Ohne Eröffnung

Ausstellung „Am Ende des Tunnels“ auf dem Kirchhof

Bauhofmitarbeiter und Inge Hansen-Schaberg bauen nahe der Stadtkirche die Ausstellung auf. Foto: Menker

Rotenburg – In der Stadt sind kaum noch Menschen unterwegs. Kunst, Kultur, Sport, Politik und Wirtschaft sind betroffen. Alles liegt brach. Alles? Nicht ganz. Denn auf dem Kirchhof der Rotenburger Stadtkirche ist seit Mittwoch eine kleine Ausstellung zu sehen. Open air, kostenlos und zugleich ein interessantes Ziel für einen Spaziergang in Zeiten der Corona-Krise. „Am Ende des Tunnels“ ist die Ausstellung betitelt, die die Vorsitzende des Fördervereins Cohn-Scheune, Inge Hansen-Schaberg, nach Rotenburg geholt hat. Bis September bleibt sie stehen.

Die Ausstellung wurde von der Kommunalen Galerie Berlin in Auftrag gegeben und war ursprünglich vor dem Bahnhof Charlottenburg in Berlin zu sehen, erklärt die Wissenschaftlerin Andrea Hammel. Die Kommunale Galerie hatte eine Ausstellung der Fotografin Karen Stuke geplant: Wandelhalle. Auf den Spuren von Sebalds Austerlitz. In Sebalds Roman Austerlitz gehe es ja um eine Figur, die auf einem der Kindertransporte nach Großbritannien geflüchtet ist. „Das Bezirksamt Charlottenburg/Wilmersorf wollte eine begleitende öffentliche Ausstellung, um das Thema Kindertransport 1938/39 von Berlin in das Vereinigte Königreich den Bürgern nahezubringen. Die Ausstellung wurde also von der Kommunalen Galerie Berlin auf Reisen geschickt“, so Hammel. Sie selbst hatte bei der Konzipierung der Ausstellung und den Texten sowie bei den Übersetzungen mitgewirkt. „Ich beschäftige mich schon seit ungefähr 20 Jahren mit dem Thema Kindertransport und habe dazu, zumeist auf Englisch, publiziert. Im Moment arbeite ich an einem Buch über das Thema in der deutschen Sprache, da ich das Gefühl habe, dass sich die Öffentlichkeit und die Wissenschaft in Deutschland sehr dafür interessieren.“

Bei der jetzt in Rotenburg zu sehenden und auf drei Litfaßsäulen aufgebrachten Ausstellung handelt es sich um eine deutsch-britische Koproduktion. „Norbert Wiesneth von der Kommunalen Galerie Berlin ist der Kurator, und das wissenschaftliche Team besteht aus Bill Niven und Amy Williams von der Nottingham Trent University und mir von der Aberystwyth University“, sagt Hammel. Alle Texte sind zweisprachig zu lesen, und man habe versucht, die deutsche und die britische Perspektive zu berücksichtigen. Hammel: „In Deutschland liegt der Fokus oft auf den Geschehnissen vor der Abfahrt und was mit den zurückgebliebenen Familien passierte; in Großbritannien liegt der Fokus auf der Ankunft und den Erfahrungen der Kinder mit dem Neuanfang in einem fremden Land.“ Die Wissenschaftlerin lebt und arbeitet in Wales. Eigentlich wollte sie zu einer Eröffnung nach Rotenburg kommen. Die Eröffnung ist geplatzt – ein Opfer der Coronakrise. „Ich habe aber fest vor, nach Rotenburg zu kommen, wenn Reisen wieder einfacher ist und auch den Vortrag nachzuholen.“

In Zeiten der Corona-Krise erscheint diese Form der Ausstellung eine gute Möglichkeit, trotz Kontaktsperren Kultur zu ermöglichen. Doch das ist nicht der Grund für das Erscheinungsbild und die Form der Ausstellung. Sie sollte leicht zugänglich für alle sein, auch für solche Menschen, die normalerweise nicht in Ausstellungen und in Museen gehen, versichert Hammel. Alle Text seien recht kurz und leicht verständlich. „Man muss nicht alles auf einmal lesen. In Berlin waren wir von der Resonanz sehr positiv überrascht.“

Es geht um die Kindertransporte 1938/39 und in diesem Fall von Berlin in das Vereingte Königreich von Grobritannien und Nordirland. Die Kindertransporte 1938/39 dorthin waren Rettungsaktionen für 10 000 Minderjährige aus Familien, die von der nationalsozialistischen Diktatur als Juden verfolgt wurden. Durch eine Änderung der Visavorschriften seitens der britischen Regierung und der Mitarbeit Tausender meist freiwillig tätiger Bürger möglich gemacht, erreichten sie Großbritannien und Nordirland zwischen Dezember 1938 und September 1939. „Die Kinder und Jugendlichen mussten ohne ihre Eltern auswandern und flohen oft mit Zügen aus großen deutschen Städten und auch aus Wien und Prag über Holland auf die britischen Inseln, fügt die in Wales lebende Wissenschaftlerin hinzu. Von der Forschung erst seit den 1990er-Jahren systematisch beachtet, seien die Kindertransporte ein interessantes zeitgeschichtliches Thema, das hier zu gleichen Maßen aus britischer und deutscher Sicht analysiert und dargestellt werden soll.

Bei der Platzierung der drei inhaltsreichen Litfaßsäulen nahe dem Eingang der Stadtkirche und in Sichtweite zur Cohn-Scheune hat am Mittwoch Inge Hansen-Schaberg Regie geführt. Sie dankte den Mitarbeitern des Bauhofes für ihre Hilfe.

Die Ausstellung war bereits vom 15. August bis Ende Oktober vergangenen Jahres in Berlin zu sehen. „Es ist also eine relative neue Ausstellung, und wir sind mit einigen anderen Orten, die sich auch dafür interessieren, im Gespräch.“ Inge Hansen-Schaberg hatte sie in Berlin gesehen und war sich ganz schnell sicher: Diese Ausstellung muss auch in Rotenburg einmal zu sehen sein. Sie nahm Kontakt auf – und jetzt ist es geschafft. „Leider kenne ich die Cohn-Scheune in Rotenburg noch nicht, freue mich aber darauf sie in ein paar Monaten kennzulernen. Ich glaube, der Trend geht weg von monumentalen, nationalen Erinnerungsiniativen. Lokale Iniatiativen werden wichtiger“, erklärt vor diesem Hintergrund Andrea Hammel. Das Thema Kindertransport werde übrigens in den britischen Medien und in der Öffentlichkeit oft diskutiert. Hammel: „Das ist zu begrüßen, denn wir möchten ja, dass sich die Bürger mit der Geschichte ihres Landes auseinandersetzen.“ Leider seien die Diskussionen aber lange Jahre von der Idee der Briten als Nation der Retter dominiert gewesen. „Das ist auf der einen Seite verständlich, denn durch die Aktion wurden ja sehr viele Menschen vor der nationalsozialistischen Verfolgung gerettet. Auf der anderen Seite verfolgte die britische Regierung eine restriktive Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik, und dadurch wurden über 10 000 Kinder und Jugendliche von ihren Familien getrennt.“ Das habe viele Gründe gehabt: Angst vor negativen Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Andrea Hammel abschließend gegenüber der Kreiszeitung: „Die These eines britischen Sonderwegs im Bezug auf den Zweiten Weltkrieg ist gefährlich, besonders wenn wir die heutige Europapolitik der britischen Regierung betrachten, und auch ihre inadäquate Reaktion auf Flüchtlingskrisen des 21. Jahrhunderts.“

Bis zum 30. September zu sehen

Die Ausstellung“Am Ende des Tunnels“ ist bis zum 30. September anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Cohn-Scheune auf der Grünfläche neben der Stadtkirche zu sehen. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die finanzielle Förderung der Ippen Stiftung und dem Förderverein des Lions Clubs Rotenburg LEA. Der Förderverein Cohn-Scheune hat passend dazu 2018 im Hentrich & Hentrich Verlag Berlin das Buch von Lisa Seiden „‚Bleib immer mit deinem Bruder zusammen!‘ Eine Geschichte vom Kindertransport“ herausgegeben.

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