Wohnstätte am Museumstag geöffnet

Das älteste Haus der Stadt

An Schäfers Schreibtisch: Ernst-Ulrich Pfeifer, Vorsitzender des Rudolf-Schäfer-Vereins.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Am 21. Mai ist bundesdeutscher Museumstag. In Rotenburg wird es an diesem Sonntag besondere Veranstaltungen im Rudolf-Schäfer-Haus, dem Kunstturm und der Cohn-Scheune geben. In einer Serie stellen wir diese drei kleinen Museen noch einmal vor. Heute: das Rudolf-Schäfer-Haus.

Rudolf Schäfer (1869 – 1961), Rotenburger Ehrenbürger und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der bedeutendste Kirchenmaler weit und breit, war wie viele Künstler schon zu seinen Lebzeiten umstritten. Das Besondere: Schäfer wurde nicht wegen seiner „modernen“ Ausdrucksweise kritisiert, sondern, im Gegenteil, weil er schon zu seiner Zeit vielen zu „rückwärtsgewandt“ erschien. Er malte ganz im Stil eines Ludwig Richter, der zwei Generationen vor ihm gelebt hatte.

In dieser Zeit (der sogenannten „Spätromantik“) war bei vielen Malern eine Art idealisierter „germanischer Menschen-Typus“ gefragt. Wenige Jahrzehnte später war das bereits völlig verpönt. Vollends vorbei war es damit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das erinnerte alles zu sehr an „Blut-und-Boden-Romantik“ des Dritten Reiches. Also geriet Schäfer schnell in Vergessenheit. Er hatte 1911 ein Haus an der Rotenburger Großen Straße gekauft, wo er mit seiner Familie (Ehefrau, vier Töchter, ein Sohn) lebte. Durchaus auskömmlich. Schon 1917 war er zum Kunst-Professor ernannt worden und erhielt 1935 den Ehrendoktor der Universität Kiel.

Der Zweite Weltkrieg traf ihn hart: Sein Sohn fiel, und er verarmte. Keine Aufträge, keine Bilder, keine Schüler. Verschiedene Evangelische Landeskirchen gewährten ihm schließlich eine Art schmale Rente, denn zeit seines Lebens war Schäfer vor allem als Kirchenmaler und Zeichner religiöser Themen tätig gewesen. Niemals hatte er für staatliche Stellen gearbeitet – auch nicht für die Nazis, obwohl es so scheinen mochte, als male er exakt deren Idealtypus.

1961 starb Rudolf Schäfer. Begraben ist er an der Kirche Zum Guten Hirten, die er seinerzeit (wie über 40 andere in ganz Deutschland) auch ausgemalt hatte. Davon ist übrigens nur noch ein Teil erhalten. Der Betonputz hatte die Wandbemalung im Altarraum zerfressen. Unrestaurierbar. So musste alles entfernt werden. Das hat Schäfer selbst nicht mehr miterlebt. Wohl aber einige seiner Töchter. Die haben seitdem die Kirche nicht wieder betreten.

Prägend war zudem seine Illustration der Bibel. Diese sogenannte Schäfer-Bibel war bis in die 1950er Jahre hinein die auflagenstärkste bebilderte Bibel überhaupt. Fast in jedem bundesdeutschen Haushalt war sie zu finden. Für einige Generationen hat sie die bildlichen Gottesvorstellungen geprägt (Gott als „alter Mann mit Bart“; Jesus als „Jüngling mit lockigem Haar“) – vermutlich bis heute.

Seit einigen Jahren gibt es nun den Rotenburger Rudolf-Schäfer-Verein, der das Andenken an diesen Künstler, der ohne Frage ein bedeutender, wenn nicht der bedeutendste Vertreter religiöser Kunst im 20. Jahrhundert war, wachhalten möchte. Das Haus der Familie Schäfer ist zudem das älteste Haus in Rotenburg, ein typisches Bürgerhaus aus dem Jahre 1675. Ein Blick hinein lohnt sich schon deswegen.

Erst einmal aufräumen

Dabei fing das alles nicht ganz so einfach an: Das Haus drohte zu zerfallen. Ausgehend von einer Initiative des kürzlich verstorbenen Pastors, Edzard Riese, fand sich eine Gruppe von Menschen, die hier (vor gut zehn Jahren) erst einmal aufräumten, damit der lange Jahrzehnte immerhin berühmteste Bürger Rotenburgs nicht ganz in Vergessenheit geriete. Außerdem galt es, möglichst viele seiner noch erhaltenen Gemälde und feinen Zeichnungen zu erhalten. Darunter: Darstellungen Rotenburger Honoratioren, beeindruckende Kinderzeichnungen und geradezu unzählige Werke zu biblischen Motiven. Schäfer selbst hat sich vor allem als eine Art „Verkündiger“ gesehen. Er wollte, wie der derzeitige Vorsitzende des Vereins, Ernst-Ulrich Pfeifer, berichtet, „erzählen“. „Rudolf-Schäfer-Bilder sind keine, die man sich übers Bett hängt, aber sie sind weit mehr als nur ein Zeugnis des vergangenen Jahrhunderts.“

Natürlich habe es völlig andere Richtungen in der Malerei gegeben: Impressionisten und Expressionisten, Worpswede sei ja auch nicht weit gewesen. Schäfer aber habe seinen Stil nahezu unverändert weitergemalt. Zudem sah er seine Aufgabe gar nicht so sehr in der Kunst an sich, sondern, so Pfeifer, „als Verkünder und Erzähler“. Nichts anderes sei im Übrigen auch die Aufgabe der Kunst in Kirchen zu allen Zeiten gewesen.

In Rotenburg gründete sich alsbald ein „Rudolf-Schäfer-Verein“, der inzwischen gut 110 Mitglieder hat. Jeanette Clasen, hier ansässige Künstlerin, hat ebenfalls wesentlich dazu beigetragen, das Vermächtnis Schäfers aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Dabei hat sie, Künstlerin einer völlig anderen Epoche mit gänzlich anderer Ausrichtung, auch manch interessanten „Farbtupfer“ setzen können – so nicht zuletzt ein golden bemaltes Klavier im Foyer des Hauses. Mehr als 1 000 Besucher jährlich verzeichnet das kleine Museum, das immer mittwochs (15 bis 17 Uhr) und samstags (10 bis 12.30 Uhr) geöffnet ist. Hin und wieder gibt‘s auch Sonderveranstaltungen (Matineen) – allerdings dürfen aus Brandschutzgründen nicht mehr als 30 Besucher gleichzeitig im Haus sein. Interessant ist im Übrigen nicht nur die Ausstellung und das Haus an sich (eben ein typisches Rotenburger Bürgerhaus aus dem 17. Jahrhundert), sondern auch der kleine Garten im rückwärtigen Bereich: eine wunderbare Oase der Ruhe mitten in der Stadt.

Möglich ist die gesamte Arbeit des Rudolf-Schäfer-Vereins nur durch ehrenamtliches Engagement – auch wenn die Stadt Rotenburg als Eigentümerin des Hauses die Umbaukosten vor wenigen Jahren getragen hat und auch jetzt noch die Hälfte der Unterhaltskosten beisteuert. Leben ins Haus bringen die Mitglieder des Vereins. Ein Problem hier: Es fehlt an jungen Menschen, die sich einbringen.

Am Sonntag, 21. Mai, dem bundesdeutschen Museumstag, öffnet das Rudolf-Schäfer-Haus einmal mehr seine Türen. Nach einem allgemeinen Einführungsvortrag von Professor Hermann Haller aus Hannover um 14 Uhr im Rathaussaal („Glaube, Liebe, Hoffnung in der Kunst“), werden im Kunstturm, der Cohn-Scheune und auch im Schäfer-Haus zu jeder vollen Stunde (15, 16 und 17 Uhr) Kurzvorträge und Sonderführungen angeboten. Über Rudolf Schäfer wird Ina Welzel aus Rotenburg vortragen. Sie gilt als profunde Kennerin von Leben und Werk des Rotenburger Ehrenbürgers, der einmal zu den bekanntesten Malern religiöser Kunst in Deutschland gehörte. Der Eintritt an diesem Tag ist frei. Wer immer noch nicht da war, sollte die Gelegenheit unbedingt nutzen. Auch im Schäfer-Haus wird im Übrigen für die Verpflegung gesorgt sein.

www.rudolf-schäfer-verein.de

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