Statistik-Professor zweifelt an potenziellen Ursachen für erhöhte Krebszahlen

Alles nur Zufall?

Walter Krämer hat sich schon in vielen Büchern populärwissenschaftlichen Themen gewidmet. Er kritisiert jetzt die Schlussfolgerungen der Statistiker zu den erhöhten Krebszahlen in der Region. - Foto: Michael Dannenmann

Rotenburg - Seit bald zwei Jahren rätselt nicht nur die Region, sondern ganz Deutschland: Was führt zu den erhöhten Krebszahlen in Bothel und Rotenburg? Die Behörden befragen Menschen, wälzen Daten, schieben Analysen an.

Eine Verbindung zur Erdgasförderung wurde von Tag eins an von Kritikern hergestellt, während das federführende Gesundheitsamt in Rotenburg stets betont, man untersuche ergebnisoffen in alle Richtungen. Es muss eine Ursache geben, heißt es. „Muss es nicht“, sagt dagegen Statistik-Professor Walter Krämer.

Joachim Kieschke ist sich am 12. September 2014 sicher. Der ärztlicher Leiter der Registerstelle beim Epidemiologische Krebsregister Niedersachsen (EKN) sitzt an diesem Freitagmorgen mit anderen Behördenvertretern im Rotenburger Kreishaus und macht die alarmierenden Krebszahlen von Bothel öffentlich. Er sagt: „Wir haben es hier mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit zu tun, dass die Häufung nur zufällig auftritt.“

Seit diesem Tag wird nach Ursachen gesucht. Denn die rein beschreibenden Zahlen der Auswertung lassen keine Rückschlüsse auf mögliche Gründe zu, auch wenn das in der Folge in der Diskussion um die Gefährlichkeit der Erdgasförderung immer weniger berücksichtigt wird. Selbst der maßgebliche Branchenvertreter vor Ort, „ExxonMobil“, greift die Sichtweise auf bestimmte Auslöser auf – und kehrt die Debatte um. Eigene Recherchen und Untersuchungen hätten ergeben, man sei nicht verantwortlich für die Krebszahlen, verkündet Exxon überraschend forsch vor wenigen Wochen.

Für Walter Krämer ist die Debatte im Landkreis Rotenburg wie auch in Rodewald (Landkreis Nienburg), wo es vermehrt Leukämiefälle nahe eines Erdöl-Betriebsplatzes gibt, aus statistischer Sicht irreführend. „Es kann Gründe geben, muss es aber nicht“, sagt der Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher und Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund.

Dass die Krebszahlen in einer Region erhöht sind, sei keine Seltenheit, sondern eher der Normalfall: „Die Wahrscheinlichkeit für solche Häufungen ist viel viel höher. Wenn Sie hundert Mal eine Münze werfen, kommt nie abwechselnd Kopf und Zahl. Mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit gibt es irgendwann eine Folge von zum Beispiel fünf Mal Zahl – etwa zwischen Wurf Nummer 30 und 35. Jetzt kommt jemand und sagt: ,Ab Wurf Nummer 30 war die Münze gezinkt.‘ Blödsinn!“ Zwar könnte jemand die Münze manipuliert haben, doch: „In aller Regel ist eine solche Häufung ein astreines Produkt des Zufalls.“

Das EKN sei zwar sehr sorgfältig vorgegangen, für Krämer ist aber die Schlussfolgerung falsch. Das Münz-Beispiel wieder aufgreifend sagt er: „Sie betrachten die Würfe ab Nummer 30 und sagen: ,Aha, das kann kein Zufall sein!‘ Man hätte aber sämtliche Gemeinden betrachten müssen, nicht nur die, wo eine Häufung gemeldet worden ist. Sonst sind alle Wahrscheinlichkeitsaussagen mathematisch gesehen falsch und nur als grober Unfug zu bezeichnen.“

In Wahrheit seien solche Häufungen alles andere als signifikant, hat Krämer Ende Mai in seiner Kolumne „Unstatistik des Monats“ publiziert. Sie seien im Gegenteil normal. Teile man etwa alle 223.000 im Jahr 2014 durch Krebs verursachten Todesfälle (ein Viertel aller Todesfälle in Deutschland insgesamt) rein zufällig auf die 11.100 Gemeinden des Landes auf, so werde es viele Kommunen geben, in denen bei weit mehr als ein Viertel Krebs als Todesursache gilt, aber auch viele Gemeinden mit einer Krebsmortalität von weit weniger als 25 Prozent.

Diese Abweichungen seien rein zufällig und fast sicher zu erwarten. Und am Beispiel des betroffenen Dorfes im Landkreis Nienburg: „Hätten etwa alle Gemeinden Deutschlands so wie Rodewald 2 500 Einwohner, läge die Wahrscheinlichkeit, dass in mindestens einer davon in neun Jahren statt der erwarteten zwölf mehr als 19 Leukämie-Erkrankungen auftreten, bei über 99,9 Prozent. Selbst die Wahrscheinlichkeit, dass in zehn oder mehr Gemeinden solche Häufungen rein zufällig vorkommen, betrüge noch mehr als 95 Prozent.“

Natürlich, räumt Krämer ein, könnte die Erdgasförderung oder ein anderer Auslöser trotzdem für die Zahlen verantwortlich sein. Auch das ist nicht ausgeschlossen. Aber gerade im Zusammenhang mit Krebs gebe es oft „viel Lärm um Nichts“. Krämer: „Weil Krebs den Menschen so viel Angst macht. Und das nutzen die Panikmacher schamlos aus.“

Von Michael Krüger

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