37-jähriger Serientäter aus Visselhövede muss zweieinhalb Jahre in Haft

„Augen zu und durch“

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Der Aktenberg, der sich im Ermittlungsverfahren gegen den Angeklagten angehäuft hatte, ist beachtlich. 31 Delikte wurden vor Gericht verhandelt, für 24 wurde er verurteilt.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Regungslos nimmt der 37-Jährige das Urteil entgegen, er möchte sich nicht mehr äußern, auf das letzte Wort verzichtet er. Zwei Jahre und sechs Monate muss der Visselhöveder ins Gefängnis, urteilt Strafrichterin Petra Stein-Simon im Rotenburger Amtsgericht.

Über Monate hinweg vom Frühjahr bis Spätherbst 2015 hat sich der zweifache Familienvater bei Geräten und Fahrzeugen auf Baustellen „bedient“, um seine Selbstständigkeit aufrechtzuerhalten.

17 Fälle von gewerbsmäßigem Diebstahl, sechs Mal gewerbsmäßiger Betrug beim Tanken und – der strafrechtlich schwerwiegendste Fall – eine versuchte Brandstiftung, als er einem zahlungsunwilligen Kunden mit einem Molotowcocktail das Auto anzünden wollte: Das Konto des mehrfach vorbestraften Handwerkers ist ziemlich voll, als an diesem Dienstagmorgen die „juristische Odyssee“, wie Richterin Stein-Simon die Ermittlungen nennt, zu Ende geht.

Mehr als 50 Vorfälle in der Region zwischen Verden, Rotenburg, Soltau und vor allem in und rund um Visselhövede zählt die Polizei nach seiner Festnahme am 29. Januar auf. Diebstahl, Urkundenfälschung, Betrug – ein Potpourri kleinkrimineller Machenschaften. Und alles hat er bereits im Ermittlungsverfahren gestanden, war nach Monaten der Vergehen sogar selbst zur Polizei gegangen. „Das war ein Hilferuf“, so die Richterin im Amtsgericht.

Bewährung nicht genutzt

Vielleicht hätte das aber alles nicht sein müssen, betont Oberstaatsanwalt Jann Scherrer. Denn hätte schon die letzte Strafe wegen Betrugs, wie vom Rotenburger Amtsgericht zunächst geurteilt, in der Berufung aber aufgehoben, zu einem Gefängnisaufenthalt geführt, wäre die Möglichkeit für weitere Taten nicht geschaffen worden. „Sie haben ihre Bewährungschance nicht genutzt“, hält der Ankläger dem Visselhöveder vor. Als „gravierend negativ“ sieht er diesen Aspekt für die Strafzumessung. Und so zählt er die letztlich noch relevanten Vorfälle auf, inklusive möglicher Einzelstrafen: ein Jahr und drei Monate Haft für die versuchte Brandstiftung, jeweils zwischen vier und neun Monate für die Diebstähle, sieben Monate für jeden Betrug. In der Gesamtschau ergibt das nach Ansicht des Staatsanwalts eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Scherrer: „Sie werden ihr Leben einige Zeit im Gefängnis verbringen.“

Dem will Verteidiger Ralf Tyburski gar nicht widersprechen und schließt sich dem Plädoyer der Gegenseite an. „Rechtlich ist alles klar“, sagt der Anwalt, der seinen Mandanten schon Jahre kennt, ihm auch bei der Scheidung beigestanden habe. „Er hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, so Tyburski. Seit der Trennung und dem Kampf um die beiden Kinder im Grundschulalter sei es bergab gegangen. „Die Selbstständigkeit hat überhaupt nicht funktioniert.“

Das Schöffengericht schließt sich den Forderungen an, das Urteil ist eindeutig. Der Visselhöveder muss noch bis Ende April eine Ersatzfreiheitsstrafe in der Justizvollzugsanstalt in Bremervörde absitzen, weil er eine Geldstrafe nicht zahlen konnte. Der Haftbefehl bleibt aufrecht erhalten, seine neue Strafe darf er gleich im Anschluss antreten. „Augen zu und durch“, so Richterin Stein-Simon.

Trotz der Aussicht, selbst bei guter Führung die nächsten knapp zwei Jahre hinter Gittern verbringen zu müssen, appellieren Richterin Stein-Simon, Verteidigung, Staatsanwaltschaft und selbst ein Nachbar, der sich im Gerichtssaal zu Wort melden darf, an die Vernunft des 37-Jährigen: „Er ist doch ein Mensch, bei dem Hopfen und Malz noch nicht verloren sind“, so sein Anwalt Tyburski. Staatsanwalt Scherrer ähnlich: „Sie sind ein Mensch, der die Kurve bekommen kann.“ Dafür müsse er nun auf die Angebote der Sozialarbeiter hören, fordert ihn Stein-Simon auf. Er solle zur Ruhe kommen und einen Plan entwickeln, wie er ein Leben, das nicht auf Kosten basiert, aufbauen kann. Die Richterin in ihrer Urteilsbegründung: „Leben Sie Ihren Kindern künftig etwas Besseres vor!“

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