Jahren ist einiges passiert. „Am wichtigsten waren sicher 1984 die Einweihung der von den Grünen so heftig bekämpften Nordumgehung und die Aufnahme der Stadt Rotenburg in das Städtebauförderungsprogramm des Landes am 1. April 1985.“ Am schönsten seien die Sonderfahrten mit der Bundesbahn unter dem Motto „Eine Stadt geht auf Reisen“ mit fast 700 Teilnehmern nach Rothenburg ob der Tauber und mit mehr als 1 300 Teilnehmern nach Rotenburg/Fulda gewesen.

Aber Bargfrede hat auch Erinnerungen an Dinge, die nicht so gut gelaufen sind: „In meiner Bürgermeisterzeit haben wir vergeblich versucht, partnerschaftliche Beziehungen nach Rothenburg/Saale und Rothenburg/Oberlausitz aufzunehmen und eine Städtepartnerschaft mit Wernigerode in die Wege zu leiten. Briefe blieben ohne Antwort, bei Telefonaten wurde der Hörer aufgelegt.“ Umso erfreulicher sei, dass sofort nach dem Fall der Mauer die neue Freiheit zu besonders intensiven Beziehungen mit Rothenburg/Oberlausitz genutzt wurde.

Im Tagesgeschäft vor Ort hat sich „Baggi“ vor allem um die Finanzen gekümmert. Gesunde Finanzen seien ungemein wichtig. Bei den jährlichen Haushaltsberatungen würden die Weichen für alle Politikfelder vom Sport über Kultur, Wirtschaft und Soziales bis zur Umwelt gestellt. „Solide Finanzen sind neben einer florierenden Wirtschaft die Voraussetzung zur dauerhaften Finanzierung aller sozialen Ausgaben.“

Für dieses Jahr konnte der Haushalt nur durch eine Senkung der Kreisumlage um 2,5 Punkte und eine Erhöhung der Kreiszuschüsse für die Kita-Betriebskosten um zwei Millionen Euro in letzter Minute ausgeglichen gestaltet werden. „Eine so drastische Verschiebung der Finanzen zugunsten der Gemeinden habe ich noch nicht erlebt, und sie dürfte auch in Niedersachsen beispielhaft sein“, sagt er. Sie sei nur möglich gewesen, weil auf Kreisebene seit Jahrzehnten eine grundsolide Finanzpolitik betrieben werde. Stadt und Landkreis säßen in einem Boot, und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit sei gerade für die Kreisstadt von Bedeutung.

Im Rückblick auf die vielen Jahre ließe sich jedoch feststellen, dass sich die Stadt gut entwickelt habe. Besonders wichtig sei 1977 bei der Zusammenlegung der Landkreise Rotenburg und Bremervörde der Erhalt des Kreisssitzes in Rotenburg gewesen. Bargfrede: „Und bei allen Reformen der Bundeswehr konnte der Standort Rotenburg mit guten Argumenten erhalten bleiben.“ Rotenburg mit der Lage im Dreieck von Hamburg, Bremen und Hannover sei gut beraten, über die Mitgliedschaften in der Metropolregion Hamburg, dem HVV und dem VBN laufend nach weiteren Verbesserungen Ausschau zu halten.

Aber auch das gehört zur Realität: Der zunehmende Populismus sorgt für einen Spalt in der Gesellschaft. „Ich sehe mit Sorge, in welchem Maße Halbwahrheiten und Falschmeldungen über die sozialen Medien verbreitet werden können.“ Er selbst vertraue auf den gesunden Menschenverstand der großen Mehrheit. „Wichtig ist, dass die bürgerlichen Parteien eine gute Politik betreiben und im ständigen Gedankenaustausch mit der Bevölkerung bleiben.“ Dann würden populistische Parteien bei Wahlen auch weiterhin bei uns nur bescheidene Ergebnisse erzielen können.

Vor diesem Hintergrund ist es ihm wichtig, dass junge Menschen seinem Beispiel folgen und sich in die Politik einbringen. „Unsere freiheitliche Demokratie lebt vom Mitmachen. Wir brauchen Mitmacher, die ihr Wissen und ihre Freizeit für die Gestaltung des Lebens in ihrem Dorf oder ihrer Stadt einsetzen.“

Bargfrede jedoch zieht einen Schlussstrich. Und dennoch denkt er auch an die Herausforderungen, mit denen es der neue Rat zu tun haben wird. Die immer noch fehlenden Jahresabschlüsse ab 2012 müssten mit Vorrang bearbeitet und beschlossen werden, wenn nötig mithilfe externer Experten. Der Ausgleich des Haushalts 2022 werde nicht leicht zu schaffen sein und die ideenreiche Umsetzung des Stadtentwicklungsplanes und des Verkehrsentwicklungsplanes die tägliche Arbeit bestimmen.

Bargfrede erwähnt im Gespräch auch, was er sich zuletzt anders, ja besser vorgestellt hätte: „Jetzt wird in Sittensen mit Unterstützung der Landesregierung der erste umweltfreundliche Kunstrasenplatz im Landkreis gebaut. Einen solchen umweltfreundlichen Allwetterplatz hätte ich mir insbesondere zur Förderung der jugendlichen Fußballer auch in Rotenburg gewünscht.“

Ein paar Monate noch, dann verabschiedet sich Bargfrede aus dem Stadtrat. Man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist. Kann davon zurzeit die Rede sein? „Nicht unbedingt, aber dieser Stadtrat übergibt ein gut bestelltes Feld an die Nachfolger.“ Einen solchen muss der 78-Jährige noch finden, um möglichst bald auch den Vorsitz im DRK-Ortsverein abgeben zu können. Dann bleibt noch mehr Zeit für Familie, Sport – und die Memoiren. Darin wird vielleicht auch die Erinnerung an die Eröffnung des Herbstmarktes 1985 auftauchen. „Dabei ist mir gemeinsam mit Stadtdirektor Ernst-Ulrich Pfeifer der Anstich des Bierfasses gehörig misslungen. Das Bier spritzte in Fontänen durch die Gegend. Ein gefundenes Fressen für die Presse.“

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