Ein Reporter beim Brautkleidkauf / Hochzeitsbitterinnen unterwegs

Allein unter Frauen

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Schwester und Freundin fungieren auch als Hochzeitsbitter: Swea Klement und Jessica Fitschen.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Der Kauf eines Brautkleides war wahrscheinlich schon immer reine Frauensache. Angeblich soll es Unglück bringen, wenn der Mann dabei ist. Wobei mit dem Unglückssymbol allerdings nur der zukünftige Ehemann gemeint ist. Andere Männer sind zugelassen.

Der Ehemann soll erst am Hochzeitstag seine Überraschung erleben. Übrigens: Vermutlich ein Überbleibsel aus uralten Zeiten, als manche Männer nicht nur das Kleid, sondern auch die Frau selbst erst am Hochzeitstag zu sehen bekamen.

Melanie Klement – die kommende Braut ist noch etwas unschlüssig vor so vielen weißen Kleidern.

Beim „Brautmodenausstatter“ geht’s nur mit Termin! Melanie Klement, zukünftige Ehefrau von Benjamin Pätsch, beide aus Rotenburg, hat sich hier um 15 Uhr angemeldet. So was macht man nicht alleine! Mit ihr kommen zwei Freundinnen und ihre Mutter, um sie zu beraten, welches Weiß (es gibt offensichtlich fast nur Weiß hier!) der Braut am besten stünde. Ich bin etwas zu früh da und wage mal einen Blick hinein. In der Abteilung ist schon gut was los – außer mir allerdings kein einziger Mann.

Einziger Mann? Macht nichts!

Frauen jeglichen Alters sitzen als Begutachterinnen in kleinen Sesselgruppen. Es gibt Kaffee oder auch gediegene Kaltgetränke. Hin und wieder öffnet sich ein Vorhang und eine strahlende oder skeptisch blickende zukünftige Braut kommt hervor, stellt sich auf ein kleines Podest vor der Sitzgruppe und lässt sich kritisch beäugen. Handys werden gezückt, Fotos gemacht. Links von mir seufzt eines dieser Models, von sich selbst ganz ergriffen: „Es ist immer noch genau so schön wie beim letzten Mal!“ Hier ist man offensichtlich schon weiter. Melanie Klement erscheint, wie angesagt, mit Begleitung. Ich stelle mich vor und füge gleich hinzu, dass ich hoffentlich nicht ungelegen sei – so als einziger Mann. Darauf eine der Begleiterinnen aufmunternd: „Ach was, das macht doch nichts, mein Opa war auch dabei!“ Na, bitte!

Man stürzt sich auf die Kleider – noch bevor überhaupt die Jacken abgelegt sind. Freundin Jessica hat schon was im Auge. Melanie Klement blickt etwa unsicher umher. Na? „Es kribbelt schon ganz schön!“ In der Tat, hier wird’s schon ziemlich konkret und anfassbar mit der Hochzeit, die am 30. September erfolgen soll. Dem einzigen Mann wird’s etwas schwummerig vor Augen bei so viel strahlendem Weiß und den Preisen, die ich mir mal diskret ansehe: der vorherrschende Kaufpreis ist vierstellig! Und das für einen Tag… Ich empfehle mich. Das hier ist eben doch wohl reine Frauensache. Außerdem wartet Werder an diesem Tag. Das war mal reine Männersache. Früher. Aber die spätere Nachfrage ergibt: Der Nachmittag war erfolgreich! Nach drei Stunden war das Brautkleid gefunden!

Einladung mit Gedicht

Parallel zum Kauf des Brautkleides geht’s darum, die Einladungen an die Frau und den Mann zu bringen. Benjamin Pätsch und Melanie Klement haben an etwa einhundert Gäste gedacht. Wenn schon, denn schon! Und, wie früher, wirklich ganz früher, sollen die größtenteils durch Hochzeitsbitter geladen werden. Das geschah bis in das vergangene Jahrhundert hinein vor allem auf den Dörfern deshalb, weil die Post noch nicht überall hinkam und natürlich SMS, E-Mail oder Twitter gänzlich unbekannt waren. Aber heutzutage?

Braut-Schwester Swea Klement und Braut-Freundin Jessica Fitschen („Melanies beste Freundin seit 28 Jahren“) haben sich in Schale geschmissen (Zylinder, Weste, Krawatte), einen kleinen Packen Einladungen in der Hand, dazu ein selbstverfasstes Gedicht – und auf geht´s. Als sie unterwegs ein paar Bekannte treffen, sind diese etwas verunsichert. „Was macht Ihr denn da?“ – „Hochzeitsbitter!“ – „Was ist das denn?“ Es scheint also doch nicht allen klar zu sein, was es mit diesem Brauch auf sich hat, aber ich lasse mich gleich belehren, dass das trotzdem wieder zunehme. Nun denn. Wir klingeln an der Tür von potentiellen Gästen. Überraschung! Die beiden Damen mit Zylinder tragen ihr Einladungsgedicht vor; die Sitte verlangt es, dass die Eingeladenen sich dann mit einer kleinen „Spende“ bedanken, die direkt an den Hut geheftet wird. Außerdem gibt’s was zu trinken: „Sekt, Bier oder Kaffee?“ Man entscheidet sich für Sekt. Eigentlich wollen Swea Klement und Jessica Fitschen heute noch an siebzehn Haustüren klingeln. Das hier war die fünfte. Es wachsen leichte Zweifel, ob sie tatsächlich alle schaffen. Glücklicherweise haben sie einen Fahrer dabei, Jessicas Ehemann. Der wacht über allem und trinkt Kaffee.

Das angehende Brautpaar

Das zukünftige Ehepaar hat mit allem (fast) nichts zu tun. Das alles ist Sache der Freundinnen und Freunde. Gleichzeitig steigert es die Vorfreude auf den Hochzeitstag. Melanie Klement und Benjamin Pätsch sind längst beim nächsten wichtigen Punkt ihrer Hochzeitsvorbereitung: die kirchliche Trauung. Auch die muss geplant werden. Obwohl beide zur evangelischen Auferstehungsgemeinde in Rotenburg gehören, war es von Anfang an klar, dass die Trauung in der Stadtkirche stattfinden soll. Damit folgen sie einem klaren Trend. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite geht’s fast gegen den Trend. Lesen Sie demnächst, warum.

Übrigens: Eine Frage ist beim Paar Klement-Pätsch noch immer ungeklärt: nämlich, wie sie nach dem 30. September heißen werden. Man diskutiert noch. Auch davon werden wir in der nächsten Folge berichten.

Die Serie

Wir begleiten ein Paar bei ihren Vorbereitungen und Überlegungen zum „großen Tag“: Melanie Klement (32) und Benjamin Pätsch (39) aus Rotenburg werden Ende September heiraten. Nachdem wir berichtet haben, wie alles angefangen hatte, warum sie (nach 15 Jahren und zwei gemeinsamen Kindern) den Gang vor den Traualtar wagen, begleiten wir nun die nächsten Schritte.

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