„Anders kann es nicht sein“

Phillip ter Heide und Hanno Tapken sehen junge Leute in der Pflicht

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Erstwähler, die sich darauf freuen, erstmals ihre Stimme für den Bundestag abgeben zu dürfen: Hanno Tapken (l.) und Phillip ter Heide haben wenig Verständnis für Altersgenossen, die morgen zu Hause bleiben. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die erste Bundestagswahl. Zum ersten Mal mitbestimmen, wer künftig im Kanzleramt das Sagen hat. Eine lästige Pflicht oder ein Privileg? 61,5 Millionen Deutsche dürfen am Sonntag ihre beiden Stimmen abgeben, darunter sind drei Millionen Erstwähler. Phillip ter Heide und Hanno Tapken gehören dazu. Die beiden 18-jährigen Ratsgymnasiasten rufen ihre Altersgenossen dazu auf, ihr Wahlrecht auch auszuüben.

Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt die Vergangenheit – die Wahlbeteiligung bei den Jung- und Erstwählern liegt meist deutlich unter der der älteren Bürger. Die Unentschlossenheit der Jüngeren birgt ein großes Stimmenpotenzial für die Parteien. Doch erreichen die den Nachwuchs überhaupt?

Gehen Sie am Sonntag wählen?

Hanno Tapken: Ja, auf jeden Fall. Phillip ter Heide: Wenn man die Möglichkeit hat, sich zu beteiligen, sollte man das auch machen. Wer nicht wählt, kann sich im Nachhinein auch nicht beschweren und nicht mitreden, wenn etwas schief läuft. Tapken: Wir haben das Privileg, zum ersten Mal an der Politik unseres Landes teilhaben zu können, das sollte man wahrnehmen. Wir können in Deutschland frei eine Partei wählen. Man kann ja ein ganz einfaches Rechenbeispiel nehmen: 100 Leute gehen wählen, 5 wählen eine extreme Partei, dann hat diese 5 Prozent und ist im Bundestag. Gehen 101 Leute wählen, hat sie 4,9 Prozent und ist nicht drin. Jede Stimme zählt.

Was versprechen Sie sich davon, wenn Sie Ihre beiden Stimmen abgeben?

Tapken: Ich erhoffe mir, dass die Person oder die Partei, für die ich meine Stimme abgebe, auch das umsetzt, was sie im Wahlkampf versprochen hat. Sie sollen nicht zum Wendehals werden. ter Heide: Dass die Stimmen auch etwas bewirken und das umgesetzt wird, was geplant ist.

Haben Sie schon entschieden, wen Sie wählen?

Tapken: Ja, so ziemlich. ter Heide: Ich bin noch etwas unentschlossen. Ich habe zuletzt mit dem SPD-Abgeordneten Lars Klingbeil ein paar E-Mails hin und her geschrieben, so konnte ich noch ein paar Fragen stellen.

Woran machen Sie als Erstwähler fest, für wen Sie stimmen?

ter Heide: Da gibt es viele Möglichkeiten. Ich habe zum Beispiel die Fernsehduelle gesehen, erst Merkel gegen Schulz und dann der Fünfkampf der anderen Parteien. Und was man eben so in den Medien mitbekommt zu den Parteien und ihren politischen Positionen. Manchmal auch über Twitter, da müssen sich die Politiker kurzfassen und können nicht so umherreden, da sieht man etwas Direkteres. Tapken: Die Kandidaten sind ja viel im Wahlkreis unterwegs. Ich war gerade noch mit einem Freund auf einer Wahlkampfveranstaltung in Visselhövede, vorher waren wir mit dem Politik-Leistungskurs beim Auftritt von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Rotenburg. Da lernt man die Personen näher kennen: Wirkt der vertrauensvoll? Traut man ihm zu, dass er das, was er verspricht, auch umsetzen kann?

Sie belegen beide im zwölften Jahrgang den Leistungskurs Politik am Ratsgymnasium. Ist die Bundestagswahl in der Schule ein Thema?

ter Heide: In der Oberstufe war das bislang kein Thema. In der zehnten Klasse auf der Realschule war das Wahlsystem mal dran. Tapken: Nebensächlich natürlich schon. Wenn ein TV-Duell läuft, dann wird es nachbesprochen, aber explizit gerade nicht. Nur manchmal als Randthema. ter Heide: Wir behandeln gerade Sicherheits- und Außenpolitik, Vergleiche neuer und alter Kriege. Tapken: Da spielt auch das Thema Internet und Terrorismus hinein.

Wo informieren Sie sich über die Kandidaten?

ter Heide: Auf den Websites der CDU und SPD habe ich mal nachgeguckt. Aber wenn man dort auf das Wahlprogramm klickt, dann müsste man sich den ganzen Tag Zeit nehmen, bis man durch ist – unübersichtlich und sehr lang gezogen. Tapken: Hauptsächlich Internet, oder wenn Wahlkampfveranstaltungen sind, wo sie persönlich sind, dann halt da.

Wie ist das im Freundeskreis? Sind Wahlen da ein Thema?

ter Heide: Wenn mal wieder etwas passiert, was polarisiert, dann wird da auch drüber gesprochen. Ansonsten eher weniger. Dann eher im Politikunterricht, wo auch die Leute sind, die sich dafür interessieren. Tapken: Diejenigen, die Politik-Leistungskurs haben, sind auch in meinem Freundeskreis aktiver, da redet man auch mal auf „WhatsApp“ darüber, wenn TV-Debatten sind, was da gerade passiert. Ich würde sagen, dass die meisten wählen gehen, aber sie beschäftigen sich mit anderen Themen im Alltag. ter Heide: Von meinen Leuten geht jeder wählen.

Ist die erste große Wahl – Sie durften schon bei der Kommunalwahl mit 17 abstimmen – etwas Besonderes?

ter Heide: Es ist schon etwas Gutes, wenn man sich mal richtig beteiligen kann. Vorher kann man immer nur zuhören und nichts bewirken. Das ist eine besondere Situation.

Ist 18 das richtige Alter, um erstmals wählen zu dürfen?

ter Heide: Das kann man so direkt gar nicht sagen. Das kommt immer auf die einzelne Person an. Manche sind mit 16 weiter als andere und beschäftigen sich mit den Sachen. Tapken: Es ist wohl richtig, davon auszugehen, dass die Leute mit 18 vernünftige Entscheidungen treffen können. ter Heide: Bis dahin sollten die wichtigsten Sachen auch im Unterricht behandelt worden sein.

Was erhoffen Sie sich persönlich von der Politik nach der Wahl?

Tapken: Ausbau der digitalen Infrastruktur und eine gute Bildungspolitik, auch wenn es uns dann nicht mehr so betrifft. Ich denke, Bildung ist das Letzte, wo man sparen sollte, weil es die Investition in die Zukunft ist. Unsere Schule ist ein gutes Beispiel, wenn man sieht, wie lange es manchmal dauert, bis etwas repariert ist. Die Decke in der Pausenhalle zum Beispiel oder die Cafeteria. Da wünscht man sich, dass es schneller geht und die Bereitschaft vorhanden ist, dafür Geld zu geben. ter Heide: ...und am besten nicht erst vor der nächsten Wahl, sondern schon in den ersten ein bis zwei Jahren damit anfangen.

Fühlen Sie sich im Wahlkampf von den Parteien angesprochen?

ter Heide: Mehr oder weniger. Das ist dann auch eher mit dem Politikunterricht verbunden, dass wir die Chance hatten, zum Beispiel zu der Wahlkampfveranstaltung mit Gerhard Schröder zu gehen. Ansonsten eigentlich nicht. Außer, dass man die Plakate sieht, ist da nichts.

Wie könnte man die Jugendlichen besser erreichen?

ter Heide: Mehr Infos geben. Das Problem ist ja, dass wenn man sich nicht wirklich für Politik interessiert, davon auch gar nichts mitbekommt. Man ist dann ausgeblendet. Tapken: Vielleicht würde es auch helfen, wenn die Parteien mit ihrer Jugendpolitik etwas mehr hausieren gehen würden. Meistens gehen die Parteien mit Renten- oder Sicherheitspolitik um die Häuser, da fühlen sich viele junge Leute nicht abgeholt. Parteien sollten das, was sie für Jugendliche machen wollen, offener zur Schau tragen. Wenn sie sehen würden, wofür die Parteien stehen, und dass es sich lohnt, abstimmen zu gehen, würden die jungen Leute es mehr machen.

Gibt es eigentlich explizit „junge“ und „alte“ Politik?

ter Heide: Ja, würde ich schon sagen. Gerade für Rentner wird immer viel gesagt und getan.

Aber die Rente zahlen Sie in naher Zukunft für die Älteren. Also ist das ja auch ein „junges“ Thema.

Tapken: So gesehen schon. Aber Rente ist ein Thema, das für viele noch weit in der Zukunft liegt, in 40 oder 50 Jahren. Deshalb will man sich damit gar nicht beschäftigen. Wichtiger ist digitale Infrastruktur, schnelles Internet. Und was kann ich mit meiner Bildung machen, was ist mein Abschluss in zehn Jahren noch wert? Sachen, die einen direkt nach der Schule oder mit 18 betreffen – und welche Auswirkungen meine Stimme darauf hat.

Nur kurz nachgefragt, Sie als Politik-Interessierte: Wer ist Bürgermeister von Sottrum?

Tapken: Sch... ter Heide: ...da ich aus Scheeßel komme, beschäftige ich mich weniger mit Sottrum. Tapken: Ich komme aus Visselhövede. Den Bürgermeister dort kenne ich.

Haben Eltern Einfluss auf die Wahlentscheidung?

ter Heide: Bei mir nicht. Ich rede vielleicht nach dem Unterricht oder nach Veranstaltungen mit meinen Eltern, und sie finden es auch gut, dass ich mich dafür interessiere, aber sie beeinflussen mich nicht. Das entscheide ich alleine. Tapken: Klar, man redet darüber. Aber eine Einflussnahme gibt es nicht – eher Freude, dass man sich interessiert und Engagement zeigt. Uns Jüngeren wird ja oft vorgeworfen, wir wären unpolitisch.

Ist die Jugend denn heute politisch?

ter Heide: Das lässt sich schwer sagen. Es gibt immer welche, die heraustreten, das ist aber nur vereinzelt der Fall. Tapken: Vielleicht nicht politisch im alten Sinne, dass man auf Demos geht oder sich mit Polizisten kloppt. Aber es gibt einen Großteil von Jugendlichen, der sich für Politik interessiert und sich einbringt, aber nicht mehr auf der Straße, sondern indem man Petitionen einbringt oder sich anderweitig engagiert.

Engagieren Sie sich selbst politisch?

ter Heide: Momentan nicht. Tapken: Außer, selbst Wahlkampfauftritte zu besuchen, nicht. Ich bin kein Parteimitglied oder Ähnliches.

Sind Parteien denn noch sexy?

ter Heide: Ich würde schon überlegen, in eine Partei einzutreten. Da muss aber das Gesamtpaket stimmen. Vorher müsste man sich genau informieren, wofür die Partei steht. Dagegen spricht eigentlich nichts. Tapken: Ist bei mir genauso. Ich kann mir auch vorstellen, in eine Partei einzutreten, wenn ich berufstätig bin. Es müsste halt stimmen.

Wen wählen Sie? Sagt man das?

Tapken: Es ist ein Thema. Da prallen dann ganz unterschiedliche Ansichten aufeinander. Das ist auch mal spannend. ter Heide: Von einigen Freunden weiß ich es. Da wird drüber gesprochen. Tapken: Aber nicht in der Zeitung...

Unterscheiden sich die Parteien denn noch genug voneinander, um sich entscheiden zu können?

Tapken: Es gibt Parteien, da sieht man klare Unterschiede: Linke und CDU. Aber dadurch, dass SPD und CDU so lange koalieren, nähern sie sich an. Da geht es mehr darum, ob man dem Kandidaten der einen oder anderen Partei mehr Vertrauen zuspricht. Es hängt an der Person.

Also fällt die Entscheidung bei der Erststimme leichter als bei der Zweitstimme?

Tapken und ter Heide: Ja. Da haben wir uns klar festgelegt. Die Person ist fassbarer als die Partei. Die ist weiter entfernt.

Sind Sie sich bei Ihrer ersten Bundestagswahl so sicher, dass beide Stimmen an die gleiche Partei gehen?

ter Heide: Ich bin mir da ziemlich sicher. Tapken: Bei mir kann es noch unterschiedlich sein.

Ihr Aufruf an die Altergenossen morgen?

ter Heide: Geht wählen! Tapken: Anders kann es ja nicht sein. Anders funktioniert Demokratie nicht. Wenn keiner mehr mitmacht, ist es irgendwann sinnlos.

Der Wahlkreis

30 Bundestagswahlkreise gibt es in Niedersachsen, 299 in ganz Deutschland. 61,5 Millionen Deutsche sind wahlberechtigt, im Wahlkreis Rotenburg I / Heidekreis sind es 168 .269 bei 214. 161 Einwohnern. Etwa drei Millionen junge Menschen dürfen erstmals wählen, heißt es von der Bundeswahlleitung. Wie viele es im Wahlkreis sind, ist nicht zentral erfasst. Der hiesige Wahlkreis 35 ist 2009 neu zusammengefasst worden, war aber auch vorher schon ähnlich gegliedert. Seit der Kreisreform gab es erstmals im Jahr 1980 den Wahlkreis Soltau-Rotenburg. Zuvor gehörte Rotenburg zu Verden und Osterholz. Heute liegen im Wahlkreis der gesamte Landkreis Heidekreis und der Südteil des Landkreises Rotenburg mit den Städten Rotenburg und Visselhövede, der Gemeinde Scheeßel sowie den Samtgemeinden Bothel, Fintel und Sottrum.

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