Erschwerte Arbeit durch Corona

ASN-„Sternenfahrten“: Kleine Dinge, große Wirkung

Sternenfahrten-Erfinder Frank Wenzlow (l.) und Frank Hupe mit Lebenshilfe-Geschäftsführer Marc Brockmann (2.v.l.) und den Rotariern Friederike Schloh und Joachim Wiedner vor ihrem umgebauten Rettungswagen.
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Sternenfahrten-Erfinder Frank Wenzlow (l.) und Frank Hupe berichten Lebenshilfe-Geschäftsführer Marc Brockmann (2.v.l.) und den Rotariern Friederike Schloh und Joachim Wiedner von ihrer Arbeit unter Pandemiebedingungen.

Schwerkranke haben oft noch einen großen, letzten Wunsch. So ging es auch der an Krebs erkrankten Frau von Frank Wenzlow. Was ihr verwehrt blieb, weil die Möglichkeiten fehlten, setzt er nun mit den „Sternenfahrten“ um - doch die Arbeit hat in Pandemiezeiten ihre ganz eigenen Herausforderungen.

Rotenburg – Mit ihrem markanten gelb-blau-roten umgebauten Rettungswagen fahren Frank Wenzlow und Frank Hupe vom Ambulance Service Nord (ASN) auf den Parkplatz des Unikat-Geländes der Rotenburger Lebenshilfe. Wenzlow ist der Erfinder der „Sternenfahrten“, mit denen sterbenden Menschen letzte Wünsche erfüllt werden. Gerade in Pandemiezeiten seien das oft ganz kleine Wünsche – die den Ehrenamtlichen aber näher gehen als sonst.

Wie die Idee entstanden ist, zeigt sich schon beim ersten Blick auf das Fahrzeug: Ein Bild von Wenzlows Frau ist dort auf der Außenseite zu sehen. Sie ist nach einer zweijährigen Krebserkrankung gestorben. „Wir mussten Erfahrungen machen, die man niemandem wünschen mag.“ Ihr letzter Wunsch wäre noch einmal eine Fahrt an die Nordsee gewesen, ein Abschiedsbrunch mit ihren Liebsten. „Es gab aber niemanden, der so eine Fahrt bezahlt und organisiert hätte“, erinnert sich Wenzlow.

Doch das sollte es für ihn nicht gewesen sein. Anfangs sei seine Idee oft belächelt worden, nicht umsetzbar, merkten viele an. Viele Hürden haben sie nehmen müssen für ihr Herzensprojekt. Auch, was Behörden angeht: So ist ihr Fahrzeug nach wie vor als Rettungswagen versichert. „Das ist haarsträubend“, sagt Wenzlow. „Für das, was wir machen, gibt es keine Unterkategorie“, merkt Hupe an. Dabei transportieren sie im Fahrzeug auch teils Angehörige, der Versicherungsschutz muss natürlich gegeben sein – sei aber bei einem Rettungswagen im Vergleich zu einem Transporter zum Beispiel teurer.

Doch es gibt auch Unterstützer und um die sind die beiden Männer froh: „Ohne sie wäre die Idee damals eine Idee geblieben“, meint Wenzlow. Mittlerweile haben sie drei umgebaute Rettungswagen im Einsatz für die Fahrten, dazu einen behindertengerechten Transporter und einen Mannschaftsbus. Doch finanziell habe sich die Corona-Krise katastrophal auf ihre Arbeit niedergeschlagen. 80 Prozent seien sie hinter den Einnahmen vom Vorjahr – die sie teils aus Spenden generieren, teils aus Mitteln, die die Ehrenamtlichen durch Erste-Hilfe-Kurse für Firmen einnehmen. Das hatte zur Folge, dass sie zwei ihrer Fahrzeuge verkaufen mussten. Vieles passiere bei ihrer Arbeit im Hintergrund, um die Privatsphäre ihrer Mitfahrer zu schützen. Gleichzeitig sei Öffentlichkeitsarbeit wichtig, um eben Spenden zu bekommen. „Wir boxen uns durch und sind optimistisch“, sagt Hupe.

Die Freude in den Augen als Antriebsfeder

Auch für die 32 aktiven Helfer im Alter zwischen 16 und 72 Jahren sei das Jahr schwierig gewesen. Sie waren durch die sich verändernden Wünsche sehr viel tiefer in die Familien eingebunden – eine Zeit, die Spuren hinterlassen habe. Distanz halten ist dann kaum möglich.

Es seien die kleinen Dinge, zum Beispiel noch einmal die Familie treffen, die während der Pandemie am wichtigsten waren. So gab es viele Fahrten aus Hospizen und Pflegeheimen zu den Sterbenden nach Hause. „Unser Antrieb ist das Dankeschön am Ende, die Freude zu sehen in den Augen, das macht Gänsehaut“, sagt Hupe. Während er von ihrer Arbeit berichtet, sind gerade in diesem Augenblick wieder Kollegen unterwegs zu einer Sternenfahrt. „Es sind oft die kleinen Dinge, die eine große Wirkung haben.“

Ihren Fahrten führen sie quer durch Norddeutschland. Doch gab es auch schon ein, zwei besondere Ausnahmen. Einmal ging es ans Nordkap, was aber nicht aus Spendengeldern finanziert wurde. Vor wenigen Wochen war der große Wunsch eines Sterbenden, nach Polen zu fahren, was sie mit den Helping Angels Gotha realisieren konnten. „Doch die meisten Wünsche sind gar nicht so groß“, weiß Wenzlow.

Was ihn jedoch stört: Dass das Thema Tod noch so oft tabuisiert werde. Viele machten sich keine Gedanken über das „was wäre wenn“, doch das sei verkehrt. Die Angehörigen wüssten im Notfall oft gar nicht, was die Wünsche desjenigen gewesen wären. „Der Tod ist ein Teil des Lebens“, so Wenzlow. Dabei seien die Betroffenen auf den Fahrten meist mit sich im Reinen, oft sind diese aber auch für die Hinterbleibenden wichtig. Diese Form des Abschieds voneinander.

Um sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen, gibt es an diesem Nachmittag 2 500 Euro vom Rotary Club aus einer Schredderaktion im Mai. Insgesamt 3 400 Euro sind dabei zusammengekommen – etwa drei Tonnen Papier und andere Dinge wie Festplatten und CDs seien an der Schredderei der Lebenshilfe abgegeben worden, berichten Geschäftsführer Marc Brockmann mit der mittlerweile ehemaligen Rotary-Präsidentin Friederike Schloh und Joachim Wiedner. Der Rest werde ebenfalls für soziale Projekte verwendet, noch stehe aber nicht konkret fest, wofür. Für die erste Aktion, zudem unter Pandemiebedingungen, sei das aber ein großer Erfolg gewesen.

Wenzlow und Hupe freuen sich über die Unterstützung. Auf ihre Sternenfahrten ist Wiedner durch einen Bericht aufmerksam geworden und wollte die „absolut unterstützenswerte Idee“ mithilfe eines Projekts fördern. Das war mit der Schredderaktion gefunden. Schon früh regelten die Rotarier in der Pandemie vieles online, da sei es umso schöner gewesen, wieder eine Aktion in Präsenz durchführen zu können.

Einziger Nachteil: Das Unikat durfte aufgrund der Coronaregeln seinen Marktplatz nicht öffnen. Das hätten die Rotarier und die Lebenshilfe gerne miteinander verbunden. Die Aktion soll aber wiederholt werden.

Übrigens: Bei der Schredderei können jederzeit Unterlagen abgegeben werden. Auch ganze Ordner und Papiere mit Klammern. Die Mitarbeiter kümmerten sich darum – unter hohen Datenschutzstandards, Externe haben keinen Zugang, so Lebenshilfe-Pressesprecherin Wiebke Woyke.

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