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Altbundespräsident Christian Wulff: Die Rolle im Hintergrund

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Von: Ulla Heyne

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Alt-Bundespräsident Christian Wulff liest im Wachtelhof aus seinem Buch „Ganz oben, ganz unten“.
Alt-Bundespräsident Christian Wulff liest im Wachtelhof aus seinem Buch „Ganz oben, ganz unten“. © Heyne

Altbundespräsident Christian Wulff liest im Wachtelhof in Rotenburg aus seinem Buch „Ganz oben, ganz unten“. Davor bleibt noch Zeit für ein kurzes Gespräch über die aktuelle Lage zum Krieg in der Ukraine, über die Flüchtlinge, die seitdem in Deutschland Schutz suchen und über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

Rotenburg – Als Altbundespräsident Christian Wulff auf dem Weg zu seiner Lesung am Mittwochabend im Rotenburger Wachtelhof die Treppe herunterkommt, muss es schnell gehen – gerade mal zehn Minuten bleiben für die aktuelle Weltpolitik und seine Einschätzungen, nach denen in den folgenden zwei Stunden niemand aus dem Publikum fragen wird. Eigentlich schade, hat der CDU-Politiker doch die beiden das derzeitige Weltgeschehen dominierenden Akteure, Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj, mehrfach persönlich getroffen.

Nachdem Sie viele Jahre politisch nicht geäußert hatten, haben Sie 2019 in einem Interview mit der „taz“ zugegeben, dass es Sie „in den Fingern jucken“ würde, wieder parteipolitisch einzugreifen. Nun, zehn Jahre nach Ihrem Rücktritt, haben Sie erstmals wieder in einem Presseinterview zum aktuellen politischen Geschehen, dem Ukrainekrieg und Northstream, Stellung bezogen – ist das „Jucken“ zu stark geworden?

Es hat sich nichts verändert – ich habe seit meinem Rücktritt die Zurückhaltung an den Tag gelegt, die alle Altbundespräsidenten praktizieren, nämlich, sich nicht zur Tagespolitik einzulassen, sondern sich eher grundsätzlich zu äußern. Ich spreche weiter selten in den Medien und viel in unmittelbaren Begegnungen. Ich habe die ganzen Jahre viele Veranstaltungen gemacht, bin morgen früh beispielsweise am Gymnasium in Achim, weil ich den direkten Dialog bevorzuge. Die Medien sind eher denen vorbehalten, die aktuell in den Ämtern sind.

Ihr Engagement ist ja vielfältig: Sie fördern internationale Zusammenarbeit und Integration. Sehen Sie sich heute an einer Stelle, an der Sie konkret mehr Einfluss nehmen können als ein Bundespräsident?

Nein, aber in all diesen ehrenamtlichen Funktionen mache ich weiter das, was mir immer wichtig war, nämlich etwas für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Damit niemand verloren geht, dass das Miteinander betont wird. Nicht nur als Altbundespräsident, sondern auch als Präsident des Deutschen Chorverbandes, der mehr Mitglieder hat als alle Ampelparteien zusammen, oder als Vorsitzender der Deutschlandstiftung Integration. Die Bedeutung der Zivilgesellschaft wird immer noch unterschätzt. Unser aller Eltern haben damals den Wiederaufbau geleistet, meine Generation hat die Wiedervereinigung gestaltet, und jetzt müssen die handelnden Akteure dafür sorgen, dass wir nicht immer mehr in Konfrontation, Feindbilder und Echokammern versinken, sondern gemeinsam an der Zukunft arbeiten.

Nun haben Sie ja mit der – tagespolitisch sehr aktuellen – Integration Ihr Thema gefunden. Wie ist Ihre Einschätzung bezüglich der Geflüchteten, die aktuell aus der Ukraine kommen: Gelingt die Integration leichter, weil sie als „Fast-Europäer“ auf eine andere Willkommenskultur stoßen als die Flüchtlinge ab 2015, oder sind sie eher das „Obendrauf“ zur nicht abgeschlossenen Integration derer, die schon hier sind?

Ich bin überzeugt, dass wir später stolz auf unsere Leistung ab 2015 zurückschauen. Es gibt so viele Erfolgsgeschichten vom Ehrenamtlichen und gut integrierten Menschen mit Flucht- und Einwanderungsgeschichten. Die Antwort zu den ukrainischen Kriegsflüchtlingen ist kompliziert, weil noch nicht absehbar ist, wie viele hierbleiben. Die große Mehrheit will in die Ukraine zurück, ihr Land verteidigen, weiterentwickeln und europäisch orientieren. Von daher ist jetzt die humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge in den Vordergrund zu stellen. Aber die Frage, ob sie bleiben – bleiben müssen – finde ich jetzt unangemessen, weil wir diesen Menschen auch Hoffnung rauben würden, dass die Ukraine sich und ihre Freiheit verteidigen kann. Die Ukrainer bleiben zum Großteil in Nachbarländern, weil die ältere Generation dort mehrheitlich auch noch russisch spricht. Nach Deutschland kommen viele, in deren Familie Englischkenntnisse oder eine Anbindung an Ukrainer hier vorhanden sind. Ich erlebe bei diesen große Anstrengungen und enormen Fleiß, hier schnell zur Schule und in Integrationskurse zu gehen, Arbeit zu finden. Die vielen Ukrainer, die ich gesprochen habe, schicken ihre Kinder jetzt schon in die Schulen und üben Deutsch. Sie wollen auf eigenen Beinen stehen – das ist sehr eindrucksvoll, wie auch der Kampf der zurückgebliebenen Männer für die Freiheit unter so belastenden lebensgefährlichen Kriegsbedingungen.

Sie haben Selenskyj bei seiner Amtseinführung 2017 erlebt – wie haben Sie ihn damals wahrgenommen, als die Skepsis angesichts seines schauspielerischen Hintergrunds noch sehr groß war, wie nehmen Sie ihn jetzt wahr?

Bei seiner Amtseinführung war er neu in der Politik, aber hatte sich schon intensiv damit beschäftigt, in seinen bisherigen Rollen, als Schauspieler, aber auch als intelligenter Jurist in der Ukraine. Schon zu dem Zeitpunkt wusste er sehr viel, hat aber dann unter dem Druck der Ereignisse die Politik phänomenal schnell erlernt. Er ist eine eindrucksvolle Person mit enorme Auffassungsgabe und Empathie. Ich habe damals mit ihm sowie mit dem Oberbürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, gesprochen und sofort gespürt, dass sie jede uns mögliche Unterstützung verdienen und ganz klare Vorstellungen haben, die Ukraine als offene und demokratische Gesellschaft zu entwickeln.

Gibt die aktuelle Bundesregierung Ihrer Einschätzung nach denn diese nötige Unterstützung? Ist die Scholz-Regierung da auf einem guten Weg?

Wie schon gesagt: Als Altbundespräsident habe ich da keine Noten zu vergeben, aber die Bundesregierung mit ihrem europäisch abgestimmten Kurs hat unser aller Unterstützung verdient. Dass wir nun in Europa zusammenstehen, ist ein erfreuliches Ergebnis. Selbst die Nationalisten in Polen oder Ungarn dürften begriffen haben, dass wir von der Flut der Ereignisse, der Unsicherheiten, einzeln mitgerissen würden, ihnen aber zusammen widerstehen werden. Diese Erkenntnis: „Nur gemeinsam können wir eine gute Zukunft gestalten“, das ist durch den Krieg Putins in der Ukraine deutlich geworden. Insofern wünsche ich mir auch wieder eine stärkere pro-europäische und stärker auf Zusammenarbeit mit den USA ausgerichtete Orientierung, statt des gewachsenen Nationalismus zum Beispiel in den USA, in Ungarn, in Polen oder in Großbritannien.

Vor dem Hintergrund Ihrer dezidierten Einblicke: Schließen Sie eine Rückkehr in die Parteipolitik weiter kategorisch aus?

Ja. Ich berate ja viele, die meinen Rat nachsuchen, pflege auch weiter viele Auslandskontakte, so war ich 2019 mit Lech Walesa bei Michael Gorbatschow in Moskau zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, bin auch Mentor, auch für viele junge Leute, aber die Rolle eines Altbundespräsidenten sollte im Hintergrund verlaufen und in unmittelbaren Gesprächen mit Bürgern.

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