Letzter Teil der Serie über den Alltag in unseren Schulen: Ein Tag im Ratsgymasnium Rotenburg

Alles im Lot

In der Klasse herrscht Ordnung.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Meine alte Schule hätte ich immer mit verbundenen Augen wieder erkannt: Irgendwie hing da stets ein leichter Schweißgeruch in der Luft, vermischt mit dem alter Schulbrote, Leberwurst, Käse, Kreidestaub und Reinigungsmitteln. In der Eingangs- und Pausenhalle des Ratsgymnasiums riecht es wie in einer Backstube!

Nach dem Sportunterricht geht es zur Stärkung an den Kiosk.

Köstliche Schwaden von gerade gebackenen Brötchen, Kuchen und Baguettes ziehen da durch die Gänge: gleich links vorne ist ein Kiosk, der alles frisch anbietet. Schöne neue Schulwelt! Die andere Seite ist die, dass ich an diesem Morgen erst mal frei habe! Der Rest der „10 nnw“, bei der ich heute zu Gast bin, schreibt nämlich in den ersten beiden Schulstunden eine Klausur in einer der gewählten Fremdsprachen. Da will man mich nicht auch noch im Hintergrund haben, und ich möchte da auch nicht sein. Erstens könnte ich nicht helfen, und zweitens befielen mich anschließend vermutlich wieder irgendwelche Albträume aus längst vergangenen Zeiten. Das muss ja nicht sein.

Die Klasse „10 nnw“. - Fotos: Schwekendiek

In der nächsten Doppelstunde ist Sport. Sieben Mädchen und sechzehn Jungen zwischen 14 und 17 Jahren treffen sich mit ihrem Sportlehrer Michael Plötz an der benachbarten Pestalozzi-Halle. Plötz (Fächer: Bio und Sport) ist seit etlichen Jahren im „Geschäft“ und die Ruhe selbst. Volleyball ist angesagt. Leichte Aufwärmübungen, Balltraining. Gemischtgeschlechtliche Gruppen beim Sportunterricht sind heutzutage üblich. Klassische Jungen- oder Mädchensportarten gibt es kaum noch. Auch im Fußball lässt Plötz sie manchmal gegeneinander antreten, „und die Jungs gewinnen keinesfalls immer!“ Trotzdem ist erst mal „ostfriesische bunte Reihe“ angesagt: wie von selbst gruppieren sich alle Mädchen links, alle Jungs rechts. Eine so herrlich große Halle für insgesamt 20 Schüler (drei sitzen sportbefreit auf der Bank) bietet alle Möglichkeiten. Sehr schnell sieht auch der ungeübte Beobachter, wo die Cracks sind. Die machen meistens auch in ihrer Freizeit Sport. Es gibt, erzählt mir der Sportlehrer, aber auch fünfte Klassen, in denen etliche Schüler zum Beispiel noch kein Freischwimmerzeugnis haben. Es ist schwieriger geworden mit der Bewegung der Kinder – mal abgesehen von der Daumenakrobatik am Smartphone.

Drei komplette Volleyballfelder nebeneinander werden aufgebaut. Das Training wird intensiver. Alle machen beeindruckend mit. Die Disziplin in der Klasse ist bemerkenswert. Nur eins haut nicht hin: Trotz wiederholter Ermahnungen, es handele sich um Volleybälle, lässt der Reiz, diese auch als Fußbälle zu traktieren nicht nach. Michael Plötz stellt aber lächelnd (und nur leise zu mir) fest, dass das früher auch nicht anders gewesen sei. Stimmt!

Alle Schüler machen beim Volleyball mit Lehrer Michael Plötz mit.

Zurück ins Schulgebäude: Die Klasse hat in den nächsten beiden Stunden Englisch bei Simone Milowski. Auch sie ist eine seit über zehn Jahren erfahrene Studienrätin. Das Klassenraum erinnert mich dann doch wieder an meine eigene Schulzeit: Recht klein, Lehrertisch vorne, grüne Tafel (mit weißer Kreide!), Schüler in U-Form beziehungsweise hintereinander. Auch hier: die Mädchen alle in der ersten Reihe; ihre männlichen Klassenkameraden halten sich im Hintergrund. Selbstverständlich läuft dieser Unterricht komplett in englischer Sprache ab. Die Erörterung einer Kurzgeschichte ist dran. Dazu gab’s eine Hausaufgabe, die erst einmal von Einzelnen vorgetragen wird. Nicht wenig, denke ich, und staune über das sprachliche Niveau. Die Beteiligung ist (das sind überwiegend 15- und 16-jährige in der fünften und sechsten Schulstunde!) erstaunlich gut. Die Geschichte wird diskutiert, wobei es nicht nur um die englische Sprache, sondern auch um inhaltliche Fragen bei einem durchaus brisanten Thema geht: eine Auseinandersetzung eines streng muslimischen Sohns mit seinem liberaleren Vater. Die Klasse macht außerordentlich diszipliniert mit. Meine leise gestellte Frage, ob die Lehrerin besonders streng sei, wird verneint: „Normal.“ Alle Achtung. Selbst bei der Partnerarbeit geht es sehr ruhig zu.

G8 oder G9?

In der „kleinen Pause“ (fünf Minuten) bleiben alle in der Klasse sitzen. Fragegelegenheit für den Reporter: Ob sie lieber G9 oder G8 hätten? Die ganze Klasse einmütig: G9, also dreizehn Schuljahre – bis auf zwei. Die beiden Musterschüler. Einige, die täglich aus Visselhövede kommen, fahren um 6.45 Uhr mit dem Bus los und sind dann, nach der sechsten Stunde, gegen 14 Uhr wieder zuhause. Gut sieben Stunden. Und dann noch Hausaufgaben.

Die sechste Unterrichtsstunde. Die Kurzgeschichte wird weiter besprochen, diskutiert, bearbeitet. Und endlich entdecke ich auch ein paar, die neben dem Unterrichtsgeschehen Zeit finden, sich kleine Briefe zu schreiben und auszutauschen. Na, bitte! Alles im Lot! Kann doch nicht nur aufmerksam und engagiert zugehen! In der Tat lässt die Konzentration langsam nach in der Klasse, was Simone Milowski geschickt durch eine erneute Partnerarbeit auffängt. Dabei ist sie immer unterwegs, um helfend einzugreifen oder auch nachzufragen.

13.05 Uhr. Allgemeines Gestöhne! In der nächsten Woche kein Englisch – die Lehrerin ist zur Fortbildung unterwegs – dafür ein umfangreiches Arbeitsblatt als Aufgabe, „damit Englisch nicht ganz vergessen wird!“. Dann ist Schulschluss. Alle zieht’s schnellstens Richtung Ausgang. Auch der Kiosk ist nahezu ausverkauft. Irgendwann im Herbst soll es auch am Ratsgymnasium nach Möglichkeit das Angebot einer warmen Mahlzeit geben. Die Umbauten sind schon geplant. Eine verbindliche Ganztagsschule allerdings nicht.

Infos zum Ratsgymnasium

1.100 Schüler, 90 Unterrichtskräfte. Schulleiterin ist seit knapp zwei Jahren Iris Rehder. Das Rotenburger Ratsgymnasium ist überwiegend fünfzügig, hat also in allen Jahrgängen jeweils fünf Klassen. Den Autor hat man in die Klasse „10 nnw“ geschickt; die Buchstaben stehen für „neusprachlich, naturwissenschaftlich“. Eine Klasse, die noch zu einem so genannten „G-8-Jahrgang“ gehört, also Abitur nach acht Gymnasialjahren (oder zwölf Schuljahren insgesamt) machen wird. „Die sind echt gefordert“, meint die Schulleiterin.

Lesen Sie auch die Randnotiz vom Michael Schwekendiek

Alle Achtung!

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