Ausbreitung des Jakobs-Greiskrauts bereitet Landwirten zunehmend Probleme

Gefahr am Weiderand

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Die Raupen des Jakobskrautbären fühlen sich auf der Pflanze pudelwohl – für andere Tiere ist sie hochgiftig.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Die Landwirte halten die Augen auf. Ihre Aufmerksamkeit gehört einer Pflanze, die zwar schön aussieht, doch für Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen hochgefährlich werden kann: das Jakobs-Greiskraut, im Volksmund Jakobskreuzkraut. Die Tiere können an den Giftstoffen qualvoll sterben – so erst kürzlich in Schleswig-Holstein. Dort verendete ein Rind, weil es dort das Jakobskreuzkraut gefressen hatte.

Deshalb warnt der Landvolk-Landesverband Niedersachsen vor den Gefahren der Pflanze. Sie breite sich als sogenannter Lichtkeimer vor allem auf nicht bewirtschafteten oder eher extensiv genutzten Flächen wie Acker- und Straßenrändern oder Bahndämmen aus. Im Landkreis Rotenburg kommt das Jakobs-Greiskraut nach Auskunft von Bianca Hinck in Hellwege und Umgebung vor. Als Beispiel nennt sie verschiedene Brachflächen auf dem Streifen zwischen Wulmstorf (Thedinghausen) und Wensebrock. Hinck arbeitet als Pflanzenbau-Expertin bei der Landberatung Rotenburg. Es ist ein freiwilliger Zusammenschluss von mehr als 370 landwirtschaftlichen Betrieben, die sich über die Weiterentwicklung der Landwirtschaft austauschen.

Auch dem Landkreis ist die Existenz des Jakobskreuzkrautes nach Auskunft von Pressesprecherin Christine Huchzermeier bekannt. „Nachweisbare Schwerpunkte“ gebe es jedoch nicht, ergänzt sie mit Bezug auf Aussagen des Naturschutzamtes. Wer der Meinung sei, er habe Jakobskreuzkraut entdeckt, dem empfehle der Landkreis, sich beispielsweise an das Grüne Zentrum der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Bremervörde zu wenden. Darüber hinaus würden die Mitarbeiter des Naturschutzamtes derzeit anbieten, „vor Ort zur Sichtung zu kommen und zu schauen, ob es sich überhaupt um das Jakobsgreiskraut handelt“.

Derweil wenden sich die Landwirte verstärkt an die Landberatung. Aber auch die Kreisverbände des Landvolks sind mehr oder minder mit dem Thema beschäftigt. So bestätigt Hartmut Schröder, Geschäftsführer des Kreislandvolks Bremervörde: „Es gibt Probleme.“ Die Landwirte versuchten derzeit, dem Phänomen Jakobskreuzkraut Herr zu werden – was nicht wirklich einfach ist, denn Experten sprechen von einer „unsteten“ Pflanze. Sie kann überall dort wachsen, wo es günstige Standortbedingungen gibt. Und das sind vor allem Weideflächen, die nicht intensiv genutzt werden, sondern dem Naturschutz unterliegen.

Zu erkennen ist die Pflanze in erster Linie an ihren goldgelben Blüten. Sie sind „als Zungen- und Röhrenblüten in 15 bis 25 Millimeter breiten Köpfchen angeordnet und von 13 Hüllblättern umgeben“, steht in einer Informationssbroschüre des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums. Das Jacobs-Greiskraut sei eine zwei- bis mehrjährige Pflanze und erreiche eine Höhe von 30 Zentimetern bis einem Meter. Die Blütezeit reiche von Juni bis September.

Was für die Allgemeinheit schön aussehen mag, kann für Rinder, Pferde, Ziegen und Schafe sowie für deren Besitzer ein echter Horrortrip werden. Denn auf der Weide machen die Tiere wegen der im Kraut enthaltenen Bitterstoffe einen großen Bogen um das Jakobs-Greiskraut. Wenn die Pflanze jedoch im Heu oder der Silage landet, können die Tiere die giftigen Stoffe, die Alkaloide, nicht mehr aussortieren. Die Folge sind Lebervergiftungen. „Eineinhalb Stauden reichen und das Tier liegt auf der Seite“, erklärt ein Landwirt.

Wie dem Kraut beizukommen ist, darüber sind sich die Experten uneins. Während beispielsweise Landvolk-Geschäftsführer Schröder im Namen der Landwirte den gezielten und schonenden Einsatz von Pflanzenschutzmitteln befürwortet, gibt Christoph Bommes vom Landvolk-Kreisverband Osterholz den Rat, das Jakobskreuzkraut auszustechen und vor Ort zu verbrennen. Der Landvolk-Landesverband Niedersachsen rät: „Ein früher Schnitt kann das Aussamen vermeiden. Auf Naturschutzflächen ist jedoch oft ein späterer Schnitttermin vorgegeben. Auf diesen Weiden findet das Jakobskreuzkraut daher optimale Vermehrungsbedingungen.“

Klappt beispielsweise das Verbrennen vor Ort aus irgendeinem Grunde nicht, hilft das Entsorgen in einer der Biogasanlagen. Diesen Schritt empfiehlt unter anderem der Arbeitskreis (AK) Kreuzkraut. Dieser wiederum bezieht sich auf Aussagen der Bundesgütegemeinschaft Kompost (BGK). Dieses komme nicht nur für das Jakobs-Greiskraut infrage, sondern für alle Kreuzkräuter. Denn: Sämtliche Kompostierungsanlagen arbeiten nach den Vorgaben der Bioabfallverordnung. Somit sei gewährleistet, dass „sowohl Samen als auch austriebsfähige Pflanzenteile aller Pflanzenarten sicher zerstört“ würden. BGK, Arbeitskreis Kreuzkraut, Landvolk und das Landwirtschaftsministerium warnen davor, das Jakobs-Greiskraut selbst zu kompostieren. Vielmehr sei es für die Bio- oder Restmülltonne bestimmt.

Langfristig, so die Experten, sei eine nachhaltige Weidepflege das beste Mittel, um einer Ausbreitung des Jakobs-Greiskrauts und seiner bösen Verwandtschaft zu begegnen. Der AK Kreuzkraut rät: Trittschäden vermeiden und das Nachsäen per Hand, die Einhaltung der Winterruhe, Wechselbeweidung mit anderen Tieren, Wechselbewirtschaftung mit jeweils zweijährigem Schnitt und einjährigem Tierbesatz, Frühjahrsbewirtschaftung mit Schleppe, Wiesenwalze und Nachsaat sowie regelmäßiger Kontrolle auf Giftpflanzen.

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