Andeutung des Grauens

Bewegtbildtheater „Herzkeime“ gibt im Rotenburger Ratssaal Denkanstöße

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Die Schauspielerin Martina Roth und der Komponist Johannes Conen zeigten das Stück „Herzkeime – ein Abend zwischen den Welten zweier Frauen“. 

Rotenburg - Eine Frau im abgewetzten Mantel mit Koffer vor einer Dialeinwand, die durch ein vergittertes Fenster Ausblick auf eine düstere Straße gewährt, im Halbdunkel ein Gitarrist – es brauchte am Dienstagabend im Rotenburger Ratssaal nur wenige Requisiten, um knapp 200 Besucher in eine fremde Welt der Betroffenheit zu versetzen.

Die Gleichstellungsbeauftragte Brigitte Borchers, der Förderverein der Cohn-Scheune und die Volkshochschule hatten die Schauspielerin und Sängerin Martina Roth sowie den Szenografen und Komponisten Johannes Conen mit dem Stück „Herzkeime – ein Abend zwischen den Welten zweier Frauen“ eingeladen. Unter dem Begriff „Bewegtbildtheater Trier“ konnte sich kaum einer etwas vorstellen – und er führte auch etwas in die Irre, machten die zuweilen bewegten Bilder auf der Leinwand und der schauspielerische Anteil nicht das Entscheidende der – nennen wir es mal – „Performance“ aus.

Geprägt war die Mischung aus Videocollage, szenischem Vortrag und Gesang von der Lyrik der Jüdinnen Selma Meerbaum-Eisinger, mit nur 18 Jahren im Lager Michailowka verstorben, und der Literatur-Nobelpreisträgerin Nelly Sachs. Beide einte das Schicksal der unerfüllten Liebe, beide verarbeiteten ihre Traumata in Gedichten. 

Schwer zu greifende Lyrik

Zum Teil in Kunstliedern vertont, spiegelt die Gitarrenbegleitung in ihren gebrochenen Akkorden das Seelenleben der beiden Frauen wider. Reduktion ist eins der zahlreichen Stilmittel, neben Abstraktion, einer reichen Andeutungs- und Bildsprache. Die 70 Minuten mit abwechselnden lyrischen und gesanglichen Elementen zu beschreiben, fällt schwer, sind die Gedichte insgesamt doch schwer zu greifen. 

Die Texte und Lieder, die sich vor dem Hintergrund des sich wandelnden Blicks aus dem zersplitterten Fenster ergießen, ergehen sich in Andeutungen, genau wie das Geschehen auf der Straße. Immer wieder werden Analogien von Wetter und Natur bemüht, um innere wie äußere Düsternis oder auch das Grauen des nahenden Holocaust zu beschreiben, das eigene Leiden, die Sehnsucht nach dem Geliebten.

Hochpoetisches aus Hoffnungslosigkeit

Dabei entwickelt sich aus der Hoffnungslosigkeit durchaus Hochpoetisches, etwa: „Wenn alles namenlos wird in den Katakomben der Zeit“. Die geballte Symbolik geht unter die Haut – aber die Suche der Zuhörer nach Bezügen, einem roten Faden, strengt auch an. Vieles bleibt vage. Zum Beispiel, wenn die Frau auf der Bühne in Dialog mit ihrem Alter Ego tritt, das immer wieder auf der Leinwand eingeblendet vorbei kommt, oder wenn man sich fragt, ob die Beine, die auf der Leinwand vorbeischreiten, dem Geliebten, anderen Flüchtigen oder der Gestapo gehören. Teilweise überlagern sich Charaktere, Innen- und Außenwelten.

Am Ende herrscht im fast vollen Ratssaal Ratlosigkeit. „Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt, weniger blumig“, meint eine Besucherin aus Bremen, eine andere konstatiert: „Ein starker Stoff – da muss man erst mal drüber nachdenken. Aber nicht zu viel, sonst kann ich heute Nacht nicht mehr schlafen.“ Und die Unsicherheit: Darf man klatschen? Ja, soll man sogar – und sei es nur für den mutigen Versuch, diese sperrigen Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und zwei Stimmen Gehör zu geben, die sonst für immer verstummt wären. - hey

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