Trotz Impfung prägt die Sorge vor Corona Bewohner und Personal

Alltag im Rotenburger Pflegeheim: Hoffnung auf der Zielgeraden

Bewohnerin Renate Mantel (2.v.l.) mit Einrichtungsleiterin Christine Kisselt (v.l.), Pflegedienstleitung Daniela Luttmann und Pflegefachkraft Katalin Porthaus.
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Bewohnerin Renate Mantel (2. von links) ist dankbar für die Arbeit von Einrichtungsleiterin Christine Kisselt (von links), Pflegedienstleitung Daniela Luttmann und Pflegefachkraft Katalin Porthaus.

Fast alle Bewohner und Mitarbeiter des Tine-Albers-Hauses in Rotenburg sind inzwischen geimpft. Trotzdem bestimmt das Coronavirus weiter den Alltag. Einrichtungsleiterin Christine Kisselt will kein Risiko eingehen und setzt weiter auf ein strenges Hygienekonzept.

  • Mitarbeiter lassen sich vor Dienstbeginn testen.
  • Bewohner tragen keine Mund-Nasen-Maske.
  • Die große Sorge weicht der Hoffnung, dass die Pandemie bald besiegt ist.

Rotenburg – Als eines der ersten Pflegeheime im Landkreis hatte das Tine-Albers-Haus in Rotenburg bereits Mitte Januar Besuch von einem mobilen Impfteam. Fast alle Bewohner und Mitarbeiter erhielten die Erstimpfung mit dem Vakzin von Biontech. Knapp drei Wochen später, Anfang Februar, folgte die Zweitimpfung. Seitdem sind drei Monate vergangen. Ist in dem Pflegeheim inzwischen der Alltag zurückgekehrt? Oder prägt das Coronavirus weiterhin den Tagesablauf? Die Kreiszeitung hat darüber mit Bewohnerin Renate Mantel, Einrichtungsleitung Christine Kisselt, Pflegedienstleitung Daniela Luttmann und Pflegefachkraft Katalin Porthaus gesprochen.

Renate Mantel sitzt gemütlich in ihrem Ohrensessel am Fenster, während sie aus ihrem Leben erzählt. Es ist einer der wenigen sonnigen Momente an diesem Tag. Sie lobt, dass immer frische Blumen auf den Tischen stehen. „Wenn es in den kommenden Wochen wärmer wird, kann ich endlich mehr Zeit im Psalmgarten verbringen. Leider ist es dort nicht mehr ganz so schön, seit es weniger Insekten gibt. Früher habe ich dort mehr Schmetterlinge gesehen. Da war mehr Leben“, berichtet sie.

Die 82-Jährige stammt aus Fintel und lebt bereits seit 13 Jahren in dem Pflegeheim. „Ich fühle mich wie zu Hause und hatte eine sehr schöne Zeit – auch in den vergangenen Monaten“, erklärt die Bewohnerin, die bis zur Rente Kinder betreut hat. Sie erinnert sich gerne daran zurück: „Die Aufgabe hat mich sehr erfüllt. Ich habe selbst keine Kinder.“

Mantel trägt keine Mund-Nasen-Maske. Auch die übrigen Bewohner sind innerhalb der Station von der Pflicht befreit. „Sie wohnen hier und sollen sich wohlfühlen. Wenn mir jemand sagen würde, ich sollte in meinen eigenen vier Wänden eine Schutzmaske tragen, ginge mir das auch zu weit“, erklärt Kisselt, die auch das Haus Stadtgarten leitet.

Die Freiheit auf der einen Seite soll durch ein strenges Hygienekonzept auf der anderen Seite gestützt werden. Dazu zählen beispielsweise Schnelltests. Jeder Besucher ist dazu verpflichtet. Im Eingangsbereich steht dafür an diesem Tag Pflegedienstleitung Daniela Luttmann. Sie erfasst die Kontaktdaten, nimmt einen Nasenabstrich und überbrückt die 15 minütige Wartezeit bis zum Ergebnis mit einem Gespräch. „Wir hatten bislang noch keinen positiven Test“, erzählt sie dabei.

Sie und die weiteren Mitarbeiter lassen das Prozedere vor jedem Dienst über sich ergehen („Dabei geht in der Woche viel wertvolle Zeit verloren.“), den Bewohnern wird mindestens ein Schnelltest pro Woche angeboten. „Wer viel unterwegs ist, der kann sich auch häufiger testen lassen“, so Kisselt.

Das macht sich bezahlt, wie die Einrichtungsleiterin betont: „Wir hatten in beiden Häusern zum Glück noch keinen Bewohner, der an Covid-19 erkrankt war.“ Wie greifbar die Gefahr jedoch ist, spürte Kisselt, als sich zwei Mitarbeiter des Haus Stadtgarten infiziert hatten. „Wir haben sofort reagiert und es blieb deshalb ohne weitere Folgen. Wir sind insgesamt gut durch die Pandemie gekommen.“

Damit das weiterhin so bleibt, hält Kisselt strikt an den etablierten Hygienemaßnahmen fest, obwohl die niedersächsische Landesregierung inzwischen verkündet hat, dass in Pflegeheimen die vollständig geimpften Mitarbeiter nicht mehr täglich getestet werden müssen.

Pflegefachkraft Katalin Porthaus findet das gut: „Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt. Ich finde es wichtig, mich testen zu lassen.“ Schwerer falle das Tragen von FFP2-Masken im Dienst, berichtet sie: „An wärmeren Tagen ist das besonders anstrengend, genauso beim Duschen der Bewohner durch die hohe Luftfeuchtigkeit. Da gerät jeder früher oder später an seine Belastungsgrenze.“

Bei der Arbeit mit den Menschen schaffe das Tragen der Maske zudem eine Distanz. „Besonders bei den Bewohnern, die auf Lippenlesen angewiesen sind, ist die Kommunikation dadurch sehr schwierig. Es geht aber auch viel Mimik verloren“, bedauert Porthaus. Kreative Lösungen sind gefragt, Zettel und Stift ein Hilfsmittel.

Eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken für geimpfte Mitarbeiter gibt es inzwischen ebenfalls nicht mehr. „Wir könnten das abschaffen, aber im Moment halten wir es noch für richtig“, betont Kisselt und erklärt, dass es ihr dabei nicht nur um den Sicherheitsaspekt geht: „Ich finde es problematisch, wenn äußerlich zu erkennen ist, welcher Mitarbeiter geimpft ist und welcher nicht. Sie müssten sich dann womöglich immer wieder vor anderen rechtfertigen.“

Kisselt hält es für wichtig, bei der Impffrage keinen Druck auszuüben: „Das ist eine persönliche Entscheidung jedes Einzelnen. Mitunter gibt es auch medizinische Gründe, die gegen eine Impfung sprechen. Das muss man so respektieren.“

Die größte Veränderung nach dem Impfen zeige sich nicht äußerlich, berichten die Mitarbeiter: Es sei viel mehr das Gefühl, mit dem die Mitarbeiter den Dienst antreten. Die große Sorge vor einem Ausbruch im Pflegeheim weicht, stattdessen keimt Hoffnung auf, dass die Pandemie bald überstanden ist. „Wir sind insgesamt entspannter, wiegen uns aber natürlich nicht in Sicherheit. Wir haben die Hoffnung, dass wir nach dieser langen Zeit auf die Zielgerade einbiegen, weil die Impfungen Fahrt aufnehmen“, so Daniela Luttmann.

Alle Beteiligten hoffen, die schwerste Zeit überstanden zu haben. „Wir waren immer ein offenes Haus. Dann kam die Pandemie und es wurde ein Betretungsverbot für Pflegeheime ausgesprochen. Plötzlich kam niemand mehr rein. Die Türen waren zu. Das war eine beängstigende Phase, weil uns dazu erschreckende Nachrichten aus anderen Einrichtungen erreichten“, erinnert sich Kisselt.

Eine Zeit, die auch Bewohnerin Renate Mantel nicht noch einmal erleben will: „Wir hatten keinen Besuch und konnten nichts unternehmen. So gut wie alle Aktivitäten fielen aus. Das war schon schwer. Gemeinsames Singen ist bis heute nicht möglich. Das gesamte Pflegepersonal hat in dieser Zeit aber einen tollen Job gemacht. Deswegen haben wir die Einschränkungen gar nicht so wahrgenommen.“

Das Team habe versucht, die Situation bestmöglich aufzufangen, so Kisselt: „Wir haben zum Beispiel Tablets angeschafft, damit die Bewohner mit ihren Angehörigen skypen können. Das war ein enormer organisatorischer Aufwand für uns. Wir mussten Pläne erstellen, wann welche Angehörigen Zeit haben. Natürlich mussten wir die Bewohner auch technisch unterstützen“, so Kisselt.

Besonders schwierig war die Situation lange Zeit für neue Bewohner. Denn diese mussten trotz negativem PCR-Test für zwei Wochen in Quarantäne. „Sie durften ihr Zimmer nicht verlassen und wir mussten so mit ihnen umgehen, als wären sie potenziell infiziert, also waren wir komplett in Schutzkleidung. Das hat das Einleben sehr erschwert. Inzwischen ist diese Zeit auf nur noch eine Woche reduziert. Nach einem negativen Test können wir sie am achten Tag aus der Quarantäne entlassen.“

Kisselt hofft darauf, dass bald ein Stück Alltag zurückkehrt und die Gesellschaft dann anders damit umgeht: „Wir sollten wieder mehr wertschätzen, was wir dann haben.“

Porthaus ergänzt: „Ich erhoffe mir mehr Verständnis für die, die Entscheidungen treffen müssen. Wer Kritik übt, sollte nie vergessen, dass es auch für die Regierung die erste Pandemie ist. Dafür lag kein fertiger Plan in der Schublade. Dort, wo Entscheidungen getroffen werden, da werden Fehler gemacht.“

Renate Mantel ist bereits auf dem Weg zurück in ihr Zimmer, als sie noch einmal umdreht, weil ihr etwas Wichtiges einfällt: „Eines muss mal gesagt werden: In der Pflege wird so ein toller und wichtiger Job gemacht. Es bewegt mich, dass das oft noch nicht ausreichend honoriert wird. Das muss sich ändern. Das sollten wir aus der Pandemie mitnehmen.“

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