Vierter Teil der Serie über den Alltag in unseren Schulen: Ein Tag in den Berufsbildenen Schulen Rotenburg

Alles riesig

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Die angehenden Kaufleute im Unterricht.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Um mich überhaupt in dem Riesenkomplex zurechtzufinden, werde ich an meinem Tag in den Berufsbildenden Schulen (BBS) nur eine Lehrerin begleiten, dann aber durch verschiedene Schulzweige und -arten: Claudia Herzog ist seit gut zehn Jahren als Berufsschullehrerin tätig. Sie unterrichtet an diesem Tag Englisch sowie Betriebs- und Volkswirtschaft. Sechs Schulstunden lang an einem Montagmorgen darf ich dabei sein.

Die BBS bilden das größte Schulzentrum in Rotenburg

Den 21 Berufsschülern im Bereich „Wirtschaft“ (auszubildende Kaufleute im ersten Lehrjahr) zwischen 17 und 21 Jahren sieht man den Montagmorgen irgendwie an. Das Wochenende scheint stressig gewesen zu sein. Und dann in der ersten Stunde: „Business-English“. Das ist mir, der ich mich immerhin noch einigermaßen auf Englisch verständlich machen kann, ziemlich fremd. Abkürzungen wie FOB („Free on board“), DAT („Delivered at Terminal“) oder COD („Cash on Delivery“) waren mir bisher völlig unbekannt. In allen Texten (im Unterricht wird fast nur Englisch gesprochen) geht es ausschließlich um Lieferungen, Ladungen, Zahlungen und andere wirtschaftliche Dinge, die für Kaufleute selbstverständlich sein mögen. Für mich eine fremde Welt.

Ich erlaube mir die Zwischenfrage, wer denn von diesen Azubis tatsächlich dieses Business-Englisch im Job braucht. Mehr als ein Drittel hebt die Hand. Alle Achtung! Einer meint aber nebenbei, dass es ihm vor allem wichtig sei, viel zu verkaufen. Wie, ist zweitrangig. Claudia Herzog verteilt Arbeitsblätter, geht herum, fragt nach, gibt Hinweise. Die Klasse ist inzwischen merklich wacher, macht mit und scheint einen guten Draht zu ihrer Lehrerin zu haben. Die schafft es, alle zum konzentrierten Arbeiten zu bringen. Auf meine Frage, was ihnen denn lieber sei, Job oder Schule, sind sich allerdings alle einig: der Job!

Auch die nächste Klasse der Berufsschüler („Kauffrau/Kaufmann für Büromanagement“) muss sich, wie im ersten Lehrjahr üblich, zwei Mal wöchentlich in der Schule an der Verdener Straße einfinden. Auch die sind eigentlich lieber bei der Arbeit – obwohl…

Gruppenarbeit mit Lehrerin.

Vor dem Unterricht bekomme ich eine kleine Diskussion über die monatliche Vergütung unter den Auszubildenden mit. „Wir sollten mal irgendwie zusammenstellen, was wir eigentlich so verdienen“, meint eine, denn die Unterschiede scheinen doch enorm zu sein, und am unteren Ende der Skala ist es recht wenig. Dann aber kommt die Lehrerin. Augenblicklich wird es ruhig, alles auf die Plätze. Die Klasse hatte als Hausaufgabe, eine Power-Point-Präsentation über ihre jeweilige Lehrfirma vorzubereiten. Wie das geschehen soll, das hatte man offensichtlich in der Klasse vorher besprochen und geübt. Für die anschließende Beurteilung gibt es einen ebenfalls extra dafür verfassten Beurteilungsbogen – und dann geht’s los. Ist ja nicht ganz einfach, seine Firma und sich selbst („Was mache ich in meinem Betrieb“) vor seiner Klasse, der Lehrerin und einem völlig unbekannten Zeitungsmenschen in fünf bis zehn Minuten vorzustellen.

Ich sehe mir also etliche Präsentationen von Auszubildenden im 1. Lehrjahr an – und komme aus dem Staunen nicht wieder raus. Da habe ich aber schon ganz andere Dinge erlebt. Da habe ich Universitätsprofessoren und Doktoranden zuhören müssen, die entweder viel zu lange Folien vorlasen oder so vortrugen, dass mir die Augen zufielen. Da gab es schon Firmenpräsentationen auf Messen, die so blutleer waren, dass sie das Gegenteil von dem bewirkten, was sie sollten. Empfehlung an alle: Grundkurs Präsentation an den BBS Rotenburg. Großartig! Gekonnt aufbereitet, mit tollem Hintergrundwissen über die jeweilige Firma, frei vorgetragen und gleichzeitig informativ und mit jeweils beeindruckender Firmenidentifikation. Dazu absolut authentisch, nicht gekünstelt, nicht geschönt, nicht überzogen.

Nach jedem Vortrag kommt Kritik: erst einmal grundsätzlich ewas Positives. Gut, so etwas in der Schule zu lernen! Dann gibt es Verbesserungsvorschläge, Nachfragen – und ein kleines Quiz: Mal sehen, was hängen geblieben ist von der Präsentation. Toll!

Die Europaschule hat Renovierungsbedarf.

Fast beflügelt gehe ich mit in die nächste Klasse. Ein Weg in meine eigene Vergangenheit, so scheint es: 13. Klasse Gymnasium, Unterrichtsfach: Betriebs- und Volkswirtschaft. Dieser Raum sieht fast original so aus wie der, den ich vor einigen Jahrzehnten selbst als Abiturient verlassen habe: fleckiger Fußboden, trister Ausblick auf ein Grasdach, ein White-Board als Tafel, bei dem von „white“ nicht mehr viel zu sehen ist, Lehrertisch vorne, angedeutete U-Form davor. Baulich müsste an den BBS, wo es einige wirklich schöne Ecken gibt, hier und da dann doch mal einiges getan werden. In der Eingangshalle ist die Decke schon seit Monaten „bloßgelegt“! Schülern und Lehrerin hat das egal zu sein. 17 Augenpaare blicken gebannt nach vorne: Rückgabe einer Klausur zum Thema „Wirtschaftspolitik“ ist angesagt. Julia neben mir hat 14 Punkte – eine glatte „1“.

Der Durchschnitt liegt bei gut neun Punkten („3+“). Nicht schlecht. „Jan, das hast du gut gemacht,“ lobt Claudia Herzog einen anderen Schüler, der ihre Meinung absolut teilt („Das stimmt!“). Ein gutes, lockeres Verhältnis herrscht hier untereinander, wobei die Lehrerin sehr respektiert wird. Vielleicht auch schon, weil es um das nahende Abi geht. Im April kommen die schriftlichen Prüfungen, wenige Wochen danach die mündlichen. Die Anspannung ist jetzt schon spürbar.

An den BBS gibt es übrigens keine auf zwölf Jahre verkürzte Gymnasialzeit. Hier dauert es 13 Jahre bis zum Abi. Trotzdem (oder auch gerade deswegen?) haben einige hierhin gewechselt. Auch, so meint Julia – die mit den 14 Punkten –, „weil hier der Bezug zur späteren Arbeitswelt größer ist. An den BBS gibt es eben auch Fächer, die es an anderen Schulen nicht gibt – von Sozialpädagogik bis zur Betriebswirtschaft“.

Um 13 Uhr ist Schluss. Auch für Claudia Herzog. Mehr als sechs Unterrichtsstunden pro Tag sollte es für Lehrerinnen eigentlich auch nicht geben. Das „schlaucht schon ganz schön.“ Außerdem gibt es ja noch Korrekturen am Nachmittag, Konferenzen und Vorbereitungen. Und damit sie nicht so ganz allein unter den Arbeitenden ist, bekommt die Klasse 13 zu deren großer Freude auch noch eine schöne Hausaufgabe mit auf den Weg…

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