Neuer Führerschein setzt auf neueste Technik für Fahrschüler

Automatik statt Abwürgen

Szene im Fahrschulauto
+
Schalten mit Ansage: Die Ausbildung im „klassischen“ Auto mit Schaltgetriebe wird auf wenige Stunden reduziert.

Rotenburg – Runterschalten, statt in den ersten Gang gerät der Schaltknüppel in den dritten, der Motor spotzt und geht aus, und das unter dem strengen Blick des Fahrprüfers. Die Nervosität steigt, nach dem dritten Abwürgen heißt es: „Rechts ranfahren bitte“, die praktische Prüfung ist vergeigt. Den Albtraum eines jeden Fahrschülers wird es spätestens ab April bei Felix Heibutzki nicht mehr geben. Er und seine beiden Mitstreiter von „Ulli deine Fahrschule“ haben das System umgestellt – geprüft wird ausschließlich auf Automatikwagen. Trotzdem erhalten seine Fahrschüler nicht nur wie bisher vom Gesetzgeber vorgesehen den B78, im Volksmund ein „Lappen zweiter Klasse“, sondern mit dem neuen, ab 1. April gültigen B197 einen vollwertigen Führerschein, der zum Führen aller Fahrzeuge der Klasse B berechtigt, also auch solche mit Schaltgetriebe.

Mit diesem Schritt will der Gesetzgeber die Lücke schließen – nach Heibutzkis Ansicht dringend nötig, werden laut Statistiken spätestens 2025 vier von fünf neu zugelassenen Pkw Automatikwagen sein. Gleichwohl war der Impuls, die Ausbildung seiner Schüler umzustrukturieren, nicht primär dem neuen Format geschuldet, sondern vielmehr der Pandemie. Denn die Gesamtsituation nach dem ersten Lockdown war für den Mitinhaber des Familienbetriebs überaus anstrengend, die Fahrstunden mit Masken zehrten: „Es musste sich was ändern“, erzählt er im Rückblick. Der Ausweg war für ihn der Einstieg in ein neues Konzept, das die Schere zwischen herkömmlichen Schaltgetriebewagen und den modernen Elektroautos mit Fahrassistenzsystemen schließt.

Das Konzept für die Praxisphase, angelehnt an das einer Münchener Fahrschule, ist so im Landkreis wohl einmalig: Der Einstieg, mindestens neun Stunden am Simulator („Wer mehr braucht, kann dank Flatrate kostenfrei mehr machen“) gibt Sicherheit. Kuppeln, Verkehrsbeobachtung – das alles lernen die Schüler ohne den Stress „echten“ Verkehrs samt unvorhersehbarer Situationen. „Das nimmt Druck“, hat Heibutzki festgestellt. Bei den anschließenden Stunden im Elektroauto mit Automatikgetriebe – der grüne Tesla macht im Straßenbild etwas her – sind sie laut Heibutzki wesentlich entspannter. Das bestätigt Fahrschülerin Anna Münzner: „Im Simulator brauchte man keine Angst zu haben – das gibt Selbstvertrauen für später“, so die fast 17-Jährige.

In Videokonferenzen stellt Fahrlehrer Felix Heibutzki Eltern die Vorteile des neuen Konzepts vor.

Und nicht nur sie, sondern auch für den passionierten Fahrlehrer sind die Fahrstunden entspannter geworden: „Durch die Umstrukturierung und Standardisierung üben wir gezielt bestimmte Aspekte – so hat jede Stunde ein konkretes, abrufbares Ziel.“ Bei Emily Simon, die ihre ersten vier Stunden im Automatik-Wagen hinter sich hat, steht heute das Schalten und somit ein Fahrzeugwechsel auf dem Programm. Das sei zunächst gewöhnungsbedürftig gewesen, berichtet die 17-Jährige, die ersten beiden Phasen hätten ihr jedoch enorm geholfen: „Man findet sich schneller zurecht!“ Nach drei Runden durch dieselben Straßen in Unterstedt kennt sie den Weg, bald hat sie es mit „Bremsen, Füße über der Kupplung, runterschalten, Innenspiegel, Außenspiegel“ raus, und das ohne ein einziges Mal Abwürgen.

Auch wenn nach der Prüfung kein Elektro- oder Hybridauto in der elterlichen Garage wartet, ist diese Methode für die Rotenburgerin die richtige: „Ich wollte einen vollwertigen Führerschein, aber ohne Stress.“ Dank engmaschiger Betreuung wird sie den Praxisteil der Ausbildung wie die meisten nach vier Wochen abgehakt haben, wobei die letzten Stunden vor der Prüfung wieder Automatik angesagt sind. Dabei gilt für sie eine Übergangslösung: Den Schaltnachweis, der gegenüber dem Fahrlehrer zu erbringen ist, darf sie erst ab 1. April ablegen, die Führerscheinprüfung steht schon eher auf dem Programm – dass sie die drei Tage dazwischen nur Automatik fahren darf, ist für sie verschmerzbar.

Im Tesla zum Führerschein: Fahrlehrer Felix Heibutzki (l.) und Jan Grigo sowie Fahrschülerin Anna Münzner schätzen das High-Tech-E-Auto.

In Zukunft ist der „B197“ bei „Ulli deine Fahrschule“ die Regel. Der Simulator, verbunden mit weniger Stunden im Auto mit Schaltgetriebe – viele Eltern seien zunächst einmal skeptisch, „da gilt es noch Überzeugungsarbeit zu leisten.“ Doch wenn Heibutzki die Vorteile erläutert, wie gerade erst in einer Videokonferenz für Eltern, so überzeuge seine Präsentation. Für ihn liegen die Vorteile auf der Hand: Weniger Fahrstunden durch die Vorbereitung am Simulator, die damit einhergehende Kostenersparnis und vor allem der geringere Stressfaktor. Und: „Dadurch, dass die Prüfung auf dem Automatikwagen abgelegt wird, entfällt der Schaltstress und ist sie leichter“ – die bisherigen Durchfallquoten geben ihm Recht. Auch würden Defizite schon im Simulator analysiert und könnten gezielt geübt werden, „durch die Strukturierung bleibt kaum etwas dem Zufall überlassen.“ Ein weiteres Argument dürfte im Hinblick auf die Zukunft einleuchten: „Der Fahrschüler bekommt einen Überblick vom klassischen Schaltgetriebe bis zum High-Tech-Auto – das ist so vom Gesetzgeber gewollt.“

So lernen seine Schüler Tempomat, Abstandsregelautomatik und Spurhaltesysteme kennen, aber auch die Grenzen der modernen Technik. Die im Frontscheibendisplay eingeblendete Verkehrszeichenerkennung sei oft falsch, hat auch Mitstreiter und Fahrlehrer Jan Grigo festgestellt: „Auch das ist ein Ziel zu erkennen: der Einsatz welcher Technik ist für mich überhaupt sinnvoll?“ Nur ein durchaus sinnvolles Assistenzsystem lernen die Schüler von Heibutzki und Grigo nicht kennen: die automatische Einparkhilfe – „das müssen sie nach wie vor selbst machen!“  

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Tipps für Erdbeeren auf dem Balkon und im Beet

Tipps für Erdbeeren auf dem Balkon und im Beet

Perfekt für den Frühling: Weinpaket „Grün, Grüner, Veltliner“

Perfekt für den Frühling: Weinpaket „Grün, Grüner, Veltliner“

Trotz großem Kampf gegen Man City: Aus für den BVB

Trotz großem Kampf gegen Man City: Aus für den BVB

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Meistgelesene Artikel

Neue Kita im Visselhöveder Schützenholz

Neue Kita im Visselhöveder Schützenholz

Neue Kita im Visselhöveder Schützenholz
Nach Überfall auf Familie: Durchsuchungen in Visselhövede

Nach Überfall auf Familie: Durchsuchungen in Visselhövede

Nach Überfall auf Familie: Durchsuchungen in Visselhövede
Trotz großer Erfolge: Ablehnung für Speichenkommissar 2.0

Trotz großer Erfolge: Ablehnung für Speichenkommissar 2.0

Trotz großer Erfolge: Ablehnung für Speichenkommissar 2.0

Kommentare