174 Arten auf Roter Liste

Verein GEH setzt sich für den Erhalt heimischer Haustierrassen ein

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Wolfgang Schüßler unterhält sich mit seiner bayerischen Landgans, die als stark gefährdet gilt. Die letzte Erhebung der GEH im Jahr 2013 zählte nur rund 70 Gänse dieser Art. Wesentlich häufiger vertreten, aber dennoch auf der Roten Liste: die Warzenente (M.).

Meckelstedt/Rotenburg - Von Joris Ujen. Seien es das bedrohte Sumatra-Nashorn, der Berggorilla, der südchinesische Tiger und viele weitere exotische Lebewesen auf unserem Planeten. Das weltweite Artensterben trifft zurecht auf öffentliches Interesse. Doch was ist mit dem Brillenschaf, dem Leicoma Schwein oder der Leinegans? Noch nie gehört?

Diese und 171 weitere Nutztierrassen stehen in Deutschland auf der Roten Liste der GEH. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen hat es sich zum Ziel gemacht, heimische Tiere vor dem Aussterben zu schützen. Mit Erfolg: Seit Gründung der GEH im Jahr 1981 ist nicht eine Tierrasse auf der Liste ausgestorben. Die Gesellschaft ist bundesweit mit rund 2 200 Mitgliedern und weiteren Unterstützern aktiv. Mit der Regionalgruppe Elbe-Weser-Dreieck und rund 100 Mitwirkenden auch in unserer Region.

Wolfgang Schüßler ist der Sprecher der Regionalgruppe, die in den Landkreisen Rotenburg, Osterholz, Stade, Verden und Cuxhaven auf bedrohte Tierrassen aufmerksam macht. Der 74-jährige Rentner hält auf seinem Hof in Meckelstedt – einer Ortschaft im Landkreis Cuxhaven, rund 20 Kilometer von Bremervörde entfernt – auch Nutztiere, die auf der Roten Liste stehen. Darunter Alpine Steinschafe, Lauf- und Warzenenten sowie Sundheimer Hühner. „Die Hühner waren vor nicht allzu langer Zeit stark gefährdet, die zweithöchste Stufe auf unserer Roten Liste“, informiert Schüßler. Jetzt stehen sie nur noch unter Beobachtung, Stufe vier. Laut dem Tierliebhaber liegt das mitunter auch daran, dass der Verein diese Hühnerart als „Rasse des Jahres“ wählte, was die Aufmerksamkeit für dieses Tier fördere. 2019 ist es das Wollschwein.

Bei der Gründung der Gesellschaft standen 70 Haustierrassen auf der Liste, heute sind es 174, Tendenz steigend, erzählt Schüßler. Alles Tiere, die seit mindestens mehreren Jahrzehnten in der Bundesrepublik heimisch sind. Gerade in der heutigen Zeit spielt der Ertrag für die Landwirte eine wichtige Rolle. „Alte Kuhrassen beispielsweise haben nicht den Milchertrag eines Hausrindes. Und auch die Körpergröße zur Fleischverarbeitung ist nicht die gleiche“, erklärt der gebürtige Heidelberger.

Die Tierzahlen, die die GEH erhebt, können aber nicht immer den tatsächlichen Bestand aufdecken. Laut Schüßler wissen einige Tierhalter gar nicht, dass sie bestimmte vom Aussterben bedrohte Rassen bei sich auf dem Hof haben. „Damit solch ein Unwissen nicht einer Tierrasse zum Verhängnis wird, besuchen wir beispielsweise regelmäßig Treffen von Geflügelzüchtern. Dort können wir dann aufklären und auch gleich den Bestand erfassen.“

Doch welchen Anreiz kann es für einen Züchter neben dem Artenschutz geben, ältere Tierrassen zu halten? Schüßler: „Man kann auch einen Mehrwert daraus gewinnen. So haben wir einen Geflügelzüchter im Landkreis Cuxhaven überzeugen können, unter anderem ostfriesische Möwen (Hühner) in seinen Bestand aufzunehmen. Die sind auf der Roten Liste als gefährdet (Stufe drei) gekennzeichnet. Mit der Seltenheit der Tiere wirbt der Züchter wiederum und kann auch einen höheren Preis verlangen.“ Auf Anfrage macht die GEH auch Hofbesuche und berät potenzielle Züchter über die Anforderungen für alte und gefährdete Nutztierrassen.

Auch die Reproduktion spielt eine Rolle in der Viehzucht. Wirft ein Wollschwein im Schnitt etwa fünf bis sechs Ferkel, kann ein Hausschwein das Doppelte gebären. Hinzu kommt, dass ein Wollschwein erst nach 15 Monaten ausgewachsen ist, ein Hausschwein hingegen schon nach etwa vier bis fünf Monaten, dafür sei die Qualität aber eine andere. Überwiegend arbeiten Viehhalter mit der künstlichen Besamung ihrer Tiere und auch die GEH lässt Spermien alter Rassen konservieren. Denn es kann sehr schnell passieren, dass eine Art kurz vor dem Aus steht. „Ein großes Problem ist, wenn ein Züchter seine seltenen Tiere aufgibt. Das kann mehrere Gründe haben. Zum Beispiel weil seine Schwarzen Bergschafe von der Blauzungenkrankheit befallen sind oder der Züchter aus Altersgründen aufhört und seine Kinder den Hof nicht übernehmen möchten“, so Schüßler. Dann muss die GEH eingreifen, um den Bestand zu sichern. Das Überleben traditioneller Nutztierrassen sei vor allem einer kleinen Zahl von bodenständigen, traditionsbewussten Landwirten zu verdanken, die meist als Einzelgänger ihre Rasse über Jahrzehnte hinweg erhalten haben.

Eine selten gewordene Laufente. 2016 zählte die GEH nur noch 1 284 Tiere. Schüßler hat zwei.

Viele der gefährdeten Nutztierrassen können und werden durch ihre Ruhe und Gelassenheit auch für therapeutische Zwecke eingesetzt. Und auch der Tourismus kann von den weniger bekannten Tieren profitieren, wenn beispielsweise Warzenenten auf einem Hof zur Schau gestellt werden. Wolfgang Schüßler hat zehn Enten dieser Art auf seiner Wiese, bundesweit gibt es aktuell rund 3 500. Ihren Namen haben sie von der mit flachen Warzen bedeckten Gesichtshaut und ihrer Stirnwarze, und im Gegensatz zu den Hausenten können Warzenenten nicht quaken. Nur ein Beispiel einer Nutztierrasse und ihren individuellen Eigenschaften.

„Damit sich die Zucht bedrohter Haustierrassen auch wirklich lohnt, muss die Politik mitspielen. Zuschüsse müssen fließen“, fordert der Sprecher der Regionalgruppe. Ein aktuelles Problem bei der Haltung gefährdeter Weidetiere ist der Wolf. Tierliebhaber Schüßler betont, dass er nicht für eine Ausrottung des Wolfs ist, der Bestand müsse aber begrenzt werden. Rund um den Ort Meckelstedt wurden schon häufiger Wölfe gesichtet, eine Kuhherde eines Bauern wurde vor zwei Jahren attackiert. Was Umweltminister Olaf Lies (SPD) dazu bewog, den Ort zu besuchen. Schüßler habe seinen Bestand an Schafen wegen der Präsenz des Wolfes bereits reduziert, viele seiner Bekannten haben die Schafzucht komplett aufgegeben. Für den Einsatz eines Herdentierhundes sieht er hingegen keine Notwendigkeit, da er insgesamt nur noch 14 Schafe hat – sieben Alpine Steinschafe und sieben Moorschnucken, die alle auch auf der Roten Liste stehen. „80 Prozent der Halter in Niedersachsen haben unter 100 Schafe. Eine klare Mehrheit. Allerdings kümmert sich das Land nur um die größeren Herdentierhalter, Kleinschäfer haben hingegen kaum Fläche, müssen aber die hohen Pachtkosten tragen.“

Die GEH werde laut Schüßler wahrscheinlich nie zu einem großen Verein wachsen. Das sei auch gar nicht das Ziel. Vielmehr gehe es darum, dass die Öffentlichkeit von den bedrohten Tieren weiß und die traditionsbewussten Landwirte bei ihrer Zucht unterstützt.

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