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Aktionswoche der Kindertagespflege: „Man muss genau hinschauen“

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Von: Ann-Christin Beims

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Malou breitet ihre Hände aus und hofft, dass die Schnecke zu ihr kommt. Ihre Freunde schauen neugierig zu.
Malou breitet ihre Hände aus und hofft, dass die Schnecke zu ihr kommt. Ihre Freunde schauen neugierig zu. © Beims

Anlässlich der Aktionswoche „Gut betreut in Kindertagespflege“ berichtet eine Petra Meyer, Kindertagespflegeperson aus Rotenburg, aus ihrem Alltag.

Rotenburg – Eltern haben für ihre Kinder ein Recht auf Betreuung. Ausreichend Plätze bereitzustellen, fällt Kommunen jedoch schwer, mangelt es an Personal, aber auch an Räumen. Laut Deutschem Jugendinstitut war es vor zehn bis 20 Jahren noch eine Ausnahme, wenn ein Kleinkind tagsüber in eine Einrichtung ging. Inzwischen ist das fast Normalität. Daher sind Kindertagespflegestellen gern gesehen – und aufgrund der kleinen Gruppen beliebt. Mit der Aktionswoche „Gut betreut in Kindertagespflege“, die der zugehörige Bundesverband ausruft, soll das Angebot bekannter gemacht werden – und zeigen, was es leistet und welche Herausforderungen es gibt. Eine, die diese kennt, ist Petra Meyer. Wir haben sie im Rahmen der Aktionswoche zum Interview getroffen.

Sie sind seit mehr als zehn Jahren Kindertagespflegeperson. Der Landkreis sucht händeringend Tagesmütter und -väter. Ist die Aktionswoche ein guter Weg, darauf aufmerksam zu machen?

Wenn man das größer aufzieht, auf jeden Fall. Zum Beispiel mit Aktionen in der Fußgängerzone. Ich selber habe einen großen Krippenwagen. Wenn ich damit durch die Stadt laufe, werde ich von vielen angesprochen. Aber morgens trifft man unterwegs selten die, die es betrifft. Eher die älteren Herrschaften. Aber die erzählen davon wieder ihren Kindern. Durch die ganze Pandemie war es jetzt schwierig, etwas vorzubereiten und zu planen.

Wie viele Kinder haben Sie in den vergangenen Jahren etwa betreut?

Über 40 Kinder. Mein ältestes Tageskind ist dieses Jahr 20 Jahre alt geworden. Bei mir kommen sie meist erst mit einem Jahr. Ich hatte nur einmal einen Notfall für ein halbes Jahr. Das Kind war erst acht Monate alt. Meist bleiben sie für zwei Jahre. Dann gehen sie in die Kita. Wir hoffen, dass die jetzt Zweijährigen einen Platz bekommen.

Was passiert, wenn sie keinen bekommen?

Ich muss auch planen, weiß aber nicht, wann Ab- oder Zusagen für Kita-Plätze kommen. Gerade jetzt zu dieser Zeit ist es so extrem, dass viele anrufen, ob ein Platz bei mir frei ist, wenn sie schwanger sind. Ich habe Kinder, die im Winter erst Drei werden. Das Kindergartenjahr beginnt am 1. August. Alle Vier warten auf eine Zusage – und wir haben Mitte Mai. Und Eltern der Kinder, die nachfolgen, fragen natürlich nach, ab wann Plätze frei sind.

Man merkt also die Not?

Ja. Manche Eltern sagen auch ganz klar, dass sie den kleinen Rahmen bevorzugen. Es gibt Kinder, die in einer großen Gruppe untergehen. Das neue Niedersächsische Gesetz über Kindertagesstätten und Kindertagespflege sagt aber: Sind unter den bis zu fünf gleichzeitig anwesenden, fremden Kindern, mehr als drei, die das zweite Lebensjahr noch nicht vollendet haben, darf man nur acht Betreuungsverträge abschließen.

Die Tendenz geht also stärker zu Kindertagespflegestellen?

Wir sind im Landkreis Rotenburg komplett besetzt. Vor zehn Jahren war da noch ein bisschen mehr Spielraum. Ich persönlich bin jetzt schon bis Mitte 2025 voll belegt.

Vor allem Tagesväter sind schwer zu finden. Was muss sich ändern, um den Beruf attraktiver zu gestalten – abgesehen von der finanziellen Entlohnung?

Andere bekommen für ihre Arbeit auch eine entsprechende Entlohnung. Und wir in der Kindertagespflege machen genauso einen Job, wie eine Erzieherin in der Krippe oder Kita. Ich sehe da keinen Unterschied. Will man von dem, was am Ende übrig bleibt, leben, geht das bei vielen nicht. Außer, man zieht es größer auf. Wir arbeiten unter dem Mindestlohn. Man bekommt jeweils nach einer gewissen Anzahl von Jahren eine Erhöhung, das sind aber Cent-Beträge. Ich habe acht Betreuungsverträge. Nachmittags kommen meine Großen aus dem Kindergarten, darunter zwei Kinder aus der Lebenshilfe. Dann ist fliegender Wechsel.

Pädagogisch anspruchsvolle Arbeit. Für die Kommunen sind Tagespflegepersonen natürlich ein Vorteil – schneller ausgebildet, kostengünstiger. Aber ist der 160-Stunden-Crashkurs ausreichend, um zu lernen, was man für die Betreuung und Bildung der Kinder braucht?

Den Kurs „Qualifizierung in der Kindertagespflege“ habe ich neben meinem damaligen Beruf als Personalsachbearbeiterin gemacht, den ich 30 Jahre lang ausgeübt habe. Was völlig anderes also. Aber mein Traum war es immer, Erzieherin zu werden. Wir hatten noch 169 Stunden. Das war sehr viel Stoff. Zusätzlich mussten wir nur ein paar Stunden Hospitationen im Kindergarten machen. Für mich war das ausreichend. Mehr geht natürlich immer, bei 160 Stunden ist die Qualität eine andere als bei einer Erzieherausbildung. Ich kann eine höhere Qualifikation durch mehr Stunden erwerben, dann gibt es auch mehr Geld. Ein paar von unseren Tagespflegepersonen haben vielleicht Interesse. Aber wie soll das nebenbei gehen? Soll man zwei Jahre pausieren oder zweimal in der Woche nach Feierabend und nach zehn Stunden betreuen noch vier Stunden die Schulbank drücken? Das ist bei manchen nicht machbar. Schon alleine des Geldes wegen. Manche sind alleinerziehend oder haben selber Kinder, können vielleicht nur zwei oder drei weitere Kinder betreuen. Mir ist wichtig: Ich sehe mich als erfahrene Begleiterin des Kindes, die es liebevoll unterstützt und ein sicheres Umfeld bereitstellt. Aber ich habe keinen Erziehungsauftrag. Hier sind sie in die Familie integriert. Es ist entspannter. Natürlich gibt es feste Abläufe, aber keine gezwungenen Routinen.

Sind diese kleinen Gruppen ein Vorteil?

Manche Kinder brauchen das, die sind noch nicht so weit. Andererseits verlassen sich die Eltern natürlich auf einen. Aber wenn ich krank bin, bin ich krank. Dafür gibt es das „Kuckucksnest“, unseren Vertretungsstützpunkt.

Dadurch, dass die Kinder im eigenen Haushalt betreut werden, muss aber auch der Partner einverstanden sein.

Ganz klar. Keiner darf denken, oh, jetzt hat sie die Pflegeerlaubnis und bekommt alles vom Landkreis bezahlt oder gestellt. Leider ist das nicht der Fall. Anschaffungen sind Kosten, auf denen man sitzen bleibt. Außer man stellt über das Land Niedersachsen einen Antrag über größere Investitionen, wie zum Beispiel einen Umbau der Räumlichkeiten. Dieser wichtige Aspekt wurde uns damals vorenthalten.

Am liebsten verbringt Petra Meyer die Zeit mit ihrer Rasselbande draußen.
Am liebsten verbringt Petra Meyer die Zeit mit ihrer Rasselbande draußen. © Beims

Gibt es Fortbildungen?

Durch das neue Gesetz sind wir verpflichtet, ab dem kommenden Kita-Jahr insgesamt 24 statt acht Stunden jährlich pädagogische Fortbildungen vorzuweisen. Dazu gehört alle zwei Jahre ein Erste-Hilfe-Kurs am Kleinkind, alle drei Jahre Kindeswohlgefährdung. Diese Auffrischungen sind notwendig. Man muss genau hinschauen, in der Pandemie sicher noch häufiger. Bei mir ist das zum Glück noch nicht vorgekommen.

Wie haben sich die Anforderungen und Ansprüche der Eltern verändert?

Es gibt Eltern, die möchten ihre Kinder von morgens um 6 bis abends abgeben – zum Beispiel wegen Frühschichten. Das finde ich extrem für die Kinder, auch, wenn das soziale Umfeld wichtig ist. Einige Eltern brauchen danach erst Zeit für sich – da sind sie bei mir an der falschen Adresse. Da wundert man sich manchmal.

Welche Rolle spielt Bürokratie?

Wir müssen keinen Mammutbericht schreiben, aber Auffälligkeiten und anderes dokumentieren, Elterngespräche führen. Wenn es mal schwieriger wird, rufe ich beim Familienservicebüro an und bitte um Hilfe. Auch mit den anderen Tagespflegepersonen bin ich vernetzt. Man hilft sich, gibt sich Tipps.

Welche Voraussetzungen sollten Tagespflegepersonen denn mitbringen?

Seine Berufung zum Beruf machen. Sei ein kleines bisschen emphatisch und lerne die Menschen kennen um mit ihnen zu kommunizieren. In schwierigen Situationen sachlich bleiben und zuhören. Auch, wenn einem das in dem Moment nicht in den Kram passt. Man muss einfach man selbst sein, sich nicht verstellen. Auch mal sagen, wenn ein Kind einen an die Grenzen bringt.

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