Alles in Butter mit Luther?

Eine Bilanz zum Ende des Reformations-Jubiläums in Rotenburg

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Susanne Briese und Thomas Steinke sind zufrieden mit dem „Luther-Jahr“. Playmobil dürfte es angesichts des Verkaufserfolgs seiner Figur auch sein.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Mit dem 31. Oktober, dem Reformationstag, endete das „Luther-Jahr“, mit dem an Martin Luthers Thesenanschlag vor genau 500 Jahren in Wittenberg gedacht werden sollte.

Luther überall: Vorträge, Abendmusiken, gar eine „Weltausstellung“ zum Thema „Reformation“ in Wittenberg, ein besonderer „Kirchentag“ zum Thema in Berlin mit „Stationen“ an verschiedenen Wirkungsorten Luthers (Leipzig, Wittenberg, Magdeburg, Jena, Halle, Dessau). 

Selbst der Chefredakteur einer großen TV-Zeitschrift stellte angesichts der Luther-Häufigkeit im Fernsehprogramm „gewisse Ermüdungseffekte im Gedenkjahr“ fest. Und schließlich gar ein bundesweiter Feiertag. Auch in unserer Region gab’s zig Veranstaltungen zum Thema Reformation und Luther. Doch hat das was gebracht für die Evangelische Kirche?

„Die Kirche am Reformationstag war so voll wie Heilig Abend“, stellt die Rotenburger Superintendentin Susanne Briese zufrieden fest. Das war schon mal außergewöhnlich und auch an vielen anderen Orten in unserer Region so. Luther war im Gespräch. Wo in früheren Jahren Schüler zum „Schulgottesdienst“ verpflichtet wurden (dafür gab es dann immerhin schulfrei), kamen die Menschen in diesem Jahr ohne Verpflichtung – und in Scharen.

Manche Enttäuschungen im Lutherjahr

Und doch: Anders als am Heiligen Abend sah man am Reformationstag vor allem welche, die auch sonst mit der Kirche durchaus vertraut sind. Die „Kirchenfernen“ blieben auch hier fern. Thomas Steinke, früher Pastor in Fintel, und nun eigens dafür beauftragt, „innovative Ideen“ in den Kirchengemeinden ins Gespräch zu bringen, sieht das durchaus. „Zahlen sind ja das eine“, betont er, „und da gab es auch manche Enttäuschungen bei diesen Lutherjahren.“

„Aber,“ stellt er fest, „wir waren als Evangelische Kirche auch mehr in den Medien als sonst. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Kirche war im Gespräch.“ Reicht das? Und wie lange hält so was an? Schließlich hat Kirche die alle zwei Jahre wiederkehrende Erfahrung, dass nach einem Kirchentag mit mehr als 100.000 Teilnehmern der Schwung von dort kaum in den Kirchenalltag hinüberreicht.

Vielleicht, so Briese und Steinke, haben wir jetzt auch erst einmal eine „innerkirchliche Aufgabe.“ Sie stellen übereinstimmend fest: „Viele von denen, die zur Kirche gehören, wissen im Grunde gar nicht, warum.“ Das sei zu Luthers Zeiten nicht anders gewesen. Deswegen habe er zum Beispiel mal den Kleinen Katechismus geschrieben. Eine Art Evangelisches Grundwissen. 

Frischer Wind für die Kerngemeinde

Es ginge also bei dem Reformationsgedenken auch um „Vergewisserung der Kerngemeinde.“ Gleichwohl brauche die Evangelische Kirche auch immer wieder „mächtig neuen Wind, der bei uns reinweht.“ Man dürfe sich nicht einreden, dass die Evangelische Kirche noch immer die Rolle habe, die sie noch vor zwei Generationen gehabt habe. Das bleibt festzustellen. Und das hieße noch längst nicht, „dass früher alles besser war. Wir wollen und brauchen hier nicht im Frust zu enden,“ betont Briese.

Vieles sei auch gelungen: Gute Projekte an verschiedenen Schulen, gute Gottesdienste, Kirchenmusiken, Reisen im Kirchenkreis zu den wichtigen Lutherstätten. Und dass die Bundeskanzlerin zum Reformationstag gesprochen habe, sei ein deutliches Zeichen, „dass es der staatlichen Seite auch nicht egal sei, ob es Kirche gibt oder nicht“. Kritische Anfragen zu einigen Reformationsgedenkfeiern und -gottesdiensten nehmen die beiden Kirchenleute durchaus wahr. 

Zum Beispiel, ob es wirklich innovativ und „reformativ“ sei, Gottesdienste mit vornehmlich alten Texten und alter Musik zu gestalten. „Ja, wir brauchen auch eine neue Sprachfähigkeit des Glaubens.“ Wie genau die aussehen könnte – das weiß man noch nicht so genau. Aber sensibilisiert sei man in der evangelischen Kirche einmal mehr; eben auch durch das Reformationsgedenken.

Wenig Kooperation

„So langsam reicht’s nun auch,“ stellte ein Kirchenvorsteher fest. Zehn Jahre lang Luther – die Evangelische Kirche hatte 2007 eine „Luther-Dekade“ ausgerufen – da ging mancher Gemeinde und manchem auch der Atem aus. Und von den anderen Kirchen? Insbesondere von den Katholiken gab es etliche starke „Zeichen der Versöhnung“, wie die Kirchenoberen erfreut feststellen. 

Bis in die Niederungen der Ortsgemeinden sind die selten gedrungen. Das gilt offensichtlich auch für unsere Region. Man respektiert sich unter den Christenmenschen, man nimmt die „andere Kirche“ wahr. Gemeinsame Veranstaltungen – gar zu Luther und seinen Anfragen an die Kirche – waren selten. 

Sehr selten. „Es war“, so Susanne Briese“ „aber in jedem Fall ein gutes Training für den Glauben.“ Darauf wolle man aufbauen. Sie fände es gut, wenn der Reformationstag ständiger gesetzlicher Feiertag würde. Und auch, wenn es bei den Überlegungen dazu gar nicht in erster Linie um den kirchlichen Feiertag an sich ginge, „Kirche bliebe im Gespräch“. 

Auf dem Tisch der Superintendentur steht der weltbekannte Luther – als Playmobilfigur. Die erste Auflage wirkt dabei fast kleingläubig: gerade 34.000 Stück hatte die Evangelische Kirche damals in Auftrag gegeben. Bis heute sind weit über eine Million Mini-Luthers verhökert worden. Für den Hersteller war somit das Reformationsjubiläum mit Sicherheit ein voller Erfolg.

Ein Kommentar von Michael Schwekendiek

Reformen benötigt

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, hatte eine „Luther-Dekade“ ausgerufen: Zehn Jahre lang sollte Martin Luther in seiner Kirche – und möglichst weit darüber hinaus – im Mittelpunkt des Interesses stehen; und dann, als Höhepunkt, von Oktober 2016 bis Oktober 2017, ein „Luther-Jubiläums-Jahr“. Dafür hatte man eigens Ex-Bischöfin Margot Käßmann als Zugpferd und Ober-Organisatorin eingesetzt. Nun hat es sich ausgejubelt.

Michael Schwekendiek.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte schon im Juli etwas vorschnell: „Luther ist die Pleite des Jahres“. Die Besucherzahlen in Wittenberg, Leipzig, Magdeburg und umzu waren deutlich unter den Erwartungen geblieben. Die „Luther-Weltausstellung“ verzeichnete gerade mal halb so viel Besucher wie erwartet. Und auch von manchen Gemeindemitgliedern und Pastoren bei uns war zu hören, dass es sich nun langsam ausgeluthert habe bei so vielen Veranstaltungen. Die Initiatoren hingegen sind begeistert!

Ohne Frage: Luther ist wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung gekommen. Der Reformator, der die Geschichte unseres Landes wesentlich geprägt hat, war gerade in den letzten Wochen nahezu allgegenwärtig. Toll, was Kirchengemeinden und auch einige Schulen hier auf die Beine gestellt haben! Und am Reformationstag waren die Gotteshäuser voll wie am Heiligen Abend! Aber der große „Glaubensruck“ ist nicht durch die Kirche gegangen. 

Die Besucherzahlen bei Sonntagsgottesdiensten sind nicht gestiegen, die Zahl der Kircheneintritte hat sich nicht erhöht. Vielleicht waren da bei allen die Erwartungen zu hoch. Vielleicht war’s auch zu viel Luther? Zehn Jahre lang zu „jubeln“, ist schwierig! 

Und manche Jubiläums-Macher sagen selbstkritisch, dass manches „zu intellektuell“ ausgerichtet war. Eine alte Schwäche der Evangelischen Kirche. Trotzdem: Luther war und ist es wert, beachtet zu werden, und „seine“ Kirche, so hat er es selbst gesagt, ist „immer reformbedürftig“. Dazu sind Ideen gefragt – bei Verantwortlichen und denen, die „Kirche“ ausmachen: den Mitgliedern.

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