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Personalnot im Rotenburger Diako

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Von: Guido Menker

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Ein Rufschalter im Krankenhaus
Per Knopfdruck können die Patienten das Pflegepersonal rufen, wenn Hilfe benötigt wird. Daran ändert sich auch jetzt nichts, obwohl die Teams im Diako zurzeit bis ans Limit gehen. © Menker

Die Personalnot am Rotenburger Agaplesion-Diakonieklinikum ist real: Laut Lars Wißmann, Theologischer Direktor der Einrichtung, ist Corona dabei nach wie vor ein großer Faktor.

Rotenburg – Knapp 20 Prozent der Pfleger und Ärzte am Agaplesion-Diakonieklinikum in Rotenburg fallen zurzeit coronabedingt aus. „Jeder unserer Mitarbeiter ist unverzichtbar, und jetzt müssen wir auf so viele Kollegen verzichten. Das ist in diesem Ausmaß noch nicht vorgekommen“, ordnet Lars Wißmann das Geschehen ein. Doch der Theologische Direktor des Krankenhauses sagt auch: „Das Diako trotzt Corona.“

Obwohl die coronabedingten Ausfälle unter den Pflegenden und den Ärzten erheblich seien, könne das Diako die Notfallversorgung aufrecht erhalten. Außerdem habe sich die Krankenhausleitung dazu entschlossen, kein generelles Besuchsverbot auszusprechen – anders, als es zurzeit wieder in vielen anderen Kliniken in Deutschland gehandhabt wird.

Vor diesem Hintergrund bittet Wißmann Besucher, sich an die Hygieneauflagen zu halten. „Maskenpflicht und Testnachweis machen die Besuche möglich und schützen maximal vor Übertragungen im Krankenhaus“, teilt er mit.

Als Krankenhaus der Maximalversorgung werde die Notaufnahme des Diakonieklinikums so stark angefahren, wie die der Kliniken in Bremen und Hannover. „Die sorgfältige und rasche Bewertung des eingehenden Notfall-Patienten stellt sicher, dass die dringenden Fälle sofort identifiziert werden. Im Umkehrschluss bedeutet das zum Teil erhebliche Wartezeiten für die Patienten, deren Versorgung zwar dringend, aber nicht unmittelbar zu erfolgen hat“, erläutert er. Kurzfristig abgesagte Operationen oder Therapien seien sehr ärgerlich für die Patienten – das wisse man. Man müsse sich vielleicht Urlaub nehmen, eventuell auch als Angehöriger. Wißmann: „Wir möchten allen darunter Leidenden versichern, dass wir erstens medizinisch gründlich abwägen und zweitens diese Absagen nur in Situationen absoluter personeller Not erteilt werden.“

Die personelle Not ist zurzeit groß. Zwei Stationen sind derzeit geschlossen. Einmal die Privatstation, in der die momentan 28 Patienten untergebracht sind, die zwar nicht wegen, aber eben mit einer Coronainfektion zu behandeln sind. Bei keinem von ihnen sei eine Intensivbehandlung erforderlich.

Um aber eine solche Corona-Station bilden zu können, sei Personal aus anderen Stationen abzuziehen – und dort wiederum müsse die Bettenzahl je nach aktueller Lage reduziert oder die Station eben ganz geschlossen werden. Das geschehe wechselweise, um die hohen Belastungen auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Dennoch versichert der Theologische Direktor: „Die medizinische Versorgung liegt weiterhin auf einem hohen Niveau – und das gilt auch für die Pflege.“

Immerhin: Es bestehe die Hoffnung, dass sich die Lage vielleicht schon Mitte kommender Woche wieder beruhigt. Doch zusätzlich zu den Ausfällen befinde sich eben auch das Diako in einer Zeit, in der Urlaube anstehen. Wißmann: „Wir schauen besorgt nach vorne.“ Alle zwei Tage säßen die Verantwortlichen zusammen, um die Lage neu zu bewerten. „Eine Prognose ist schwierig.“

Was die tägliche Arbeit zusätzlich erschwere, sei der Widerspruch, der sich in diesen Tagen und Wochen auftue: Auf der einen Seite steigen die Infektionszahlen deutlich an und sorgen für die akuten Schwierigkeiten, auf der andere Seite sei eine große Portion Sorglosigkeit außerhalb der Krankenhäuser wahrzunehmen. Wißmann: „Die Kollegen gehen mittlerweile bis ans Limit.“

Verstärkung wäre schön, ist aber nicht zu bekommen. Zwar gebe es Personal-Serviceagenturen, aber: „Die sind völlig abgegrast.“ Wißmann macht vor diesem Hintergrund deutlich, dass er und seine Kollegen kaum Lösungen, sondern vor allem Problem-Beschreibungen formulieren können. „Es ist ein Stottern. Wir fahren wieder einmal nur auf Sicht.“

Er spricht dabei auch die Verunsicherung bei den Patienten und dabei einen sich herauskristallisierenden Teufelskreis an. Der ein oder andere glaubt vielleicht, angesichts der jetzigen Situation in einem Krankenhaus nicht so gut versorgt zu sein, wie es eigentlich sein müsste – und schiebt den geplanten Aufenthalt weit nach vorne. Sie kommen also später – und das sei mitunter problematisch. Wißmanns Appell: „Schieben sie notwendige Eingriffe oder Operationen auf keinen Fall.“ Ob eine dringende Notwendigkeit besteht oder nicht, könnten am besten die Ärzte entscheiden.

Was kann helfen in einer solchen Situation? „Erstens brauchen wir bessere Rahmenbedingungen für die Personalausstattung und die Krankenhausfinanzierung – lang- und kurzfristig“, sagt Wißmann. Außerdem sollte man aufhören, den Pflege- und den ärztlichen Beruf schlecht zu reden. Der Theologische Direktor: „Denn unsere Mitarbeiter brennen für die Arbeit mit Menschen – wir müssen aufpassen, dass sie nicht ausbrennen!“

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