Arzt Hans Hackbarth stellt die Geriatrische Abteilung am Diakonieklinikum vor

„Manchmal brauchen sie einfach Zuwendung“

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Arzt Hans Hackbarth ist Teil des Geriatrischen Teams am Diakonieklinikum.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Statistiken zeigen: Auch in Niedersachsen wächst der Anteil an alten Menschen. Das stellt nicht nur die Politik, sondern auch die Medizin vor neue Herausforderungen. Das Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg hat inzwischen reagiert und eine Geriatrische Abteilung eingerichtet.

Bereits seit Februar 2013 gibt es 20 Betten, belegt mit Patienten aus der Unfallchirurgie, der Neurochirurgie und der Neurologie, berichtet Hans Hackbarth. Er ist Leiter dieser Abteilung und war auch an ihrem Aufbau beteiligt. Erst jetzt sei die Geriatrie offen für Patienten aus anderen Fachbereichen des Klinikums, anderen Krankenhäuser sowie aus dem ambulanten Bereich. „Dafür stocken wir nach und nach auf 30 Betten auf“, erklärt Hans Hackbarth.

Doch was verbirgt sich hinter dem sperrigen Begriff eigentlich? Die Geriatrie bezeichnet die Lehre von den Krankheiten des alternden Menschen und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, klärt Hackbarth auf. Im Normalfall kämen die Patienten – meist älter als 80 Jahre –, wenn etwas passiert ist, sie sich zum Beispiel das Bein brechen und dazu noch Begleiterkrankungen haben, die noch nicht behandelt werden.

„Wir schauen uns den älteren Menschen dann im Ganzen an. Wie ist sein geistiger Zustand? Lebt er einsam? Wie steht es um seine Mobilität? Gibt es Vorerkrankungen wie einen Schlaganfall?“ Hackbarth und sein Team versuchen, den Patienten je nach Erkrankung schon aus der Notaufnahme oder nach der Operation in ihre Abteilung zu holen, um so früh wie möglich mit der Rehabilitation zu beginnen. Es gelte, unnötige Diagnostik zu vermeiden. „Wir sprechen mit den Angehörigen und dem Menschen, ob eine Operation tatsächlich noch notwendig ist, oder wir ihm stattdessen soviel Lebensqualität wie möglich zurückgeben.“

In den Kliniken seien die Liegezeiten in den vergangenen Jahren stark gesunken. Meistens sind die Patienten binnen weniger Tage wieder zu Hause. „Das geht bei einem 90-Jährigen nicht“, so der 61-jährige Arzt. Wer diese Rehabilitation benötigt, verbringt etwa 25 Tage in der Geriatrischen Abteilung des Diakos. Dass der Bedarf da ist, zeigt die Bettenauslastung von 92 Prozent. „Und der Zustrom dieser Menschen wird ja noch größer“, glaubt Hackbarth. Eine Zukunftsvision sei es deshalb, die Abteilung irgendwann auf 40 Betten auszubauen.

Zum Team gehören unter anderem eine weitere Ärztin, Gesundheits- und Krankenpfleger, Mitarbeiter aus Ergotherapie, Logopädie, Neuropsychologie und dem Sozialdienst. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die Seelsorge. „Da geht es nicht nur um religiöse Dinge. Manchmal brauchen diese Menschen einfach etwas Zuwendung“, berichtet Hackbarth von seinen bisherigen Erfahrungen. Einmal pro Woche treffen sich alle Mitglieder zur Besprechung. Es gilt, die Behandlung jedes Patienten abzustimmen und kurzfristige Veränderungen in dessen Leben zu berücksichtigen. Das könne beispielsweise sein, wenn derjenige im Anschluss an die Behandlung zu Angehörigen oder in eine Pflegeeinrichtung zieht oder sich dann ein Nachbar verstärkt kümmere. Es gehe nicht darum, den Menschen so „wiederherzustellen“, wie er vor dem Klinikaufenthalt war. „Wir wollen ihm möglichst viel Selbstständigkeit zurückgeben.“ Unabhängig davon, ob der Patient danach in sein altes Umfeld zurückkehrt.

„Die Botschaft ist: Jeder ist trainierbar, auch eine demente ältere Dame“, so Hackbarth. Damit es aber gar nicht erst zu einem Aufenthalt in der Geriatrie kommt, rät der Geriatrie-Experte, sich fit zu halten: „Wer mobil ist und soziale Kontakte pflegt, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, gar nicht erst auf diese Rehabilitation angewiesen zu sein.“

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