Vor allem das Handwerk bietet auch nach dem 1. August Ausbildungsplätze an

Es geht noch was

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Laura Bülter und Sebastian von Ahsen haben sich für eine Ausbildung zur Hotelfachfrau und zum Restaurantfachmann im „Wachtelhof“ entschieden.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Tische eindecken, Gäste bedienen oder auch Hotelzimmer auf Vordermann bringen – diese und andere Tätigkeiten sind für Laura Bülter und Sebastian von Ahsen Arbeitsalltag. Die junge Frau ist gerade in der Ausbildung zur Hotelfachfrau, ihr Kollege wird Restaurantfachmann im Rotenburger Hotel „Wachtelhof“. Wer es ihnen gleichtun möchte, hat noch Chancen, einen Ausbildungsplatz zu ergattern.

Zwar hat das neue Ausbildungsjahr am 1. August begonnen, doch noch längst sind nicht alle Plätze besetzt. Chancen haben junge Leute laut Bundesagentur für Arbeit unter anderem im Hotel- und Gaststättengewerbe. Aber auch in anderen Bereichen, insbesondere im Handwerk, geht noch was. Dort wird es indes immer schwieriger, alle angebotenen Plätze zu besetzen.

Dies, so ist aus Kammern, Arbeitsagentur und Betrieben zu hören, liege einerseits am Rückgang der Schulabsolventen und an vielfach mangelnden Qualifikationen. Obendrauf komme eine falsche Ausrichtung der Politik: Insbesondere Abiturienten würden dazu ermutigt, statt einer betrieblichen Ausbildung lieber den Weg über Universitäten und Hochschulen in die Arbeitswelt zu wählen.

Die aktuelle „Statistik zum Ausbildungsmarkt“ der Bundesagentur für Arbeit spricht eine deutliche Sprache. Im Bereich der Geschäftsstelle Rotenburg gibt es 538 gemeldete Ausbildungsstellen. Dies sind 20 oder 3,9 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Davon sind noch 189 unbesetzt, was einem Anstieg von 10,5 Prozent gleichkommt. Die Geschäftsstelle Zeven meldet mit 367 Ausbildungsplätzen ein Minus im Jahresvergleich von 3,8 Prozent. Unbesetzt sind 98 Stellen. Dies sind 8,7 Prozent weniger als 2014.

Zurückgegangen ist die Anzahl der Bewerber. In Rotenburg sind es 579 und damit 20,2 Prozent weniger als noch vor einem Jahr. In Zeven weist die Statistik 331 Bewerber aus. Hier hat sich die Zahl indes um 5,1 Prozent erhöht. Ohne Ausbildungsplatz sind im Bereich Rotenburg 233 junge Menschen – 12,7 Prozent weniger als noch 2014. In Zeven stehen derzeit noch 135 Leute ohne Ausbildungsplatz da. Dies sind 48,4 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.

Insgesamt gesehen schätzt Dagmar Froelich, Vorsitzende der Geschäftsführung in der zuständigen Arbeitsagentur Stade, die Ausbildungssituation in der Region als „sehr gut“ ein. Das jedoch trifft insbesondere auf das Handwerk zu. Zwar gebe es noch keine absoluten Zahlen über die abgeschlossenen Ausbildungsverträge, doch bereits jetzt zeichne sich ab, dass es mehr seien als im Jahr 2014, sagt Jens Wacker, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bremervörde-Osterholz-Verden. „Das zeigt, dass die Ausbildungsbereitschaft im Handwerk nach wie vor hoch ist.“ Das findet auch Norbert Schmudlach, stellvertretender Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Rotenburg. Allerdings, wissen Schmudlach und Wacker sowie die Vertreter von Arbeitsagentur, Jobcenter, Unternehmen und Kammern, würden sich die jungen Leute in erster Linie für die klassischen Berufe interessieren. Beliebt sind Elektroniker, Anlagenmechaniker und Kfz-Mechatroniker. „Schwierig ist es in den Bereichen Bau, Nahrungsmittel wie Bäcker und Fleischer und bei den Malern und Lackierern“, sagt Wacker. Nina Mikoleit, Abteilungsleiterin Marketing beim Rotenburger Jobcenter, weiß, warum das so ist: „Die Leute kennen nur die klassischen Berufe.“

Düster sieht es bei den kaufmännischen Berufen beziehungsweise im Dunstkreis der Industrie- und Handelskammer (IHK) Stade für den Elbe-Weser-Raum aus. Bodo Stange, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung, teilt mit: „Zurzeit verzeichnen wir im IHK-Bezirk im Vergleich zum Vorjahr einen deutlichen Rückgang bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen.“ Stange beziffert den Rückgang mit 8,6 Prozent. Davon seien besonders die kaufmännischen Berufe betroffen. Lediglich bei den technischen Berufen gebe es einen leichten Zuwachs.

Rund zehn Prozent der Ausbildungsplätze können nach wie vor gar nicht besetzt werden, weil es schlichtweg an geeigneten Bewerbern fehlt. Während IHK-Mann Stange „Motivation und Leistungsbereitschaft“ vermisst, sehen die Vertreter der Handwerkerschaft auch, „dass es ihnen an Wissen fehlt“, wie es Rotenburgs stellvertretender Kreishandwerksmeister Schmudlach umschreibt. Wacker fasst zusammen: „In manchen Bereichen bringen die Jugendlichen keine Ausbildungsreife mit.“ Hier seien indes nicht nur die Schulen, sondern auch die Eltern gefordert.

Genau hier möchten die Rotenburger ansetzen. Um ihre Berufe bekannter zu machen, möchten sie schon die Fünft- und Sechstklässler darauf aufmerksam machen. Aus diesem Grunde stehen am 23. und 30. September in der Beekeschule Scheeßel sowie der Wiedauschule in Bothel jeweils ein „Tag des Handwerks“ auf dem Programm. Auch bei der Berufsfindung sei „eine frühe Prägung der Kinder“ notwendig, so Schmudlach.

Würden die Kinder nicht auf die Handwerksberufe aufmerksam gemacht, könne es passieren, dass es in einigen Jahren so gut wie keine Bewerber mehr gebe, wissen die Verantwortlichen. Wacker überspitzt es ein wenig: „Ohne Handwerk wird kein Haus gebaut.“ Stange sieht weiteres Potenzial: die Abiturienten. Er sagt: „Angesichts der steigenden Abiturientenquoten muss es uns vor allem gelingen, diese Gruppe für die duale Berufsausbildung zu gewinnen. Hier sind die Betriebe gefordert, attraktive Ausbildungsangebote für Abiturienten zu entwickeln. Das Land muss die Berufsorientierung an Gymnasien gleichberechtigt zur Studienorientierung gewährleisten.“

Diese Einschätzung unterstreicht Heiko Kehrstephan, Inhaber des „Wachtelhof“ und Vorsitzender des Rotenburger Wirtschaftsforums, gegenüber der Kreiszeitung: „Die duale ist ein guter Weg und bietet für das Studium eine gute Grundlage.“

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