Abenteuer, Japan und Schweinegebärmutterhals

Autor Dennis Gastmann: „Neugier schlägt Angst“

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Dennis Gastmann gastiert am Freitag im Kantor-Helmke-Haus.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Im Vorfeld zu seiner Lesung am Freitagabend im Rotenburger Kantor-Helmke-Haus stand uns der Weltenbummler, Journalist und Bestseller-Autor Dennis Gastmann Rede und Antwort.

Herr Gastmann, Sie sind unter anderem bekannt für Ihr Buch „Mit 80.000 Fragen um die Welt“, in denen Leser Sie mit teilweise fast philosophischen Fragen an fremde Orte schickten – gibt es eine Frage, die Sie sich damals selbst gern gestellt hätten?

Dennis Gastmann: Es sind zwei. Die Frage „Ist Cuba libre?“ reizt mich bis heute ungemein. Die andere lautet „Wie lange muss man reisen, um endlich anzukommen?“ Ich habe Sie mir damals häufig gestellt und meine Antwort in Japan gefunden.

In Ihrem vorigen Buch „Geschlossene Gesellschaft: Ein Reichtumsbericht“ haben Sie sich Zugang zur Welt der Reichen verschafft. Ist Japan auch so eine „geschlossene Gesellschaft“?

Gastmann: Japan ist das Land der verschlossenen Türen, aber genau das macht es aus: das Geheimnisvolle, das Verborgene, das Reden ohne Worte. Doch hin und wieder öffnen sich die Türen. Etwa dann, wenn man sich in eine kleine Bar in Kagoshima traut. „Das gibt es nicht!“, rief einer der Männer an der Theke, die sich hinter Sake-Flaschen verschanzt hatten. „Da sitzen wir dreißig Jahre an diesem Tresen, und zum ersten Mal schaut ein Ausländer vorbei!“

Dabei gelten die Japaner doch eher als zurückhaltend…

Gastmann: Das stimmt, doch gelegentlich dreht sich in solchen Nächten alles um. „Er ist so heiß!“, entfuhr es einer angesäuselten Dame, als ich die Bar betrat, „Da möchte man es gleich mit ihm machen!“ Sie hielt mich wohl für einen Star aus dem Westen und entschuldigte sich wenig später bei meiner Frau. „Japanerinnen sind nicht so. Nur ich.“

Sie haben einmal gesagt, die Japanreise sei in dieser Form nur möglich gewesen als Gatte Ihrer Frau, die Halbjapanerin ist. Sie schreiben in „Der vorletzte Samurai“ quasi über Ihre angeheiratete Familie – Ihr persönlichstes Buch?

Gastmann: Ganz sicher ist es das. Ohne Natsumi wäre ich noch viel mehr „Gaijin“ geblieben – ein ahnungsloser Fremder aus dem Westen. Meine Frau ist nun mal klüger und stärker als ich. Sie stammt aus der Linie eines Samurai, eines furchtlosen Kriegers, und hat mich nicht nur in den engsten Kreis ihrer Familie gelassen. Sie hat mir auch den besten Rat gegeben, den es für diese Reise geben kann: „Du suchst in allem einen Sinn. Aber vielleicht ergibt Japan keinen Sinn.“ Und vielleicht muss es das auch nicht, Japan ist alles zugleich, so still und so unendlich schrill.

Fanden Sie es schwierig, auf dieser Reise Ihre Rolle als Privatmensch und Journalist zu vereinen? Oder sind die beiden Versionen des „Gastmanns“ gar nicht so unterschiedlich?

Gastmann: Es gibt den Gastmann, der reist und den Gastmann, der plant. Der Planer denkt sich: „Hey, wäre es nicht toll, mit Haien zu tauchen?“. Der Reisende denkt sich: „Du hast wohl einen Knall!“ Aber wenn es um eine gute Geschichte geht, setzt sich der Planende immer durch. So bin ich einmal ganz ohne Wandererfahrung zu Fuß von Hamburg nach Italien gelaufen. Klug war das nicht, aber unvergesslich.

Sie bezeichnen sich selbst als nicht mutig, andererseits treffen Sie sich allein mit dem Ku-Klux-Klan…

Gastmann: Ja, ich bin tatsächlich schizophren. Dahinter steckt Neugier. Und Neugier schlägt Angst.

Gab es Momente, wo der Journalist Gastmann anders gehandelt hätte, was sich dem Ehemann jedoch verbot?

Gastmann: In einer Tour. Ich musste einsehen, dass es in Japan keinen Sinn ergab, den Weg wie ein Desperado zu finden. Und so hing ich manchmal am Rockzipfel meiner Frau, die sich mit einer stoischen Ruhe durch die Menschenmassen in Tokyo oder Osaka bewegte, die mir ganz und gar fehlt. Bedauerlicherweise kann ich kaum ein Wort Japanisch – Natsumi hat mir verboten, die Sprache zu lernen. Es sei ihre Geheimsprache, in der sie die wirklich wichtigen Dinge mit ihrer Mutter kläre.

Gab und gibt es für Sie Tabus, sowohl beim Tun als auch beim Schreiben?

Gastmann: Zwei Tabus: Ich esse nicht alles. Sowohl bei Schweinegebärmutter am Spieß als auch bei frittiertem Entenhals mit Kopf und Schnabel lehne ich dankend ab. Das andere Tabu betrifft das Schreiben. Ich habe das Glück, dass mir die Menschen auf meinen Reisen viel anvertrauen. Manchmal viel zu viel. Und wenn mir ein Millionär von seinen Selbstmordversuchen erzählt, behalte ich die Story lieber für mich.

Roger Willemsen hat die Enden der Welt gesucht, Sie haben den „Atlas der unentdeckten Länder“ erstellt – was steckt dahinter: das Bedürfnis nach authentischen Erfahrungen?

Gastmann: Ich durfte Willemsen kennenlernen und zehre noch heute von dieser Begegnung. Sein Stil, seine Eloquenz und seine geistige Schnelligkeit sind unübertroffen. Vielleicht einte uns die kindliche Neugier. Vielleicht auch ein romantisches, beinahe sentimentales Gefühl: Die Suche nach den letzten, wahren Abenteuern – eine Fahrt auf einem zwergenhaften Dampfer in der Südsee, ohne Handyempfang, ohne Gewissheit, anzukommen. Meine Freunde sagen, ich sei „irgendwie neunzehntes Jahrhundert“.

Durch Ihre Frau waren Sie in puncto Kulturunterschieden ja schon „gebrieft“. Gab es dennoch Situationen, die Sie aus der Fassung gebracht oder in tiefes Staunen versetzt haben?

Gastmann: „Der vorletzte Samurai“ ist tatsächlich kein weiteres Buch über den ach so lustigen Culture Clash. Ich kann einigermaßen mit Stäbchen essen und weiß auch, dass ich sie niemals, niemals senkrecht in den Reis stecken sollte – eine Technik, die an ein Totenritual erinnert. Aber Japan hat mich immer wieder in Staunen versetzt. Besonders in den Nächten, dann, wenn das Neonlicht aufflackert, das Leben aus den Häusern auf die Straße kriecht und man das Gefühl hat, durch die Kulissen von Bladerunner zu ziehen...

...oder das Treffen bei der Lieblingstante Ihrer Frau?

Gastmann: Oh ja! Tante und Onkel hatten in den Jahren so einige Gruppenreisen in den Westen unternommen – Europa in drei Tagen – London, Rom oder Wien, aber auch Lübeck oder Hamburg. All diese Orte hatten sie mit einem Kugelschreiber auf Landkarten eingekreist, die an den Wänden ihres Häuschens hefteten. Einer dieser bläulichen Kringel zog sich auch um meine Heimatstadt. „Deine Verwandten waren in Osnabrück?“, fragte ich Natsumi. Ich konnte es kaum glauben. „Natürlich nicht!“, lachte sie, „Was will man denn da?“. Nein, erklärte sie mir, Tante und Onkel hätten meine Heimatstadt nur für mich eingekreist. Nur um mir zu zeigen, dass ich jetzt zur Familie gehöre.

Allgemein sagt man Ihnen nach, Ihr Charme wäre Ihr „Türöffner“ – nun steht Freundlichkeit ja nicht gerade an Platz eins der Attribute für investigativen Journalismus…

Gastmann: Man kann den „Ku-Klux-Klan“ auch freundlich charmant sezieren. Die offene Konfrontation war nie meine Art. Vielleicht ist das typisch Japanisch.

Sie sind um die Welt gejettet, haben den Gang nach Canossa gemacht, den Elefantenführerschein in Thailand – das klingt nach einem der spannendsten Jobs der Welt. Verliert man irgendwann die Neugier auf die Welt? Und: Was kommt danach?

Gastmann: Es ist eine Sucht. Eine ernst zu nehmende Sucht, die ich stillen muss. Nach ein paar Monaten in der Heimat werde ich launisch. Dann muss ich raus, es geht nicht anders. Wussten Sie, dass es im Kongo noch Brontosaurier geben soll?

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