Susanne Enders und Sandra Maskus von der Rotenburger Stadtschule sprechen über die Einschulung am Samstag

„Auch für Eltern ein großer Schritt“

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Der Stundenplan steht. Auch für Sandra Maskus (l.) und Susanne Enders kann die Einschulung beginnen.

Rotenburg - Von Guido Menker. Der erste Schultag für die Abc-Schützen. In den Grundschulen ist am Samstagvormittag ordentlich was los. Die Mädchen und Jungen sitzen in der ersten Reihe, dahinter ihre Eltern, Geschwister und Großeltern. Schüler aus den höheren Jahrgängen führen etwas auf, dokumentieren damit, dass Schule heute mehr ist als nur Mathe, Deutsch und Sachkunde.

Wie aber gelingt ein guter Einstieg ins organisierte Lernen? Was bedeutet der Schulstart für die Kinder, für ihre Eltern und auch für die Lehrer an den Grundschulen? Wir haben darüber mit Susanne Enders und Sandra Maskus gesprochen. Die Leiterin der Rotenburger Stadtschule und ihre Stellvertreterin machen dabei deutlich, dass Grundschule vor allem dann gelingt, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten.

Frau Enders, Einschulung ist ein Einschnitt im Leben der Kinder. Früher wurde vom Ernst des Lebens gesprochen, der damit beginne. Wovon sprechen Sie?

Susanne Enders: Für mich ist es so, dass die Entwicklung des Kindes weitergehen muss. Um selbstständig und groß zu werden, brauche ich einfach Wissen. Das muss ich erlernen – zum Beispiel in der Schule. Es geht darum, den Weg weiterzugehen. Wir werden diesmal bei der Einschulung das Schiff als Symbol haben. Das Schiff, das den sicheren Hafen verlässt. Das ist für mich Einschulung – und damit der sogenannte Ernst des Lebens.

In Ihrer Schule kommen die Abc-Schützen in eine Eingangsklasse, in der sie mit den Zweitklässlern zusammen unterrichtet werden. Warum und wie lange schon machen Sie das?

Enders: Wir sind damit im sechsten Jahr. Wir sind ja verpflichtet, differenziert zu unterrichten. Auch eine normale erste und zweite Klasse ist nicht homogen in ihrem Bild. Wir haben viele Kinder, die mit unterschiedlichen Problemchen zur Schule kommen. Die lassen sich in einer Klasse, in der es Größere gibt, die führen und schon ein bisschen was zeigen sowie sozial tätig werden können, besser ausgleichen, als in einer normalen ersten Klasse. 

Am wichtigsten ist natürlich, dass die Kinder möglichst in ihrem eigenen Tempo lernen. Manchmal schaffen sie auch die Eingangsstufe in nur einem Jahr. 

Sandra Maskus: Ergänzend dazu vielleicht noch: Eine gemischte Eingangsstufe ist für die Kinder gar nichts Neues. Das ist eine Fortführung der Kindergartenzeit. Auch da ist jeder mal klein und mal groß. Alle lernen voneinander. 

Enders: Die größte Problematik war ja, wenn ich feststelle, dass ein Kind im Lernstoff nicht mitkommt. Dann habe ich am Ende des ersten Schuljahres nicht die Möglichkeit, es wiederholen zu lassen. Das heißt, ich bin auf die Eltern angewiesen, die sagen: Wir stellen einen Antrag auf freiwilliges Wiederholen. Wenn das nicht funktioniert, ziehe ich das Kind bis zum Ende des zweiten Schuljahres mit. Es wiederholt dann nur den Stoff der zweiten Klasse, aber geht nicht mehr zur Basis zurück. Das hat mich über Jahre immer sehr geärgert. 

Wenn ich mit Eltern an einem Strang ziehe, ist das kein Thema, aber wenn ich das nicht kann, habe ich dadurch oft einen Schulversager von Anfang an. Das lässt sich wunderbar ausgleichen mit der Eingangsstufe. Da haben wir es nämlich in der Hand, in welchem Tempo wir das Kind arbeiten lassen. 

Maskus: Das sind aber nur organisatorische Vorteile. Die Vorteile für die Kinder liegen noch viel deutlicher auf der Hand. Sie sind wesentlich schneller selbstständig, sie sind selbstbewusster und auch sozialer eingestellt.

Wie sind die bisherigen Erfahrungen, bewahrheitet es sich, wie Sie es schildern?

Maskus: Ich selbst erlebe es so. Seit zwei Jahren führe ich eine Eingangsstufe und bin von dem Konzept völlig überzeugt.

Warum machen das nicht auch die anderen Grundschulen in Rotenburg so?

Maskus: Das wären ja Hypothesen, die wir aufstellen müssten.

Ich habe nichts gegen Hypothesen ...

Maskus: Vielleicht haben sie sich mit der Materie noch nicht so beschäftigt. Wir haben ja vorher lange an anderen Schulen hospitiert und mit Schulen, die schon lange mit diesem System arbeiten, gesprochen. Dann haben wir gesagt: Die normale Struktur mit Schulkindergarten, erster Klasse und zweiter Klasse ist nicht das Richtige für unsere Schule. Wir müssen etwas finden, was besser zu unserer Schule passt.

Einschulung – was bedeutet das für ein sechsjähriges Kind?

Maskus: Ich bin groß. 

Enders: Ja, manchmal heißt es aber auch „Jetzt muss ich jeden Tag was tun“. Solche Reaktionen haben wir teilweise auch schon. 

Maskus: Aber erst in letzter Zeit. 

Enders: Stimmt. Das ist in den letzten zwei, drei Jahren so gekommen. Aber ansonsten sind sie plötzlich froh, sie gieren nach den ersten Hausaufgaben und nach den ersten Buchstaben, die sie lernen. Zunächst ist also die Neugier das Größte.

Und was bedeutet das für die Eltern?

Maskus: Eine große Umstellung. Loslassen müssen und seinem Kind etwas zuzutrauen. Vertrauen zu haben.

Gelingt das?

Enders: Nicht immer. 

Maskus: Das ist auch für Eltern ein großer Schritt, weil die Betreuung im Kindergarten viel intensiver und engmaschiger ist.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Verhalten der Kinder während der Eingewöhnungsphase in den vergangenen Jahren entwickelt?

Enders: Ich weiß gar nicht, ob ich da so starke Veränderungen sehe. Es gibt immer noch Kinder, die sich nicht lösen können. Sie weinen morgens immer noch und brauchen eine Viertelstunde, bis sie in der Schule ankommen, bis sie die Tränen vor der Tür lassen und sich integrieren können. Es gibt aber immer noch die Kinder, die von Anfang an mitten im Geschäft sind. Also die, die sofort mit Lehrern und Mitschülern umgehen können. 

Aber es gibt eben auch die, die da sehr vorsichtig herangehen, die gucken und erst einmal abwarten, vielleicht auch noch mehr die Hand der Eltern brauchen. Was uns allerdings manchmal auffällt ist, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr ganz so fit für Schule abgeben, wie wir das gerne hätten. Es geht um ein paar Grundtechniken, die uns fehlen.

Was meinen Sie damit?

Enders: Ganz einfach: Sich richtig anziehen können, ihre Materialien organisieren, Schleife binden. 

Maskus: Eigentlich fehlen Teile der Basics: automatisch jemandem grüßen, wenn man einen Raum betritt. Oder beim Essen sitzen bleiben. 

Enders: Es sind Dinge, an denen wir viel stärker arbeiten müssen, als es noch vor ein paar Jahren der Fall war.

Wo sehen Sie die Ursachen für die Veränderung?

Enders: Es wird sich im Grunde genommen weniger mit den Kindern direkt beschäftigt. Erwachsene sind da und haben auch Zeit für die Kinder, aber das eigentliche Eins zu Eins wird immer weniger. Das beklagen ja auch andere. Damit stehen wir Lehrer nicht alleine da. 

Maskus: Ich möchte da auch nicht altmodisch klingen, aber nach wie vor finde ich in vielen Häusern den Medienkonsum viel zu hoch und viel zu früh. Mit drei Jahren muss man kein Tablet bedienen können. Damit kann man auch mit sechs Jahren anfangen. Die Prioritäten sind einfach anders. 

Viele Eltern, die sich um ihre Kinder sehr intensiv kümmern, meinen, besonders viel bieten zu müssen, und Langeweile sei etwas Schlechtes. Dabei muss es gar nichts Schlechtes sein. Und andere haben viel mit sich selbst zu tun.

Wie können sich beide – Eltern und Kind – auf die neue Lebenssituation am besten einstellen?

Maskus: Indem sie offen und gesprächsbereit sind und aufeinander hören. Wir auf die Eltern, die Eltern auf uns, die Kinder auf die Eltern und auch auf uns. 

Enders: Ich muss auch sehen können, dass auf beiden Seiten was passiert. Wir möchten ja jedes Kind in die Spur bringen. Das ist unser großes Ziel. Wir schaffen es nicht, alle zum Gymnasium zu bringen. Mir geht es darum, aus jedem Kopf das rauszuholen, was drinsteckt. Dafür brauche ich auch die Eltern. 

Maskus: Mir ist es wichtig, dass jeder sein Bestes gibt, aber ich darf niemanden überfordern. Das muss man sehen. Und da kann man sich auch mal ein bisschen anstrengen. Das müssen auch die Eltern aushalten, wenn sich das Kind mal eine Viertelstunde anstrengen muss.

Worin besteht für die Lehrer die größte Herausforderung in dieser Eingewöhnungsphase nach der Einschulung?

Maskus: Die liegt darin, den Lärm auszuhalten und die Struktur zu schaffen.

In Ihrer Schule unterrichten Sie Kinder, die aus vielen verschiedenen Nationen kommen. Wie klappt das?

Enders: Wir schulen auch jetzt wieder Kinder mit wenigen oder auch gar keinen deutschen Sprachkenntnissen ein. Dafür haben wir die Möglichkeit, erst einmal Sprachförderunterricht zu erteilen – damit wir auch das Miteinander gestalten können. Wir sind aber darauf angewiesen, dass sich die Kinder untereinander eine ganze Menge beibringen. 

Maskus: Und da sind wieder die Eltern gefragt. Wir haben viele Eltern, die sich von sich aus Hilfe holen, die mit Übersetzern kommen. Das merkt man einfach an den Kindern. Dann sind sie nach einem Jahr so weit, dass sie sich gut verständigen können und im Unterrichtsstoff mitkommen – wenn sie eben auch mit anderen Kindern spielen dürfen. 

Enders: Darin liegt übrigens auch ein Argument für die Eingangsstufe. Wir sind da ein bisschen alternativer in den Methoden und steigen häufiger mal in die Zusammenarbeit ein. So habe ich schon mehr Bezugspersonen. Das funktioniert manchmal schon ganz gut, aber es ist mit Sicherheit kein Rezept für alle Kinder, die ohne Sprachkenntnisse kommen. Das ist schon eine große Aufgabe. Da gibt es überhaupt keine Frage. 

Maskus: Aber die Altersmischung ist für diese Kinder auch gut, weil wir vermehrt Kinder haben, die wegen der Flucht noch keine Schule besucht haben, vom Alter aber eigentlich im zweiten Schuljahr wären. In der Eingangsstufe fallen sie durch ihre körperliche Größe dann natürlich gar nicht so auf. 

Enders: Aber diese Kinder haben doppelt zu leisten. Und die Kollegen haben doppelt Arbeit in der Vorbereitung.

Hat Ihre Schule aufgrund des hohen Migrationsanteils eigentlich eine Sonderrolle?

Enders: Das ist schwierig zu beantworten. Natürlich haben alle anderen Schulen ihre Fälle, also Kinder, die sie besonders in den Fokus nehmen müssen. Aber es hat uns am Anfang nicht so stark belastet, weil wir schon immer ein bisschen Förderunterricht hatten. Es kommt auch vor, dass die unterschiedlichen Kulturen nicht miteinander auskommen. Aber damit haben die Kinder selbst im Regelfall kein Problem. 

Maskus: Ich finde es aber positiv, dass sich viele Eltern mit Migrationshintergrund sehr darum bemühen, an Klassen- und Schulaktivitäten teilzunehmen. Es ist also nicht alles problematisch.

In den Familien wird jetzt erst einmal die Einschulung gefeiert. Diese Feiern haben mittlerweile ein großes Ausmaß angenommen. Wie denken Sie darüber?

Enders: Wie sie nachmittags feiern, sollen sie so gestalten, wie sie es möchten. Ich wäre aber ganz glücklich, wenn sie morgens nicht mit ganz so vielen Leuten kämen. Unsere Aula ist einfach immer überfüllt! 

Maskus: Wenn der Eintritt ins Schulleben als etwas Besonderes gesehen und gefeiert wird, ist alles gut. Dass man unbedingt ein Zelt anmieten und einen Caterer bestellen muss, wage ich zu bezweifeln.

Was geben Sie und Ihre Kollegen den Kindern an ihrem ersten Schultag vor allem mit auf den Weg?

Maskus: Ich gebe ihnen mit: Jeder ist gut, so wie er ist. Jeder kann etwas ganz Besonderes – und jetzt machen wir es zusammen. Und dann klappt’s. 

Enders: Ich habe keine eigene Klasse mehr. Daher habe ich es also eher in der Aula mit den Eltern zu tun. Dort bringe ich immer den Wunsch nach Zusammenarbeit zum Ausdruck. Ich möchte es einfach hören, wenn es etwas zu meckern gibt. Dann würden wir es gerne verändern. Und wenn es einen guten Vorschlag gibt, dann wollen wir auch den gerne hören. 

Maskus: Und gerne hören wir auch was Positives. 

Enders: Ja, das ist auch immer meine große Bitte, denn die Schule kann nur funktionieren, wenn wir zusammenarbeiten.

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