CORONA UND DIE FOLGEN Stärkerer Zulauf bei den Selbsthilfegruppen

„So viele Neugründungen wie nie“

Seit Ausbruch der Pandemie nehmen sich Veronika Czech (l.) und Verena Kimpel mehr Zeit, um Gruppenleiter zu beraten.
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Seit Ausbruch der Pandemie nehmen sich Veronika Czech (l.) und Verena Kimpel mehr Zeit, um Gruppenleiter zu beraten.

Die Pandemie hat die Arbeit in den Selbsthilfegruppen im Landkreis Rotenburg beeinträchtigt. Inzwischen haben fast alle ihre Arbeit wieder aufgenommen – und verzeichnen einen starken Zulauf. Seit 2020 gab es 14 Neugründungen – so viele wie noch nie in einem ähnlichem Zeitraum.

Rotenburg – Das Coronavirus hat den Alltag verändert. Besonders während der Lockdowns waren die Einschränkungen groß. Auch die Selbsthilfegruppen im Landkreis Rotenburg standen nach Ausbruch der Pandemie vor großen Herausforderungen, weil lange Zeit keine Treffen möglich waren.

Inzwischen haben fast alle ihre Arbeit wieder aufgenommen, berichten Veronika Czech und Verena Kimpel von der Ziss – der Informationsstelle Selbsthilfe Selbsthilfekontaktstellen im Landkreis Rotenburg. Czech zeigt sich erleichtert: „Es hat keine Selbsthilfegruppe in der Lockdown-Zeit ihren Dienst eingestellt.“

Stattdessen seien seit Pandemie-Beginn sogar zahlreiche neue Gruppen gestartet. „Seit 2020 gab es 14 Neugründungen – so viele hatten wir in so kurzer Zeit noch nie“, betont Kimpel. Eine der Gruppen hat einen direkten Bezug zur Pandemie: In Zeven gibt es seit Juli ein Treffen für Menschen, die unter Long- und Post-Covid leiden.

Insgesamt sei das Interesse an Selbsthilfegruppen deutlich gestiegen: „Fast alle verzeichnen einen starken Zulauf, vor allem von jungen Erwachsenen und Jugendlichen. Die Menschen hatten in den vergangenen eineinhalb Jahren mehr Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen, und haben dabei festgestellt, dass sie eigene Baustellen haben. Wir freuen uns darüber, dass sie den Mut gefasst haben, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen“, berichtet Veronika Czech.

In Rotenburg und Scheeßel ist die Verbindung meist ganz gut – in den Dörfern leider nicht immer. Da waren einige schon abgeschnitten.

Veronika Czech, Ziss, zum digitalen Angebot der Selbsthilfegruppen

Sie und Mitarbeiterin Verena Kimpel erreichten während der Pandemie deutlich mehr Anrufe und E-Mails – vor allem von Gruppenleitern, die sich darüber beraten lassen wollten, welche Möglichkeit sie haben, trotz der Beschränkungen ihre Arbeit bestmöglich fortzusetzen. „Einige haben dafür ihre Treffen nach draußen verlegt, auf Online-Treffen gesetzt oder sich per Whatsapp ausgetauscht. Wir waren sehr überrascht, wie gut auch die älteren Teilnehmer inzwischen aufgestellt sind. Fast alle konnten digitale Wege nutzen“, betont Czech. Das hat auch Peter Schweigert, Leiter der Rotenburger Epilepsie-Selbsthilfegruppe, beobachtet, der betont: „Durch die Pandemie haben wir neue Möglichkeiten für uns entdeckt, wie wir innerhalb der Gruppe kommunizieren können. Das werden wir uns auf jeden Fall erhalten, auch wenn uns persönliche Treffen natürlich lieber sind.“

Größere Probleme habe es jedoch im ländlichen Raum gegeben, weiß Czech: „Wir sind ein Flächenlandkreis. In Rotenburg und Scheeßel ist die Verbindung meist ganz gut – in den Dörfern leider nicht immer. Da waren einige schon abgeschnitten und konnten sich nicht beteiligen.“ Besonders schwierig sei die Situation noch immer für Gruppen für Menschen mit Lungenerkrankungen und Multiple Sklerose. „Weil diese besonders gefährdet sind, ist die Sorge, dass sie erkranken, weiterhin besonders groß. Sie leiden deshalb auch heute noch am meisten unter den Folgen der Pandemie“, berichtet Czech.

Trotz der guten Alternativen zu persönlichen Gruppentreffen habe sich während der Pandemie aber auch deutlich gezeigt, dass besonders bei psychischen Krankheitsbildern die Online-Angebote persönliche Treffen nicht ersetzen können. „Um dies aufzufangen, haben einige Gruppenleiter mit den Betroffenen telefoniert oder Einzeltreffen im Freien durchgeführt, um auf diese Weise Hilfe anzubieten“, erklärt Czech, die für den Einsatz dankt.

Dass Online-Angebote nicht für Jedermann geeignet sind, zeigte sich auch bei dem Gruppenleiter-Treffen, das die Ziss angeboten hatte – nur acht der insgesamt 70 Gruppen waren dort vertreten. Zum ersten regulären Treffen im Juli kamen dann wieder 35 Teilnehmer.

Schweigert ist mit seiner Epilepsie-Selbsthilfegruppe während der Pandemie gestartet – trotz der schwierigen Bedingungen ist er zufrieden. „Wir hatten bisher zwei Treffen und werden diese monatlich fortführen – weitere Interessierte sind jederzeit willkommen.“ Das nächste Gruppentreffen ist am Dienstag, 9. November, ab 19 Uhr in der Auferstehungskirche. Anmeldungen sind nicht erforderlich.

Schweigert begrüßt dort auch Eltern, die selbst oder deren Kinder an Epilepsie leiden. „Ich gebe ihnen Tipps, wie sie einen Anfall frühzeitig erkennen und welche Maßnahmen dann ergriffen werden sollten“, sagt Schweigert, der künftig auch an Schulen über die Erkrankung informieren will. Denn es könne im Ernstfall überlebenswichtig sein, dass Lehrer und Mitschüler die Situation schnell erkennen und richtig handeln.

Auch die anderen neuen Gruppen, die sich während der Pandemie gegründet haben, freuen sich auf weitere Teilnehmer: Zum Beispiel die Kopfwerkstatt für Jugendliche, die an Depressionen oder einer Ess- beziehungsweise Angststörung leiden. Die Gruppe ist nach dem jüngsten Lockdown Ende Mai wieder gestartet. „Wir erhalten dort mehr Anfragen als vor der Pandemie. Jugendliche suchen sich Hilfe in der Gruppe, weil sie mehr belastet sind.

Weitere neue Selbsthilfegruppen gibt es unter anderem für Patienten mit Cluster-Kopfschmerz sowie für Frauen, die unter einer Sucht leiden. Für Schlaganfall-Patienten gibt es seit diesem Sommer „EinSchlag“, gegründet von Heiner Gehlken und Joachim Krohn. Zum Welttag gegen Schlaganfall am Freitag, 29. Oktober, kommen sie in der neuen Podcast-Folge von „Kreis & Quer“ der Kreiszeitung zu Wort, die am selben Tag erscheint. Die ganze Folge „Kreis und Quer“ gibt es ab diesem Tag überall dort, wo es Podcasts gibt.

Eine Liste aller Selbsthilfe-Angebote finden Interessierte im Internet unter www.caritas-stade.de. Betroffene und Angehörige, die an den Selbsthilfegruppen interessiert sind, melden sich bei der Ziss unter Telefon 04261/8518239, per E-Mail an ziss-rotenburg@t-online.de bei Czech oder Kimpel.

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