Appell an werdende Eltern: Möglichst schnell eine Hebamme suchen

„Das zieht weite Kreise“

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Birgit Rüsch (v.l.), Wiebke Brockmann, Ruth Meyer, Ulrike Müller, Birgit Große und Antje Jäger machen erneut auf den Hebammenmangel aufmerksam.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Antje Jäger und ihre Kolleginnen lieben es, Hebammen zu sein, zum Beispiel mitzuerleben, wie sich Eltern durch ein Kind verändern. Aber ein Faktor spielt seit einigen Jahren eine immer größere, eine negative Rolle: Es gibt immer weniger von ihnen, um immer mehr Familien muss sich jede Einzelne kümmern.

Ein seit Jahren „schleichender Prozess“ sei der Hebammenmangel – doch gerade seit Januar sei die Lage extrem. „Seitdem sind wir noch eine weniger, weil eine Kollegin aufgehört hat“, berichtet Antje Jäger, die freiberuflich tätig ist und mit drei Kolleginnen die Hebammenpraxis in Rotenburg betreibt. Besonders in Elsdorf, Gyhum, Zeven und Scheeßel sei es knapp, auch in Horstedt gebe es keine Hebamme mehr.

Ein Problem: Es rücken kaum welche nach. „Wo sind die frisch Examierten?“, fragt Wiebke Brockmann. Im ganzen Landkreis Rotenburg könnten noch mindestens drei bis vier mehr Hebammen gebraucht werden, schätzt Antje Jäger. Gemeldet sind derzeit 43 im Landkreis Rotenburg, die unterschiedliche Tätigkeitsbereiche abdecken (s. Infokasten). Doch nicht alle sind noch aktiv. Noch vor 15 Jahren habe es mehr Frauen gegeben, die diesen Beruf hätten ausüben wollen. „Aber vielleicht ist die Verantwortung vielen zu groß geworden“, vermutet Brockmann.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass Hebammen im Landkreis Rotenburg auf den Mangel aufmerksam machen. Doch es habe sich noch immer nichts geändert. Stattdessen kämen weitere Probleme hinzu, wie der Beitrag zur Krankenversicherung, der erst vor Kurzem erhöht worden ist („Die Kassen haben noch nicht begriffen, dass wir präventiv arbeiten.“). Schon deshalb suchen die Hebammen den Kontakt zur Öffentlichkeit, denn der Mangel ist nicht das einzige Problem: Sie appellieren an die Familien, schnellstmöglich eine Hebamme zu kontaktieren.

Das tun viele Frauen nicht. Dabei haben sie von Beginn der Schwangerschaft an ein Recht auf eine Hebamme, erklärt Jäger, „deshalb ist es gut, wenn sich die Frauen früh melden“. Denn: „Sonst finden sie keine Hebamme mehr“, ergänzt Birgit Rüsch. Einige Frauen hätten zwei Dutzend Hebammen ohne Erfolg angerufen, weil sie so spät dran gewesen seien. Dabei sei es umso besser, je früher der Kontakt zur Schwangeren entsteht.

Ein Problem, dass die Hebammen auch bei den Gynäkologen begründet sehen: Manche weisen demnach nicht darauf hin, dass sich die Frauen so früh wie möglich um eine Hebamme kümmern müssten. Auch die Kurse, zum Beispiel Rückbildungsgymnastik, seien oft lange im Voraus ausgebucht. Denn aus den umliegenden Landkreisen, denen es häufig nicht besser geht, greifen Frauen ebenfalls auf die Angebote zurück.

Manch eine Hebamme habe seit mehreren Monaten keinen freien Tag mehr gehabt – ein Acht-Stunden-Tag reiche meist nicht. „Ein Albtraum“, sagt Jäger, die langfristig – ohne Nachwuchs – nur die Lösung sieht, dass mehrere Hebammen eine Familie betreuen und es eine zentrale Sprechstunde im Ort gibt.

Antje Jäger ist zum Beispiel die einzige Hebamme im Landkreis, die Hausgeburten anbietet. Im vergangenen Jahr hat sie 15 Geburten betreut. In der Woche vor und nach der Geburt muss sie immer auf Abruf für die Frau sein. Alleine bei einer Schwangeren kommt eine Hebamme so schnell auf etwa 30 bis 35 Termine in eineinhalb Jahren Betreuung. „Viele Familien erwarten, dass wir uns immer nach ihnen richten“, sagt Rüsch. Auch abends, nachts und am Wochenende kommen Nachrichten bei „WhatsApp“. „Diese ständige Erreichbarkeit erhöht die Erwartung zusätzlich. Wir können doch nicht per ‚WhatsApp‘ aus der Ferne Tipps geben“, findet Ulrike Müller.

„Wir sind die Zuhörer“, sagt Birgit Rüsch. Viele Frauen würden Fragen zu alltäglichen Dingen stellen, für die sie keine Ärzte aufsuchen. Das zeugt von der Vertrauensbasis, den die Frauen häufig zur Hebamme haben. „Das zieht weite Kreise und wirkt sich auch auf die Kinderärzte und Gynäkologen aus“, beschreibt Jäger. Brockmann: „Man möchte nicht wissen, wie das wird, wenn es uns mal nicht mehr gibt.“

Unterschiedliche Aufgaben

Jeder schwangeren Frau steht die Hilfe einer Hebamme zu, sie bieten während der Schwangerschaft, Geburt und in der Zeit des Wochenbettes eine ganzheitliche Betreuung an. Das Angebot ist gesetzlich geregelt, und jede Krankenkasse übernimmt fast alle Kosten. Hebammen nehmen unterschiedliche Aufgaben wahr. Unter anderem kümmern sie sich um die Vorsorge, machen Hausbesuche und beantworten Fragen zum Schwangerschaftsalltag. Daneben bieten sie Kurse an. Es gibt auch Freiberuflerinnen, die zum Beispiel als Hausgeburtshebamme, Hebamme im Krankenhaus oder Beleghebamme im Krankenhaus tätig sind.

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