Das Risiko bleibt

Afrikanische Schweinepest rückt an die Landesgrenze heran

Bei einer Bergeübung übernehmen Mitarbeiter des Rotenburger Veterinäramtes den Abtransport eines sicher verpackten Wildschweinkadavers.
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Bei einer Bergeübung übernehmen Mitarbeiter des Rotenburger Veterinäramtes den Abtransport eines sicher verpackten Wildschweinkadavers.

Die Afrikanische Schweinepest rückt näher. Aus diesem Grund hat Kreis-Veterinäramtsleiter Joachim Wiedner über die aktuelle Situation berichtet und dabei auch aufgezeigt, welche Maßnahmen im Landkreis ergriffen werden.

Rotenburg – Es ist fast ein Jahr her, dass Kreis-Veterinäramtsleiter Joachim Wiedner einen Überblick zur Lage der Afrikanischen Schweinepest (ASP) gegeben hatte. Vor knapp einer Woche ist nun ein tot aufgefundener Frischling im Landkreis Ludwigslust-Parchim positiv getestet worden – und damit ist die Tierseuche auf gut 33 Kilometer an die niedersächsische Landesgrenze herangekommen, rechnet Wiedner in einem Online-Vortrag am Mittwochabend vor, zu dem sich fast 100 Teilnehmer eingefunden haben: egal ob aus der Landwirtschaft, dem Jagdbereich oder der Kreisverwaltung, das Interesse am Thema ist groß. „Das dürfte alle, die sich damit befassen, in Unruhe versetzen“, so Wiedner. Das Virus sei damit „besorgniserregend nahe gerückt“. Daher treffen die Landkreise bereits Vorsorgemaßnahmen.

Die Corona-Pandemie hält nach wie vor alle in Atem und lässt schnell vergessen, dass es noch andere Viruserkrankungen gibt, die im Fall der ASP zwar nicht dem Menschen, wohl aber Wild- und Hausschweinen gefährlich werden. Die Sterblichkeit nach einer Infektion ist hoch, übertragen wird die ASP durch Körperflüssigkeiten, besonders Blut. Was es schwierig macht: Das Virus hat eine hohe Überlebensfähigkeit.

Besonders die Lage an der Grenze zu Polen beobachten Wiedner und seine Kollegen seit Langem. Die ASP ist bisher vor allem im Osten Europas stark verbreitet. Stand Ende November ist Rumänien beispielsweise bei Hausschweinen besonders betroffen mit 1.573 gemeldeten Ausbrüchen. Bei den Wildschweinen sind Polen und Ungarn vorne dabei. Aufgrund der Grenzlage sind auch in Deutschland bereits 2.476 Ausbrüche in mehreren Bundesländern gemeldet. Einen weiteren Ausbruch gab es vor Kurzem in einem Schweinemastbetrieb im Landkreis Rostock. Dort sei unklar, wie das Virus hineingelangt ist. Die um den Betrieb getesteten Wildschweine waren negativ. Wiedner vermutet als Ursache die Unachtsamkeit eines Menschen.

Das Virus ist besorgniserregend nahe gerückt.

Joachim Wiedner

Das Veterinäramt hat das Geschehen im Auge und beobachtet im Schulterschluss mit den Landkreisen Cuxhaven, Osterholz, Stade und Verden, wie sich die ASP in Deutschland verbreitet. Die Landkreise betreiben ein gemeinsames Tierseuchenkrisenzentrum. Derzeit finden sich positiv getestete Tiere noch vor allem an der Grenze zu Polen, auf einer Länge von etwa 276 Kilometer von Norden nach Süden. Doch je näher Einzelfälle rücken, desto mehr stellt man sich auch hier auf erste Fälle ein.

Der Landkreis hat bislang von Bremervörde bis Visselhövede insgesamt acht sogenannte Verwahrstellen für Schwarzwildabfälle eingerichtet. Die Entsorgung übernimmt der Landkreis kostenlos. Das habe sich etabliert und sei „ein wichtiger Beitrag zur Seuchenprophylaxe“.

Neu ist der Anstoß, Kadaver-Suchhunde ausbilden zu lassen. Die Idee ist bei allen drei Jägerschaften auf großes Interesse gestoßen. Es haben sich bereits erste Jäger gemeldet, die sich vorstellen könnten, bei einem entsprechenden Lehrgang, geplant ist einer für Februar 2022 und ein weiterer für Februar 2023, teilzunehmen. Wichtig ist vor allem, dass der Hund zu 100 Prozent sicher abrufbar ist, verdeutlicht Veterinär Wiedner. „Die Suche nach Wildschweinkadavern ist eines der Schlüsseldinge, um einen Einstieg in die Seuchenbekämpfung zu finden“, erklärt er.

Kadaver-Suchhunde

Wer seinen Hund zum Suchhund ausbilden lassen möchte, kann dazu mit Folke Hein vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium Kontakt aufnehmen unter 0511/ 1202285 oder per E-Mail an folke.hein@ml.niedersachsen.de.

Der Landkreis hat außerdem personelle Unterstützung der Jägerschaft: mit einer schnellen Eingreiftruppe für die Fallwildsuche. „Denn das erste gefundene Tier ist selten auch das erste Infizierte“, meint Wiedner. Ein Team ist für die Suche, eines für die Bergung zuständig. Da beides körperlich fordernde Tätigkeiten seien, habe man bewusst zwei Teams aufgestellt.

Das Land Niedersachsen hat zudem mit der „AN-Vorsorge Gesellschaft“ einen Vertrag geschlossen. Diese hilft beispielsweise auf Anforderung bei der Suche, Bergung, dem Betrieb von Sammelstellen oder beim Zaunbau. Denn dieser ist ein weiteres Mittel im Kampf gegen die Seuche. In den stark betroffenen Landkreisen wurden bereits über hunderte Kilometer Zäune gezogen.

Diese haben natürlicherweise Lücken, durch Straßen, Bahnstrecken oder weil es das Gelände nicht zulässt. Aber er hilft, die Wildschweinbewegungen zu lenken, so Wiedner. Auch Rotenburg und die umliegenden Landkreise haben eine Ausschreibung für einen Zaun durchgeführt, und die Vergabe für 25 Kilometer Elektrozaun und 50 Kilometer festen Zaun ist bereits erfolgt.

Zuletzt hatte es im Oktober eine Tierseuchenübung gegeben, diesmal im Landkreis Cuxhaven. Die Hauptthemen waren neben der Fallwildsuche und -bergung, was vor Ort in unwegsamem Gelände getestet wurde, auch die Beratung lokaler Fachberater. Denn gerade im Bereich Hausschweine bedeutet ein positiver Befund: Da hilft nur noch die klassische Tierseuchenbekämpfung, also das Töten des Bestandes, danach Reinigung und Desinfektion.

Zwar kommt immer wieder die Frage nach einem Impfstoff auf, doch die Entwicklung werde sicher noch Jahre dauern. Dann würde es vorrangig bei Wildschweinen nützen, als „Köderimpfung“ mit einem Lebendimpfstoff. Bei Hausschweinen sei der Einsatz wenig zielführend: Dort sei die klassische Tierseuchenbekämpfung sinnvoller. Denn selbst geimpft würden Exportbeschränkungen bestehen bleiben, vielleicht „eher stärker werden“. Nicht zuletzt gibt es ohnehin hohe Zulassungshürden durch hohe Sicherheitsanforderungen, erklärt der Veterinäramtsleiter. „Bisher ist kein Antrag zur Zulassung eingegangen“, weiß er.

Für die Fälle an der polnischen Grenze sieht Wiedner schlechte Erfolgsaussichten, was die Bekämpfung angeht, weil der Flächeneintrag dort groß ist. Bei Fällen wie denen in Rostock oder Ludwigslust-Parchim könnte es schon eher gelingen, die Viruserkrankung wieder einzudämmen. „Aber das hohe Risiko bleibt noch lange Zeit bestehen“, so Wiedner. „Das Thema wird uns noch lange beschäftigen.“

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