SPD-Wahlkampf mit Lars Klingbeil

Altkanzler Schröder verteidigt seinen Russland-Job

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„Es war ein gutes, offenes Gespräch über alle Themen, die gerade wichtig sind“, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil (r.) nach der Diskussion mit Altkanzler Gerhard Schröder.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Auch viele Parteifreunde haben Lars Klingbeil abgeraten. Ein Auftritt mit Altkanzler Gerhard Schröder in diesem für die SPD so schwierigen Bundestagswahlkampf? Da dieser doch beim größten russischen Ölkonzern Rosneft einen Chefposten übernehmen soll? Viel zu heikel sei das. Aber Klingbeil, der am 24. September im dritten Anlauf erstmals das Direktmandat im Wahlkreis Rotenburg I / Heidekreis holen will, spricht mit Schröder.

Einer Meinung sind sie am Mittwochabend im mit 300 Besuchern prall gefüllten Buhrfeindsaal des Rotenburger Diakonieklinikums nicht immer. Klingbeil hat Schröders Haltung zu Russland kritisiert – und dieser tut ihm den Gefallen, vor laufenden Kameras die große Wahlkampfbühne für ein erstes Statement in dieser Sache zu abzugeben.

Schröder wählt den Weg ab durch die Mitte

Großer Bahnhof für den 73-Jährigen, der eine Freundschaft zu Präsident Wladimir Putin pflegt. Mehrere Kamerateams, ein Dutzend Pressevertreter, alle hoffen auf Antworten und knackige Zitate an diesem Wahlkampfabend im überhitzten Buhrfeindsaal. Schröder liefert. Der Altkanzler versteht das Spiel mit der Öffentlichkeit und den Medien, die er immer wieder kritisiert.

Ein Spielchen, gleich zu Beginn: Welchen Hintereingang nutzt Schröder bei der Ankunft pünktlich um 18.50 Uhr? Fotografen und Kameraleute hetzen von hier nach da. Der Altkanzler marschiert aber stattdessen zackig durch die Vordertür, schüttelt seinen Genossen Klingbeil und Bürgermeister Andreas Weber kurz die Hand, dann ab durch die Mitte. Noch ein paar persönliche Begrüßungen in den ersten Reihen, der mittlerweile dritte Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, Blitzlichtgewitter, die Show kann beginnen.

„Ich werde über alle Themen mit ihm reden“, hat Kandidat Klingbeil noch im Vorfeld versprochen, einen Maulkorb gebe es trotz der harschen öffentlichen Kritik an Schröder nicht. Klingbeil muss auf der Bühne nur Stichworte liefern, der Altkanzler spricht: über Außen- und Innenpolitik, über den 11. September, seinen alten Weggefährten Lafontaine, die Agenda 2010 und Hannover 96. Und natürlich: Russland. Warum tut er sich das noch an?

„Die Dämonisierung Russlands hilft keinem.“

„Es geht um mein Leben, und darüber bestimme ich – nicht die deutsche Presse“, poltert der Altkanzler gewohnt jovial. „Ich werde das tun.“ Wenn er nichts mehr mache, versauere er doch. Er wolle mithelfen, die Energiesicherheit Deutschlands und Europas zu sichern. Ob er bei Rosneft sogar den Vorsitz des Aufsichtsrates übernehmen soll, wie russische Medien berichteten, lässt Schröder offen. Die Frage nach dem Gehalt stellt Klingbeil nicht.

Schröder sagt, es sei aus ökonomischen wie politischen Gründen nicht vernünftig, den größten Nachbarn zu isolieren. „Die Dämonisierung Russlands hilft keinem.“ Gegen Rosneft wurden wegen der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim EU-Sanktionen verhängt. Rosneft sei keineswegs „der verlängerte Arm der russischen Regierung“, sagt Schröder. Über die Frage, ob er nicht fürchte, von Russlands Präsident Wladimir Putin benutzt zu werden, lacht der Altkanzler: „Ich bin nicht benutzbar. Und ich habe nicht den Eindruck, dass Putin mich benutzen will.“ Mit einer Freundschaft, wie er sie mit Putin pflege, könne kein politischer Einfluss ausgeübt werden.

So sehr der Altkanzler beim Thema Rosneft ins Allgemeine abschweift und eine gute Beziehung zu Russland fordert, so klar drückt er seine Sorgen über US-Präsident Donald Trump aus. Dessen Außenpolitik, vor allem via Twitter betrieben, sei „hochgradig gefährlich“. Und: „Verglichen mit Herrn Trump ist Wladimir Putin ein hochrationaler Mann.“ Große Sorge bereite dem Sozialdemokraten auch der Nordkorea-Konflikt. Trumps Bemerkung über Wut und Feuer, mit denen er Nordkorea überziehen wolle, sei nicht hilfreich gewesen: „Das macht mir Angst.“ Nordkoreas Herrscher Kim Jong Un sei gewissenlos und würde für seinen Machtanspruch notfalls sein ganzes Volk preisgeben.

Wahlkampf-Tipp: „Man muss eine Rampensau sein.“

Tagelang liefen die Vorkehrungen für den Besuch Schröders, der von 1990 bis 1998 Ministerpräsident von Niedersachsen und von 1998 bis 2005 Bundeskanzler war. Für den einzig noch lebenden Altbundeskanzler gilt die höchste Sicherheitsstufe, im Diako ließen sich viele Mitarbeiter des Bundeskriminalamts vorab sehen, bestätigt Unternehmenssprecher Matthias Richter. Bei der Planung sei man aber nicht beteiligt gewesen: „Wir stellen nur den Raum zur Verfügung.“ Auch am Abend selbst sind die Männer in dunklen Anzügen und mit Knöpfen im Ohr nicht zu übersehen. Ein gepanzerter Dienstwagen und Personenschutz durch das Bundeskriminalamt sind Standard für Schröder. Taschenkontrollen am Eingang.

Tut sich Klingbeil einen Gefallen damit, an diesem Abend als Kandidat im Schatten Schröders zu stehen und das Getöse um dessen Russland-Geschäfte zu ertragen? Nach 80 Minuten auf der Bühne ist der 39-Jährige aus Munster vor allem erleichtert: „Ich bin sehr froh, dass der Abend so gelaufen ist.“ Schröder tritt nur am Donnerstag in Hannover noch einmal im SPD-Wahlkampf auf, als Zugpferd wird er nicht mehr gesehen. Auch in Rotenburg wird zwar viel applaudiert, aber durchaus verhalten. Martin Schulz hatte sich als SPD-Kanzlerkandidat von den Rosneft-Plänen Schröders zuletzt deutlich distanziert. Gemeinsame Auftritte von Kandidat und Altkanzler gibt es nicht mehr. Dennoch meint man, als Schröder über seine Wahlkämpfe redet, herauszuhören, dass er seinem möglichen Nachfolger im Kanzleramt Mut zusprechen will. „Mit dem Rücken an der Wand kämpft man am besten“, sagt der Altkanzler, der aus Erfahrung spricht. Einen anderen Tipp für Klingbeil, Schulz und alle anderen SPD-Wahlkämpfer beherzigt er in Rotenburg selbst: „Man muss eine Rampensau sein.“

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