Arthur Lempert will Beratungsstelle für Schwule, Lesben und Transgender ins Leben rufen

„Die Ausgrenzung nimmt zu“

Schätzungsweise 500 Schwule, Lesben und Transgender leben im Landkreis Rotenburg. Für diese Menschen möchte Arthur Lempert (l.) eine örtliche Beratungsstelle schaffen. Schützenhilfe bekommt er vom Grünen-Kreisverbandssprecher Ulrich Thiart. - Foto: Warnecke

Rotenburg - Von Lars Warnecke. Er kandidiert für die Grünen im Scheeßeler Gemeinderat und macht aus seiner Homosexualität kein Geheimnis: Arthur Lempert. Seit geraumer Zeit bietet der 53-Jährige auf der Internetplattform „Gayromeo“ Schwulen, Lesben und Transgendern (Bezeichnung für Menschen, deren körperliches Geschlecht nicht mit ihrem gefühlten Geschlecht übereinstimmt, Anm. d. Red.) Hilfestellung in deren mitunter nicht einfachen Lebenslagen. Nun will er eine feste, ganz reale Beratungsstelle schaffen. Und ein Ansprechpartner für jene schätzungsweise 500 im Landkreis lebenden Menschen sein, deren Lebensmodell eben nicht dem mehrheitlich geführten entspricht. Schützenhilfe bekommt der Sotheler dabei von Ulrich Thiart, Sprecher des Kreisverbands von Bündnis 90/Die Grünen.

Herr Lempert, warum braucht der Landkreis eine Beratungsstelle für lesbische, schwule, und transgeschlechtliche Menschen? Ist die Gesellschaft bezüglich Homosexualität in den letzten Jahren nicht toleranter geworden?

Arthur Lempert: Definitiv nicht. Vor allem Schwule und Lesben sehen sich, wenn sie offen ihre Sexualität leben, zunehmend einer Ausgrenzung ausgesetzt. Das belegt übrigens auch die steigende Zahl an Gewalttaten. Nein, die Ablehnung nimmt sogar zu – was auch damit zusammenhängt, dass wir mehr Menschen mit Migrationshintergrund haben. Das meine ich gar nicht verurteilend oder abwertend.

Was meinen Sie denn?

Lempert: Toleranter Umgang ist von diesen Menschen eben oft nur nicht gelernt und gelebt worden. Sie sind sicher auch ein Stück weit damit überfordert. Jetzt bekommen wir viele Kinder aus einem anderen Kulturkreis dazu. Umso wichtiger ist es doch da, sich noch intensiver dem Thema im Schulunterricht anzunehmen. Intoleranz trifft aber ebenfalls auf die deutsche Bevölkerung zu. Nach außen hin scheint es eine hohe Toleranz zu geben. Bei genauerer Betrachtung ist diese in Wirklichkeit aber noch immer nicht vorhanden. Wenn schwule Männer im Arbeitsleben beispielsweise in gehobenere Positionen wollen, müssen sie sich sehr genau überlegen, ob sie ihre Sexualität offen ausleben oder nicht.

Ist das überall so?

Ulrich Thiart: Es gibt sicher auch Regionen, in denen toleranter mit dem Thema umgegangen wird, als in anderen. Ich selbst lebe in der Samtgemeinde Sottrum, wo es viele Menschen gibt, die aus Bremen oder Hamburg hinzugezogen sind. Dort habe ich ein Dorf erlebt, in dem die Toleranz sehr hoch ist. Dort ist eine Frau zuhause, die in einer lesbischen Beziehung lebt. Sie ist sogar zweite Vorsitzende in einem Dorfverein. Da spielt das überhaupt keine Rolle. Wenn der Dalai Lama sagt: „Wir brauchen keine Religionen, wir brauchen nur Menschenfreunde“, dann finde ich das in diesem Sinne ganz wichtig. Lempert: In Sothel, meinem Heimatdorf, spielt es übrigens auch keine Rolle. Seit ich auf dem Land lebe, habe ich nie Anfeindungen erlebt. Mir geht es nicht darum, zu dramatisieren, sondern einfach da zu sein, wenn jemand vor seinem Coming-out steht, er oder sie Probleme im Arbeitsleben oder Fragen hat zur Prävention von HIV oder Aidskrankheiten. Gerade bisexuelle Männer sind diesbezüglich oft sehr schlecht aufgeklärt. Sie sind verunsichert. Auf der einen Seite möchten sie die Erfahrung machen, auf der anderen Seite reagieren sie panisch nach dem Sexkontakt. Da würde ich gerne eine Brücke schlagen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Grünen-Kreisverband?

Thiart: Arthur ist mit einem Antrag an uns herangetreten, ob seine Beratung nicht auch auf unserer Homepage genannt werden könnte. Ob dies passieren wird, muss noch bei unserer nächsten Kreismitgliederversammlung besprochen werden. Ich gehe aber davon aus, dass der Antrag positiv angenommen wird. Im Moment läuft das noch allein über die Scheeßeler Ortsverbandsebene, auf der man die Idee wohl geschlossen begrüßt. Meine Unterstützung hat Arthur aber allemal.

Sie selbst sind heterosexuell, haben Frau und Kinder und sind pensionierter Berufsschullehrer. Mit Verlaub: In Ihrem Alter, möchte man meinen, dürfte man dem Thema gegenüber nicht ganz so aufgeschlossen sein.

Thiart: Aus meinen persönlichen Erfahrungen heraus kann ich es gut nachvollziehen, dass Arthur das angesprochen haben möchte. Meine Schwägerin hat eine lesbische Tochter und hat sich anfangs sehr schwer damit getan. Mittlerweile hat die Tochter geheiratet – und es war ein super Hochzeitsfest. Lempert: Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich möchte nicht, dass es heißt, die Grünen wollen das ausschlachten. Natürlich bin ich Grüner, und natürlich ist das nicht abzukoppeln. Ich möchte mich nur nicht darüber profilieren, das habe ich nicht nötig. Die Leute müssen, wenn sie auf die Kreisverbandsseite gehen, dort sehen, wen sie ansprechen können – mit meinem Foto und meiner Telefonnummer. Deswegen hoffe ich, dass wir über die Ortsverbandsebene hinauskommen, dass der Kreisvorstand sich geschlossen damit anfreunden kann.

Onlineberatungen, wo Schwule, Lesben und Transgender sich anonyme Hilfe holen können, gibt es zuhauf. Sie aber suchen das persönliche Gespräch. Ist damit für die Betroffenen nicht auch eine Hemmschwelle verbunden?

Lempert: Sicher ist es das für den Einen oder Anderen. Mir geht es aber auch nicht darum, dass im Monat hundert Leute anrufen. Es ist eine Stelle, die langfristig angesetzt ist. Wenn zwei Anrufe kommen, ist es gut. Wenn 20 kommen, ist es auch gut. Das ganze soll ja auch einen Symbolcharakter hier vor Ort haben. Gerade wir Grünen sind die Partei, die sich für Homosexuelle eingesetzt hat. Das zu erwähnen, ist mir auch ein Stück weit wichtig. Wir stehen dazu, dass wir uns gegen jede Form der Ausgrenzung einsetzen. Die Menschen kennen mich, sie wissen, dass ich nicht nur schnacke, sondern das etwas dahintersteckt.

Sollten sich nicht eher die Gleichstellungsbeauftragten der Kommunen um die Belange dieser Personengruppe kümmern?

Lempert: Das wäre wünschenswert, ja. Nur werden diese Posten nur von Frauen besetzt, das ist so vorgegeben. Ihr Betätigungsfeld fängt bei Frauen an und hört bei Frauen auf – dazwischen gibt es nichts mehr. Ich persönlich finde das ganz schlecht.

Sie selbst sind schon jahrelang in der Internetberatung tätig. Mit welchen Sorgen, Ängsten und Nöten schlagen sich die Betroffenen, die sich an Sie wenden, herum?

Lempert: Viele, die offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen, fühlen sich diskriminiert. Das fängt mit verbalen Übergriffen an. Mit vermeintlich lässigen Witzen, wo es heißt, es sei nicht persönlich gemeint. Aber es ist persönlich gemeint. Wenn jemand einen Witz über eine Frau und ihre Brüste reißt, würden alle sagen: Der ist sexistisch! Alle würden auf die Barrikaden gehen – einschließlich eine gewisse Scheeßeler Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen. Wenn aber Witze über Schwule, Lesben und Transgender gemacht werden, finden das alle total ulkig, klopfen sich auf die Schenkel und bestellen sich ein drittes Bier. Und das ist nicht in Ordnung. Dann geht es weiter mit Pöbeleien, körperlicher Bedrängung – und es gib,t wie schon gesagt, gerade für Schwule große Probleme im Arbeitsbereich. Das erleben wir nicht nur im ländlichen Bereich, sondern mittlerweile selbst in den Metropolen, dass es zu immer mehr Streitigkeiten vor dem Arbeitsgericht kommt.

Wissen Sie denn überhaupt, wo bei der heutigen Jugend der Schuh drückt?

Lempert: Als über 50-Jähriger weiß ich natürlich nicht immer hundertprozentig, was ein 18-Jähriger durchlebt. Aber ich weiß durchaus, wie schwer ein Coming-out ist. Meine Empfehlung an die jungen Leute lautet dann, sie sollen in eine junge Coming-out-Gruppe gehen und das darüber machen. Im übrigen fände ich es klasse, wenn mich andere, vielleicht auch gerade junge Menschen, in meiner Arbeit unterstützen würden. Die könnten nochmal besser auf die Probleme ihrer Generation eingehen.

Spielt es eine Rolle, ob ein Homosexueller bei einem Homosexuellen Hilfe sucht?

Lempert: Den meisten geht es darum, erst einmal ganz ohne Rechtfertigungszwang darüber reden zu können. Das kenne ich von mir selbst auch. Natürlich ist es toll, wenn ein Heterosexueller für einen da ist. Aber es ist schon leichter, wenn die Sexualität mit hereinspielt. Wenn ein schwuler oder bisexueller Mann mit einem schwulen Mann reden kann. Wenn er frei heraus sagen kann, was ihn bedrückt. Das hilft in der Regel schon, weil es den größten Druck von einem nimmt.

Was muss sich hier vor Ort aus Ihrer Sicht ändern, damit Lesben, Schwule und Transgender sich vollends wohl fühlen?

Lempert: Das ist eine schwierige Frage. Wichtig ist es allemal, dass sie die Kraft und den Willen haben, selbstbewusst zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. Da ist viel Eigeninitiative gefragt. Ich bin mir sicher: Je selbstbewusster jemand auftritt, desto schwerer wird es für andere, ihn auszugrenzen.

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