Christliche Familie flüchtete aus Iran

„Wir leben, das zählt“

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Sana Zareh (v.l.), Nahid Soltani, Ramin Zareh und Hamidreza Ghafarallahi flüchteten aufgrund ihres Glaubens aus dem Iran. 

Rotenburg - Von Joris Ujen. Sie waren in ihrer Gesellschaft nicht mehr akzeptiert, wurden zu einer Minderheit und mussten schließlich aufgrund ihrer persönlichen Überzeugung zum christlichen Glauben Angst um ihr Leben haben. Ramin Zareh, seine Tochter Sana und seine Frau Nahid Soltani sahen keinen anderen Ausweg als die Flucht aus ihrer Heimatstadt Isfahan, die mitten im Iran liegt. Mit Boot, Bus und vor allem zu Fuß erreichten sie nach einem Monat Deutschland. Ein Neuanfang. Seit 16 Monaten sind sie nun hier, wohnen seit mehr als einem Jahr auf dem Campus Unterstedt. Trotz der vielen Schicksalsschläge geben sie ihre Hoffnung auf ein friedliches Leben nicht auf.

„Es ist zu viel passiert, wir mussten weg aus Isfahan“, übersetzt die 13-jährige Sana die Beweggründe ihres Vaters Ramin. Rund 99 Prozent der 78 Millionen Iraner gehören zum Islam, Christen sind eine Minderheit. Die Scharia, das religiöse Gesetz des Islams, verurteilt die Konversion als Todsünde, im schlimmsten Fall droht die Hinrichtung. 

„An sich ist es im Iran friedlich, aber du darfst die Religion nicht tauschen. Dann wird es gefährlich“, betont Sana, die schon fließend deutsch spricht – und das nach nur einigen Monaten. Neben Deutschkursen und Unterricht an der Integrierten Gesamtschule Rotenburg (IGS) brachte sich die 13-Jährige vieles selbst bei – ihr Wörterbuch „Persisch-Deutsch“ ist ihr ständiger Begleiter, erzählt sie. Sanas Eltern verstehen schon viel, sind aber bei der Artikulation noch nicht so weit wie ihre Tochter.

Lebensstandard hat sich stark verändert

Nicht nur die Sprache war eine Umgewöhnung für die Familie: Vor allem ihr Lebensstandard hat sich stark verändert. „Wir hatten ein großes Haus. Ich war mehr als 20 Jahre im Maschinenbau beschäftigt“, erinnert sich Ramin zurück. Nahid machte als junge Frau ihr Abitur im Iran und eine Ausbildung zur Erzieherin. Es war ein gutes Leben, erzählt die Familie.

Nahid und Ramin kamen über Bekannte in Kontakt mit dem Christentum. Ein Urlaub in Armenien festigte ihren Glauben: „Wir waren überrascht von der Offenheit der Menschen zu anderen Religionen“, erinnert sich Sana. Sie fanden in Jesus Christus ihren Glauben, konnten zurück in ihrer Heimat diesen aber nie ausleben.

Ihr einziger Rückzugsort in Isfahan war eine Hauskirche, wo sie sich mit anderen Christen austauschen konnten. Allerdings sprachen sich das schnell herum, feindlich Gesinnte wollten ihre Konversion nicht akzeptieren. Ramin erzählt: „Eines Tages wurde mir mein Handy auf der Arbeit gestohlen. Darauf waren christliche Symbole zu sehen. Meinen Ausweis nahmen sie mir auch weg.“

„Wenn die Polizei ruft, hast du ein Problem“

Durch Miss- und besonders Verachtung waren sie nicht mehr Teil der Gesellschaft, sagt Sana. Es ging sogar so weit, dass die Polizei Ramin aufs Revier bat und verhörte. Über das, was dort geschah, möchte Ramin nicht reden. Nach einem längeren Dialog auf Persisch zwischen ihm und seiner Tochter, übersetzt Sana nur: „Wenn die Polizei ruft, hast du ein Problem. Sie schlagen dich, andere werden sogar getötet.“ Für Ramin gab es keinen anderen Ausweg, als mit seiner Frau und Tochter die Flucht zu ergreifen. Verwandte, Freunde und ihren Wohlstand ließen sie zurück.

„20 Tage waren wir zu Fuß und zehn Tage mit Bus, Zug und Boot unterwegs“, zählt Sana auf. Die Reise strapazierte sie dabei nicht nur körperlich, auch finanziell kamen sie an ihre Grenzen: Damit sie mit dem Boot über die Ägäis von der Türkei nach Griechenland gelangen konnten, mussten sie 1 000 Dollar pro Person bezahlen. Das Geld schickten Bekannte aus dem Iran. Auf finanzielle Hilfe aus der Heimat war die Familie auch beim Grenzübergang auf das griechische Festland angewiesen, wofür sie 1 200 Euro pro Kopf zahlen mussten. Nachdem sie immer wieder von Ordnungshütern in den mazedonischen Bergen aufgehalten und an die Staatsgrenze zu Griechenland zurückgeschickt wurden, erreichten sie über Serbien, Kroatien und Slowenien schließlich Österreich.

Von Wien aus wollten sie mit dem Zug nach München, doch unmittelbar nachdem sie in Deutschland waren „nahmen uns Polizisten fest und schickten uns mit einem Bus nach Bad Fallingbostel“, sagt Sana. Dort blieb die Familie drei Monate, bis sie nach Unterstedt verlegt wurde. Die Rotenburger Neuankömmlinge fingen bei Null an, haben durch viel Unterstützung ihre Hoffnung aber nicht aufgegeben. „Wir leben, das zählt“, bringt es Ramin auf den Punkt. Auf 20 Quadratmetern, mit 800 Euro Sozialunterstützung monatlich, bewältigen die Drei nun ihren Alltag.

Für die Zukunft haben sie viele Pläne: Sana möchte später mal Jura studieren, Ramid als Lkw-Fahrer Geld verdienen und Nahid will als Krankenschwester oder Arzthelferin arbeiten. Sie möchten in Deutschland bleiben und hoffen auf eine Verlängerung ihres Asyls, „das in sechs Monaten ausläuft“, so Sana.

Eine der Campusmitarbeiterinnen habe früh bemerkt, dass die Familie dem Christentum zugewandt ist, und nahm sie mit zur Zionskirche nach Sottrum, wo sie kurze Zeit später auch getauft wurden. Sana geht seitdem zum Konfirmandenunterricht. Dort bringt sie Marc Stephan, ein ehrenamtlicher Fahrer, jeden Donnerstag hin. Pastor Johannes Rehr begleitet Sana zu ihrer Konfirmation am 21. Mai.

Ein weiterer Campus-Bewohner und langer Freund der Familie ist aus den gleichen Gründen aus Isfahan geflohen: Hamidreza Ghafarallahi, ein 29-jähriger Automechaniker, der Chef einer eigenen Kfz-Werkstatt war. Er ist ebenfalls Christ, und auch er besuchte die Hauskirche in der iranischen Großstadt. Im Moment macht er ein Praktikum bei einem Rotenburger Autohaus, wo er auf eine Ausbildungsstelle hofft. Trotz seiner 14-jährigen Erfahrung als Kfz-Mechaniker muss auch Hamid bei Null anfangen. Und das alles nur aufgrund seiner Konfession. Seine Aufenthaltsberechtigung läuft ebenfalls in sechs Monaten aus. „Wir haben noch kein Datum für ein Interview beim Gericht“, sagt Sana.

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