Vortrag über jüdische Jugendbewegung nach 1933

Alte Fotos bilden die Basis

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Wolfgang Dörfler, Mitglied des Vorstandes der Stiftung Cohn-Scheune, im Gespräch mit Ulrike Pilarczyk (M.) und der Vorsitzenden Inge Hansen-Schaberg.

Rotenburg - Von Wieland Bonath. Zum Schluss der langen Reihe von Schwarzweißfotos ein besonders aussagekräftiges, symbolisches Bild: Im Hintergrund zwei Männer mit Sensen auf der Schulter, zwischen ihnen ein Mensch. Sie kommen dem Betrachter entgegen.

Im Vordergrund die Holzlatten eines Zauns, die wie eine Sperre wirken. Aufgenommen hatte diese Szene ein junger Jude im Jahre 1939 – das systematische Töten eines Volkes durch die Nazis hatte längst begonnen.

Die Erziehungswissenschaftlerin Professorin Dr. Ulrike Pilarczyk von der Technischen Universität Braunschweig am Mittwoch in der Cohn-Scheune in ihrem Vortrag „Jüdische Jugendbewegung und zionistische Erziehungspraxis in Deutschland nach 1933 im Medium der Fotografie“: „Als ich dieses Bild sah, habe ich geweint.“

Eines der alten Fotos zeigt Mitglieder einer jüdischen Jugendbewegung, die wie Pfadfinder am Lagerfeuer sitzen.

Die in Altenburg in Thüringen aufgewachsene Wissenschaftlerin wurde von Professorin Inge Hansen-Schaberg, der Vorsitzenden des Fördervereins Cohn-Scheune, begrüßt. Die beiden Frauen kennen sich bereits seit vielen Jahren persönlich von ihrer Lehrtätigkeit an der TU in Braunschweig.

Der Vortrag stützte sich auf die Analyse Tausender privater und Pressefotografien aus Deutschland und Palästina, die Ulrike Pilarczyk unter anderem bei israelischen Bürgern und in Archiven zusammengetragen und für ihre wissenschaftliche Arbeit abfotografiert hatte. Dazu gehörten Gespräche mit Angehörigen und älteren Menschen, die die dunkle Vergangenheit ihres Volkes noch erlebt hatten.

Dabei unterschieden sich jüdische Jugendbünde vor dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik nicht von der Pfadfinderbewegung und deren Rituale.

Nach 1933, nach der Machtergreifung der Nazis, entwickelte sich die jüdische Jugendbewegung zu einer wichtigen Organisation der jüdischen Selbsthilfe: In Hachschara-Ausbildungsgütern wurden jüdische Jugendliche auf Arbeit und das Gemeinschaftsleben in palästinensischen Kibbuzzim vorbereitet. Der Vortrag gab einen Einblick in die Erziehungspraxis in den landwirtschaftlichen Hachschara-Stätten.

Die Fotos, die Bildmotive und die Art der Darstellung waren am Mittwoch für die Besucher immer wieder Anlass zur thematischen Vertiefung mit der Referentin.

Bis 1939, so Ulrike Pilarczyk, hätte die britische Mandatsmacht Zertifikate für die Einreise nach Palästina ausgegeben. Die tragische Komponente: Diejenigen, die kein entsprechendes Zertifikat bekamen, mussten in Deutschland bleiben. Ein ungewisses Schicksal erwartete sie.

Das Thema der Mittwoch-Veranstaltung soll mit Braunschweiger TU-Studenten im Mai im Rahmen eines Seminars aufgearbeitet werden. Außerdem ist im Herbst eine Ausstellung geplant.

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