Russlanddeutsche sehen auch nach 30 Jahren Probleme der Integration

An den Rand gedrängt

Galina und Friedrich Schüler
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Galina und Friedrich Schüler sind Deutsche aus Russland und leben seit 29 Jahren in Rotenburg.

Rotenburg – Die große Wanderung begann, als Michail Gorbatschow 1989 nach jahrzehntelangem Kalten Krieg die Grenzen zwischen Ost und West geöffnet hat: Die Sehnsucht nach Freiheit, Glück und mehr Lebenschancen waren für viele Tausend Menschen Gründe dafür, die Heimat zu verlassen und sich in der Bundesrepublik ein neues Zuhause aufzubauen.

Es kamen nicht nur Übersiedler aus der DDR, sondern auch 775 000 Angehörige deutscher Minderheiten als Aussiedler aus Osteuropa und der Sowjetunion: 380 000 aus Polen, 250 000 aus Russland, 135 000 aus Rumänien. In den Kreis Rotenburg kamen in den Jahren 1989 und 1990 mehr als 1 000 Aussiedler, mehr als 400 in die Wümmestadt – Übersiedler, Russlanddeutsche, Umsiedler, Deutschrussen, Spätaussiedler, deutsche Volkszugehörige, deren Zahl im Laufe der Jahre stetig gewachsen ist, die eine neue Heimat fanden, sich mit Hilfe von Kommunen, Staat und viel Fleiß solide Existenzen aufbauten, ihr eigenes Fortkommen und das ihrer Kinder forcierten. Sie haben sich bemüht und wurden dabei vielfach von einheimischen Bürgern, Institutionen, Städten und Gemeinden unterstützt bei der Integration in ihrer neuen Heimat. Aber ist diese Eingliederung auch voll gelungen? Werden die Russlanddeutschen, die Zarin Katharina II. vor rund 250 Jahren aus Deutschland in ihr Riesenreich zum Aufbau der Landwirtschaft holte und die unter Stalin in Sibirien litten, von den Menschen im Land ihrer Vorfahren auch anerkannt?

Galina Schüler (71) ist in Karpinskin (Ural) geboren, seit 1968 mit ihrem Mann Friedrich, der aus Kasachstan stammt, verheiratet. Das Ehepaar hat eine Tochter: Albina (51), Ärztin mit einer Praxis in Braunschweig und selbst Mutter einer 23-jährigen Tochter, die Psychotherapeutin werden will. Im Oktober 1990 wagte die kleine Familie Schüler – Mutter, Vater und Tochter – den Wechsel aus dem fernen Osten in den „goldenen” Westen und kam nach „Umwegen” 1992 in Rotenburg an. Eine Entscheidung, die Galina Schüler, die bis zu ihrem Ruhestand viele Jahre in den Rotenburger Werken arbeitete und ihr Mann Friedrich, der bis zur Rente in einem Rotenburger Betrieb tätig war, nicht bedauern sollten.

Galina Schüler: „Ich habe es nicht bereut, dass wir rübergekommen sind. Ich kann mich hier als Deutsche fühlen, was wir auch angestrebt haben. Unsere Tochter und unsere Enkelin haben eine gute Zukunft in einem demokratischen Land. Ich bedauere jedoch, dass wir in manchen Fällen nicht verstanden werden, und ich vermisse in vielen Fällen die Unterstützung durch die Politik. Das Gesetz zur Familienzusammenführung wurde beispielsweise nur unzureichend realisiert.” Galina Schüler, eine freundliche und zupackende Frau, ist seit zehn Jahren Vorsitzende der Kreis- und Ortsgruppe Rotenburg der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Der Verein wurde 1992 von Innozenz Grad gegründet und zählt heute 75 Mitglieder. Auch hier die Sorge: Der Nachwuchs ist rar, die Zahlen schrumpfen. Dabei war der Verein 1992 mit wichtigen Zielen angetreten: Den circa 3 000 russlanddeutschen Spätaussiedlern, die bis heute den Weg in den Kreis Rotenburg gefunden haben, sollte bei der Eingliederung geholfen werden. Wichtiges Anliegen der Landsmannschaft war und ist die Pflege und der Erhalt der in den Westen „mitgebrachten” Kultur.

Sozialarbeiter Herbert Neumann (67), der ab 1989 als Leiter des Diakonischen Werks in Rotenburg wesentlich an der Betreuung und Integration der Aussiedler beteiligt war, schreibt in der Dokumentation „Zwischen Augenblick und Ewigkeit”, herausgegeben 2014 von der Rotenburger Ortsgruppe mit Unterstützung der Stadt Rotenburg: „Die Integration in die deutschen Lebensverhältnisse geschah und geschieht, vor Ort‘, auch bei uns hier im Landkreis und in der Stadt Rotenburg. Und sie ist erfolgreich – aber das ist eine andere Geschichte.”

„Russlanddeutsche?” Ortsgruppen-Vorsitzende Galina Schüler macht gleich deutlich: „Wir sind Deutsche aus Russland. Wir sind nicht aus finanziellen Gründen gekommen. Wir wollten das sein, was wir sind, nämlich Deutsche. Wir wollen uns nicht verstecken und Menschen zweiter Klasse sein. Wir haben bewiesen, dass wir fleißig sind und dem Staat nicht zur Last fallen wollen.”

„Aber auch heute noch”, fügt die 71-Jährige ein wenig verbittert hinzu, „fühlen wir uns immer wieder an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Damit die Integration gelingt, sind beide Seiten gefordert. Die einheimischen Bürger und wir Deutsche aus Russland müssen gleichzeitig aufeinander zukommen.”

Eine besondere Aufgabe und Verantwortung im Zusammenhang mit gelungener Integration, sagt Galina Schüler, falle der Politik zu. Bei allem, was für die Aussiedler getan worden sei, erwarte sie, dass Versprechungen wie den Erhalt der „ganzen Rente auch verwirklicht werden”. Enttäuschungen, so CDU-Mitglied Schüler, könnten zu einem vermehrten Hinwenden zur AfD führen.

Galina Schüler weiß, dass sie immer wieder mit ihren kritischen Anmerkungen aneckt, ungeachtet dessen, dass in Stadt und Kreis Rotenburg in den vergangenen Jahrzehnten für die Aussiedler sehr viel getan wurde. Ob von Bürgern, von der Kirche, von Politikern, von Bildungsträgern, von Arbeitgebern oder Behörden.

Etwa fünf Millionen Menschen aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion wurden von der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen. Für einen Teil von ihnen geht es auch heute noch darum, dass sie in ihrer neuen Heimat endlich einen alten Traum verwirklichen können.

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