INTERVIEW Nicole Austel kümmert sich um 16 000 Bäume in Rotenburg

„Die Bäume leiden“

Die Wurzeln einer Linde heben das Pflaster an der Goethestraße am Pferdemarkt.

Rotenburg – Nicole Austel kümmert sich seit Dezember als Nachfolgerin von Gerd Mante in Rotenburg um den Schutz der 16 000 Stadtbäume. Eine herausfordernde Aufgabe in Zeiten, in denen sich das Klima verändert. Mit der Redaktion sprach die Fachagrarwirtin für Baumkontrolle und -sanierung darüber, welche Schritte notwendig sind, damit die Bäume in der Stadt den Klimawandel überstehen.

Frau Austel, Sie sind nun ein knappes halbes Jahr in Ihrem neuen Job im Rathaus tätig und konnten sich einen ersten Überblick über die Bäume in der Wümmestadt verschaffen. Wie geht es denn den Bäumen?

Man sieht, dass die Bäume leiden. Nur ein Beispiel dafür ist das Birkensterben. Das kann man auch in Rotenburg gut sehen. Am Ahbeek und im Appelhorn gibt es zurzeit zwei tote Birken.

Warum leiden die Bäume?

Der Grundwasserspiegel sinkt – auch, weil viele Privatgärten mit Grundwasser bewässert werden, aber auch aufgrund der Großbaustellen, die Wasser abziehen und ganz wichtig: der fehlende Niederschlag. Aber auch die extreme Versiegelung in den Wohn- und Gewerbegebieten trägt zur Grundwasserspiegelsenkung bei. Obendrein gibt es Trockenheit, Hitze und sehr austrocknende Kontinentalwinde aus dem Osten. Hinzu kommt, dass Bäume in der Stadt an extremen Standorten stehen. Ihr Wurzelwachstum wird durch unterirdische Leitungen und die Kanalisation begrenzt, und sie sind hohen Emissionen ausgesetzt. Ein Beispiel dafür sind die Bäume an der Glockengießerstraße. Man sieht dort, dass sie unter dem starken Verkehr leiden. Aber auch der falsche Schnitt ist eine extreme Baumschädigung. Ich beobachte leider, dass auch sogenannte Fachfirmen nicht richtig schneiden, sondern kappen. Man kann nicht aus jedem Baum eine Kopfweide machen.

Wie können die Bäume in Rotenburg den Klimawandel durchstehen?

Ein wichtiger Faktor ist, dass die Baumgruben ausreichend groß sind. Eine Baumgrube ist der Raum unter der Baumscheibe, in den die Wurzeln des Baumes hineinwachsen können. Die sind DIN-genormt. Das ist sehr wichtig für die Stadtplaner. Ein Stadtbaum in befestigten Verkehrsflächen braucht zum Beispiel eine Baumgrube von mindestens zwölf Kubikmetern. Und eine offene Baumscheibe von sechs Quadratmetern. Die Bäume in Rotenburg haben diesen absolut notwendigen Raum an vielen Orten nicht. Zum Beispiel im Baugebiet Kleekamp. Die Bäume schreien einen förmlich an, dass sie keinen Platz zum Atmen haben. Es reicht nicht, die Bäume zu wässern, sie brauchen Sauerstoff, auch im Boden.

Nicht mehr viel Leben: Eine Birke im Appelhorn, die bereits tote Äste aufweist. Fotos: Bergmann

Was braucht es noch?

Die Stadt Rotenburg hat eigens ein Baumkonzept aufgrund der Ergebnisse von Forschungsprojekten wie Stadtgrün 2021 und der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) erarbeitet, das 2016 von der Politik und den Mitarbeitern im Umwelt- und Grünflächenamt ins Leben gerufen wurde. Die sogenannte GALK-Liste enthält Bäume, die Extremstandorte vertragen. Diese Bäume wurden in der Forschung ausgesucht, begutachtet und teilweise auch neu gezüchtet. Es geht um europäische Arten. Die Stadt Rotenburg hat sich zum Beispiel für Sorten wie den Säulenfeldahorn, die Kornelkirsche, den Ginkgo und den Amberbaum entschieden. Wichtig für uns sind schmale und pyramidalförmige Kronen.

Wie viel Geld haben Sie für die Neupflanzung von Bäumen zur Verfügung?

Wir können zirka 20 bis 30 Bäume pro Jahr pflanzen. Darüber hinaus stehen mir noch 130 000 Euro für die Unterhaltung der Bäume und 45 000 Euro für die Baumkontrolle und das Kataster zur Verfügung.

Heißt das, dass nach und nach die alten Baumsorten weichen müssen?

Nein, an der Bahnhofstraße ersetzen wir zum Beispiel die alten mit neuem Rotdorn. Bei anderen Bäumen müssen wir schauen, wie sie sich entwickeln. Die Birke ist auf jeden Fall anfällig. Kann sein, dass es die in 50 Jahren in Rotenburg nicht mehr gibt. Ansonsten gibt es einige Ahornsorten, die den Klimawandel nicht so gut aushalten, die Eiche leidet unter der Trockenheit, die Kastanie ist anfällig. Auch die Buche hat Schwierigkeiten.

Was braucht es, damit auch die alten Bäume den Klimawandel überstehen?

Pflege, Pflege, Pflege. Das bedeutet zunächst, dass die Bäume regelmäßig begutachtet werden müssen. Die Kontrolle findet mit einem Tablet statt, und die Ergebnisse werden in das Baumkataster „Geoval“ eingetragen. Die Baumkontrolleure stufen die Vitalität des Baumes ein. Da gibt es Stufen von 1 bis 6. Dann schaut man nach dem Standort, Bodenbeurteilung, Stammfuß, wie sieht die Rinde aus, gibt es unnatürliche Verwachsungen, hat er eventuell Krankheiten. Wovon wir heute ausgehen können, ist das vermehrte Auftreten von Baumpilzen, bei denen es weniger schädliche und sehr schädliche gibt.

Die Bäume an der Heinrich-Scheele-Allee leiden unter der momentanen Trockenheit.

Was fällt noch unter das Stichwort Pflege?

Die Bäume müssen natürlich immer wieder richtig beschnitten werden, Jungbaumpflege, Totholzentfernung und Kronenpflege. Ganz wichtig ist gerade auch in diesen heißen Sommern, dass einige Bäume regelmäßig bewässert werden. Und es geht natürlich vorrangig um die Verkehrssicherungspflicht der Stadt.

Was wollen Sie in Ihrem neuen Job erreichen?

Ich möchte den Bürgern vermitteln, dass Bäume sehr wichtig für die Stadt sind. Bäume wandeln CO2 in Sauerstoff um, den wir zum Atmen brauchen, sie bieten Schutz für Tiere und Vögel und spenden Schatten, was nicht unwesentlich ist in heißen Sommern. Ich möchte den Bürgern aber auch vermitteln, dass Bäume Dreck machen und das auch dürfen. Sie verlieren Pollen, Blüten und Blätter, und das gehört nun mal einfach dazu. Auch wenn dann die Straßen kleben oder die Autos dreckiger sind, das regnet wieder ab. Mir ist es zudem wichtig, im engen Kontakt mit den Bürgern zu stehen. Ich bin auf ihre Hilfe angewiesen. Wenn irgendwo ein Baum abstirbt oder angefahren wird, dann bin ich auf die Hinweise der Rotenburger angewiesen. Bislang habe ich schon einige Hinweise bekommen und bin sehr dankbar dafür.

Hinweise

Hinweise zu beschädigten, toten oder umgestürzten Bäumen können gegeben werden an nicole.austel@rotenburg-wuemme.de oder 04261 / 71 124.

Zur Person

Nicole Austel wurde 1971 in Bremen geboren. Nach ihrer Schulzeit machte sie eine Ausbildung zur Gärtnerin im Garten- und Landschaftsbau und ihren Meisterbrief. Anschließend arbeitete sie als Ausbilderin im Garten- und Landschaftsbau im Berufsbildungswerk in Bremen und in der Flüchtlingsintegration für das Arbeits- und Lernzentrum. Nach zwölf Jahren als selbstständige Gärtnerin im Ausland kehrte sie nach Norddeutschland zurück und machte ihren Fachagrarwirt. Seit Dezember arbeitet sie nun für die Stadt Rotenburg und wohnt seitdem im Landkreis.

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