Politik: „Das ist anmaßend"

Kritik: Diakonieklinikum lehnt Abtreibungen nach Beratung ab

Auch in Rotenburg wird darüber diskutiert, ob Schwangerschaftsabbrüche nach der gesetzlich vorgeschriebenen Beratung vorgenommen werden müssten. - Foto: imago

Rotenburg - Von Michael Krüger. Schwangerschaftsabbrüche sind Jahrzehnte nach den Kompromissen zum umstrittenen Paragrafen 218 im Strafgesetzbuch immer noch ein heikles Thema.

Im Landkreis Schaumburg ist eine Debatte entfacht, weil dort die drei kleineren Kliniken der Region durch ein großes Haus ersetzt werden. In zweien waren Abtreibungen nach der gesetzlich vorgeschrieben „Fristenregelung“ bislang möglich, das neue Krankenhaus lehnt diese unter Berufung auf seine christlichen Werte ab. Der Betreiber: der Agaplesion-Konzern. Wie in Rotenburg.

In Schaumburg sprechen Kritiker bereits von einer „frauendiskriminierenden Entscheidung“, da es im dortigen Landkreis auch keine Arztpraxen gibt, die die ambulante Abtreibung anbieten. Und auch im Landkreis Rotenburg sind die ersten kritischen Worte zu vernehmen – wohlgemerkt vor dem Hintergrund, dass das Diakonieklinikum auch ohne Mehrheitsgesellschafter Agaplesion die im Strafgesetzbuch als Ausnahme verankerte Beratungsklausel für Abtreibungen „seit Jahrzehnten aus der christlichen Tradition unseres Hauses“ heraus ablehne, so Klinik-Sprecherin Ute-Andrea Ludwig.

Tatsächlich gibt es keine gesetzliche Verpflichtung, dem Paragrafen 218a „Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs“ zu folgen. Niemand darf gezwungen werden, an einem Schwangerschaftsabbruch mitzuwirken, weder Ärzte noch Pflegepersonal. 

Abbrüche werden in Rotenburg nicht durchgeführt

Grundsätzlich gilt deswegen für das Diakonieklinikum, so Ludwig: „Jedes Leben ist schützenswert. Dafür setzen wir uns als konfessionelles Unternehmen ein. Aus Sicht der christlichen Ethik geht es darum, Leben zu fördern und es Menschen zu ermöglichen, Ja zum Leben sagen zu können. Das gilt auch für das ungeborene Leben. Darum befürworten wir Schwangerschaftsabbrüche mit sogenannter sozialer Indikation nicht. Diese Schwangerschaftsabbrüche im Rahmen der Fristenregelung werden bei uns, wie in den meisten konfessionellen Krankenhäusern, in der Regel nicht durchgeführt.“

Landtagsabgeordnete: „Anmaßend“

Elke Twesten, Landtagsabgeordnete der Grünen aus Scheeßel und frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion, bezeichnet diese Haltung als „einigermaßen anmaßend“. Nicht nur in Schaumburg, sondern auch in Rotenburg würden Frauen in dieser ohnehin schwierigen Situation zusätzlich belastet, wenn sie nicht wissen, wohin.

Twesten: „Wenn eine Frau sich aufgrund sozialer Indikation und nach Beratung sowie Bedenkzeit für einen Abbruch entscheidet, sollte sie auch vor Ort die Möglichkeit haben, den Eingriff durchführen zu lassen.“ Denn auch wenn sich die Klinik auf christliche Werte berufe, sei ein Schwangerschaftsabbruch bei sozialer Indikation innerhalb der gesetzlichen Frist straffrei. Twesten will nun das Gespräch mit den Verantwortlichen vor Ort in Rotenburg zu suchen.

Abbrüche in der Region jedoch möglich

Die Gleichstellungsbeauftragten in der Region sehen das Vorgehen von Agaplesion dagegen weniger kritisch. Denn auch wenn Rotenburgs Sprecherin Brigitte Borchers dieses Verhalten als „bedauerlich“ einstufe, sehe sie „darin aber kein schwerwiegendes Problem für Rotenburger Frauen.“ Es gebe vor Ort eine Arztpraxis, die diese Eingriffe vornehmen könne und in relativer Nähe in Bremen das medizinische Zentrum von Pro Familia, in dem Frauen „einfühlsam und medizinisch sicher“ behandelt würden. 

Ute Pommerien, Gleichstellungsbeauftragte beim Landkreis, sieht es ebenfalls als möglich an, dass Frauen notwendige Schwangerschaftsabbrüche in der Region „in medizinisch einwandfreier Weise umsetzen können“. Pommerien: „Die Gewissensentscheidung der Mitarbeiter des Diakonieklinikums habe ich nicht zu bewerten oder zu kommentieren.“

In Rotenburg werde keine Frau alleine gelassen, versichert Krankenhaus-Sprecherin Ludwig. Externe Ansprechpartner in Praxen oder Kliniken würden selbstverständlich vermittelt. Zudem berate das Krankenhaus auch selbst, und „sollte der Arzt während dieses Gesprächs zu dem Entschluss kommen, dass eine Schwangerschaft die seelische Gesundheit der Mutter gefährdet, kann eine medizinische Indikation zu einem Schwangerschaftsabbruch gestellt werden“. 

Denn Ausnahmen in Rotenburg seien Schwangerschaftsabbrüche, die nach ärztlicher Sicht angezeigt seien, um eine Gefahr für das Leben der Schwangeren oder eine schwerwiegende Beeinträchtigung ihres körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes abzuwenden, und diese Risiken nicht auf eine andere für sie zumutbare Weise verhindert werden können. Ludwig: „In einer solchen Ausnahmeausnahmesituation würde auch in unserem Klinikum ein solcher Eingriff vorgenommen.“ Wie oft dies im Diako geschehe, sagt Ludwig nicht: „Dazu geben wir keine Auskunft.“

„OsteMed“ lässt Abtreibungen zu

Während das Rotenburger Agaplesion Diakonieklinikum Schwangerschaftsabbrüche mit sogenannter sozialer Indikation ablehnt, lassen die „OsteMed“-Krankenhäuser in Bremervörde und Zeven diese zu. „Wir sind nicht an Konfessionen gebunden, und die Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs ist daher reine Gewissensentscheidung des einzelnen daran Beteiligten. Ein Schwangerschaftsabbruch kann nicht delegiert werden, weder durch den Dienstherrn noch durch den Vorgesetzten“, erklärt „OsteMed“-Sprecherin Dagmar Michaelis auf Nachfrage. 

Die Beteiligung an einer sozial indizierten Abtreibung erfolge demzufolge aus eigener Überzeugung. Dies gelte für alle daran Beteiligten – auch für Ärzte und Pfleger, die auf Wunsch nicht an einem Abbruch mitwirken müssen. Bis zur elften Schwangerschaftswoche führen die beiden Häuser Abtreibungen durch. „Darüber hinaus nicht, obwohl die Frist bis 14. Woche geht“, so Michaelis. 

Beratungsgespräche bieten die beiden Kliniken keine an, dazu seien sie nicht autorisiert. „Patientinnen, die uns in Konfliktsituationen ansprechen, verweisen wir an die offiziellen Beratungsstellen oder dafür zugelassene niedergelassene Kollegen.“

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