33 Menschen schlüpfen beim Planspiel „Nitratbelastung“ in andere Rollen

Andere Sichtweisen

Zehn Spielleiter koordinierten das Planspiel „Nitratbelastung“ und standen den 33 Teilnehmern beratend zur Seite. - Foto: Ujen

Rotenburg - Von Joris Ujen. Im realen Leben mästen sie Schweine und Rinder, melken Kühe, betreiben Biogasanlagen, sind als Informatiker, Landhändler, Berater oder in der Kommunalpolitik tätig, studieren Agrarwissenschaften oder sind bereits im Ruhestand. Im Planspiel „Nährstoffüberschuss“ sind die 33 Teilnehmer ein Wochenende lang in andere Rollen geschlüpft und simulierten in den Berufsbildenden Schulen (BBS) Rotenburg Handlungsmöglichkeiten unter der neuen Düngeverordnung.

Die Richtlinie, die seit einem Jahr gilt, stellte die Spieler vor viele Probleme. Also mussten neue Lösungsansätze her. „Deutlich wurde, dass sich auch eine Ministerin oder ein Minister an Regeln halten muss und nicht einfach Gesetze erlassen kann“, verdeutlicht Projektleiterin Gerlinde Wiese in ihrem Fazit. Um die Nährstoffproblematik in den Griff zu bekommen, testeten die Probanden die Auswirkungen einer Umstellung auf eine biologische Wirtschaftsweise, einer Abstockung im Tierbestand, einer veränderten Fütterung oder zusätzlicher Flächenpachten. „Nicht immer war die Anpassung an die Regelung der neuen Düngeverordnung einfach“, so Wiese, die als Diplom-Sozialwirtin an der Universität Göttingen arbeitet. Beratend standen den Teilnehmern zehn Spielleiter zur Seite.

Auf die Landwirtschaft ist durch die neue Düngeverordnung ein großer Druck entstanden, erzählt Volker Meyer. Das hat der Geschäftsführer des Wasserversorgungsverbandes (WVV) Rotenburg-Land am eigenen Leib – wenn auch nur fiktiv – erlebt: „Ich spielte einen Landwirt aus Vechta mit 600 Sauen und 2 500 Ferkelaufzuchtplätzen auf einer Nutzfläche von nur 25 Hektar.“ Schnell sei ihm in seiner neuen Rolle klar geworden, dass mit der neuen Düngeverordnung deutliche Einschränkungen auf ihn zukamen. Also musste er sich mit seinem Teampartner etwas einfallen lassen. Meyer: „Die Gedanken gingen von Flächenkauf, Flächenpacht hin zu einer Betriebsaufgabe.“ Im Raum Vechta war ein Flächenkauf oder eine Pacht aufgrund des Mangels wirtschaftlich nicht möglich. Zum Ende der Simulation fand er aber eine Lösung, indem er seine Tiere reduzierte und seine überflüssige Güllemenge von einem Lohnunternehmer abgenommen wurde, der diese in nitratärmere Regionen verfrachtet.

Meyers Lösung war wiederum auch das vorgegebene Ziel der Naturschützer: Thomas Christeleit, der als Geschäftsführer des Maschinenrings Mitte-Niedersachsen normalerweise landwirtschaftliche Gerätschaften vermittelt, bekam mit einer Agrarstudentin einen Platz im Umweltverband. „Zunächst haben wir eine Strategie entwickelt, wie wir unser Ziel – Reduzierung des Viehbesatzes, Entzerrung der Tierhaltung in Regionen mit starker Tierhaltung und Öffentlichkeitsarbeit – erreichen können.“ Das Duo hatte die Idee, mit zwei Lebensmitteleinzelhändlern ein Label zu entwickeln. „Uns als Verband waren dabei die folgenden Ziele wichtig: Regionalität, Tierbesatz maximal 2,5 GV (Großvieheinheit, Anm. d. Red.), genfrei und das Tierwohl“, fasst Christeleit zusammen. Und: Der im Betrieb anfallende Mist und die Gülle können als Dünger in den eigenen angebauten Kulturen des Betriebes (Kreislaufwirtschaft) eingesetzt werden, um Mineraldünger zu sparen und die Ziele des Labels als Umweltverband zu kontrollieren. „Uns war es wichtig, zunächst schnell die vertraglichen Verpflichtungen abzustimmen und Verträge mit dem Lebensmitteleinzelhandel abzuschließen“, erklärt Christeleit die Herangehensweise. Parallel haben er und die Agrarstudentin auch politische Probleme wie zum Beispiel die Unabhängigkeit der Düngebehörde als Kontrollinstitution angesprochen.

„Ein Problem war, dass am Ende die Händler auf eine Exklusivität des Labels bestanden haben. Dies war sicher dem harten Wettbewerb des Lebensmitteleinzelhandels untereinander geschuldet“, so Christeleit. Er und seine Kollegin haben sich zudem dafür eingesetzt, EU-Mittel bei den Ministerien einzufordern und sind beim Umweltministerium auch auf Unterstützung gestoßen. Diese Behörde vertrat Ulrike Jungemann, im echten Leben bei der Stabsstelle Kreisentwicklung tätig, ebenfalls mit einer Agrarstudentin und einem Informatiker. „Zu Beginn waren wir nur damit beschäftigt, die vielen Anfragen zu bearbeiten“, sagt Jungemann. Der Austausch innerhalb der Gruppen wurde mithilfe einer extra für das Planspiel bereitgestellten Internetplattform ermöglicht. Oberste Priorität beim Umweltministerium war die Einhaltung der Nitratrichtlinie, wobei Jungemanns Gruppe bei der Kooperation mit anderen Gruppen viele Hürden bewältigen musste.

„Die Teilnehmer waren überrascht von der Komplexität des Themas Nitratbelastung“, stellt Projektleiterin Wiese fest. Erfolgreiche Phasen und Frust wechselten sich wie im richtigen Leben ab. Am Ende überwog jedoch bei allen Teilnehmern der Spaß, und sie zogen ein positives Fazit von der Veranstaltung. Volker Meyer beispielsweise fand an dem Planspiel gut, dass jeder Teilnehmer in eine andere Rolle schlüpfen musste. „So steigt das Verständnis füreinander. Veränderungen speziell in den Überschussgebieten sind notwendig.“

Thomas Christeleit habe am Ende mitgenommen, dass gesteckte Ziele immer auch erreichbar sein müssen. „Je breiter man sich als Verband oder Organisation aufstellt, umso mehr Menschen oder Partner können mitgenommen werden, um etwas zu erreichen.“ Das dies Grenzen hat, verstehe sich aber auch.

Ulrike Jungemann bewertet den Veranstaltungsort im Landkreis als richtig, „weil gerade hier die Nitratbelastung bekanntlich sehr hoch ist. Durch die Simulation hat auch ein normaler Bürger die Möglichkeit, sich mit dieser komplexen Situation auseinanderzusetzen. Auch wenn es spielerisch war, lag es doch sehr nahe an der Realität.“

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