Helfer für Integration gesucht

Viele Ehrenamtliche geraten inzwischen an ihre Grenzen

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Johannes Stephens (l.) und David Belau haben die Ehrenamtlichen in der Rotenburger Flüchtlingshilfe nicht nur informiert, sondern mit ihnen auch einige Aspekte diskutiert.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die Aufmerksamkeit hat abgenommen. Es ist ruhig geworden um die Flüchtlinge in der Kreisstadt. Normalität hat die Aufregung von vor zwei Jahren abgelöst. Die Menschen, die seitdem auch in Rotenburg Zuflucht gefunden haben, gehören dazu.

Und doch: „Die Integration der Flüchtlinge fängt eigentlich jetzt erst an.“ Klare Worte von David Belau. Der Sozialarbeiter ist als Ehrenamtskoordinator am Diakonissen-Mutterhaus beschäftigt. Zusammen mit Johannes Stephens – Referent des Mutterhausvorstandes – hat er Ehrenamtliche aus der Flüchtlingshilfe eingeladen, um sie über Ehrenamtstätigkeiten zu informieren. Was ist in den kommenden Monaten geplant? Und wo gibt es noch Bedarf? Rund 20 Gäste kommen ins Mutterhaus.

Blick zurück: Vor fast genau zwei Jahren leben bereits 100 Flüchtlinge auf dem Campus in Unterstedt. Das Zusammenleben funktioniert. Aber damit allein ist es nicht getan. Ziel sind nun Maßnahmen, die den Menschen aus mehreren verschiedenen Ländern helfen, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Dabei setzen die Macher – das sind die Stadt Rotenburg sowie das Diakonissen-Mutterhaus – auf die Mithilfe von Ehrenamtlichen. Das Diakonissen-Mutterhaus hatte drei Gebäude der ehemaligen Lungenklinik umbauen und so herrichten lassen, dass dort bis zu 150 Flüchtlinge leben können. Die Stadt hat diese angemietet – aus den Mieteinnahmen finanziert das Mutterhaus nun Projekte und Personal, um die angestrebte Integration der Asylbewerber zu realisieren.

Matthias Richter, Theologischer Direktor im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg, nimmt das Thema in die Hand und lädt alle Rotenburger ein, die sich ehrenamtlich einbringen möchten. Der Buhrfeindsaal platz fast aus allen Nähten. Das Interesse ist groß. Die Menschen bringen einiges auf den Weg.

Kreis der Aktiven ist kleiner geworden

Zurück in der Gegenwart: Inzwischen lässt sich feststellen, dass zwar viel passiert ist, aber der Kreis derer, die sich mit einbringen, ist kleiner geworden. Das Interesse an einer Info-Veranstaltung wie jetzt im Mutterhaus sinkt.

Deshalb wird David Belau auch nicht müde, über den Bedarf zu sprechen. Zum Beispiel in der Fahrradwerkstatt auf dem Campus. Die läuft gut, und es gibt jede Menge gespendeter Räder. „Aber wir brauchen noch weitere Schrauber, die helfen, die Räder wieder instand zu setzen.“ Hilfe werde auch beim Abholen der Fahrradspenden benötigt.

Beispiel Kinderbetreuung: Kommen die Kleinen aus der Schule zurück, blieben sie oft auf der Strecke. Belau: „Wir wollen ein Angebot schaffen.“ Auch dafür braucht es Unterstützung, sagt er.

Außerdem laufe das Erlernen der deutschen Sprache nicht rund. Der Ehrenamtskoordinator betont, wie schwer es den Flüchtlingen falle, ihre Deutschkenntnisse anzuwenden und damit zu verbessern. „Es wäre schön, wenn sich Menschen finden, die zu den Flüchtlingen gehen und ihnen im Gespräch auf Augenhöhe begegnen.“ Vielleicht bei einem Kaffee oder Tee. Menschen, die einfach da sind, ein offenes Ohr haben, mit ihnen reden.

Schul- und Berufsausbildung wird zum Problem

Und noch ein Problemfeld haben die ausgemacht, die sich beruflich mit der Integration der Flüchtlinge beschäftigen: „Es ist die Schul- und Berufsausbildung“, sagt Belau. Gerade die jungen Leute scharren nach seinen Angaben mit den Hufen, wollen durchstarten. Es gehe darum, die erforderlichen Kontakte zu intensivieren.

Aber es fällt noch mehr auf: Viele der aus Kriegs- und Krisengebieten zu uns gekommene Menschen seien traumabelastet. Junge Leute fielen zum Teil schon in Depressionen. Sie sehen für sich keine Perspektive, nachdem sie schon so lange zum Beispiel auf dem Campus leben.

Blick nach vorne: Im Mutterhaus werden jetzt Kochabende für Männer und auch für Frauen geplant. Im März wird es einen Film geben, der sich mit dem Schicksal der Flüchtlinge auseinandersetzt. Im April steht ein Willkommensfest auf dem Programm, und außerdem sei eine Fortbildung zum Umgang mit Traumatisierung vorgesehen. „Außerdem können wir auch eine Supervision für Ehrenamtliche anbieten“, erklärt Belau. Es zeigt sich Interesse bei den Gästen im Mutterhaus. Denn: Viele Ehrenamtliche stoßen inzwischen an ihre Grenzen. Das hängt vielleicht auch mit zu hohen Erwartungen zusammen. Etwa bei der Sprachschulung. Dennoch oder gerade deshalb danken Belau und Stephens allen für ihre Hilfe – in der Hoffnung, dass sie anhält.

Offenes Ohr für Ideen und Anregungen

Es ist die Frage aller Fragen: „Wie können wir Leute für das Ehrenamt gewinnen oder jene zurückholen, die jetzt nicht mehr dabei sind?“ Damit hat David Belau, Ehrenamtskoordinator im Diakonissen-Mutterhaus, einen ganz wesentlichen Diskussionspunkt in den Raum gestellt. Fakt ist: Das Mutterhaus wünscht sich und braucht mehr ehrenamtliche Hilfe in der Flüchtlingsarbeit. Eine Antwort auf die Frage, wie das gelingen kann, ist schwer zu finden. Belau versucht es mit einer Art Betreuung all jener, die Zeit und Kraft opfern, um den Flüchtlingen zu helfen. Man habe zudem ein offenes Ohr für Ideen und Anregungen.

Ein weiteres Problem: Es werde zunehmend schwerer, auch jene Flüchtlinge zu erreichen, die eben nicht mehr auf dem Campus oder in der Unterkunft am Glummweg leben, sondern die in den angemieteten Wohnungen ein Zuhause gefunden haben. Wichtig dabei, so Elke Bellmann, Leiterin des Rotenburger Amtes für Jugend und Soziales, sei die Vernetzung. Hilfreich könne es dabei sein, mit den Informationen über Angebote in die Deutsch- und Integrationskurse zu gehen. „Dort erreichen wir sie“, sagt Bellmann.

Wöchentliches Café im Meyerhof

In Scheeßel helfe dabei das wöchentliche Café im Meyerhof. Paul Göttert, der sich dort in der Flüchtlingshilfe engagiert: „Das ist ein Fixpunkt für die Flüchtlinge, dort erhalten sie auch Beratung und können ihre Anliegen ansprechen.“ In Rotenburg gibt es einmal im Monat das „Café International“ – mit zurückgehenden Teilnehmerzahlen. Vielleicht liegt es am Termin. Daher findet es künftig immer am zweiten Freitag eines Monats von 16 Uhr an im Gemeindehaus der Stadtkirchengemeinde statt. Eingeladen sind dazu nicht nur Flüchtlinge, sondern auch alle anderen Rotenburger, die den Austausch suchen.

Eduard Hermann, der Rotenburger Straßensozialarbeiter, warnt übrigens davor, Aktionen und Angebote nur speziell für die Flüchtlinge zu schaffen und sich allein darauf zu verlassen. „Es gibt Angebote in der Stadt, die sie nutzen können. Sie kommen ins Jugendzentrum und auch zum offenen Sportprojekt.“ Nur die Teilnahme am Kinderferienprogramm habe bislang noch nicht so gut funktioniert. Die Diskussion darüber, wie sich erreichen lässt, dass die Flüchtlinge die allgemeinen Angebote annehmen und sich dort nicht isolieren, endet ergebnisoffen. Eine Empfehlung in der Runde der Helfer: „Geduld!“

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