Erleichterung spürbar

Abstand, Hygiene und Glück: Landkreis Rotenburg zieht Bilanz nach erster Corona-Infektionswelle

Die Corona-Kurve ist mittlerweile sehr flach im Landkreis, die Zahl der aktiven Fälle (rot) liegt schon seit Anfang Mai unter zehn. Es gibt wenig neue Infektionen (schwarz) und viele Genesene (grün). Grafik: Landkreis
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Die Corona-Kurve ist mittlerweile sehr flach im Landkreis, die Zahl der aktiven Fälle (rot) liegt schon seit Anfang Mai unter zehn. Es gibt wenig neue Infektionen (schwarz) und viele Genesene (grün).

Rotenburg – „Wir haben die erste Welle überstanden.“ Es ist Erleichterung zu spüren an diesem Dienstagmittag, als Landrat Hermann Luttmann (CDU) elf Wochen nach den ersten beiden Corona-Fällen im Landkreis ein Zwischenfazit zur Pandemieentwicklung ziehen will und die Presse eingeladen hat. Zollstöcke liegen auf den Besprechungstischen im kleinen Sitzungssaal des Kreishauses, der Abstand muss stimmen.

108 Fälle gibt es, 58 Männer und 50 Frauen. Ein 75-Jähriger ist das bislang einzige Corona-Todesopfer zwischen Bremervörde und Visselhövede, 101 Infizierte gelten wieder als genesen. Mehr als 163 000 Einwohner zählt der Landkreis, gemessen an der kritischen Grenze von 50 Fällen wöchentlich pro 100 000 Einwohnern liegt man weit unten. Es ist mittlerweile weniger als einer, zu Hochzeiten zwischen Mitte März und Mitte April waren es maximal 15 neuinfizierte Personen. Und so sagt selbst Gesundheitsamtsleiterin Carmen Menzel, dass es „keine Riesenwelle“ gab. Was man allerdings nicht spürt im Gespräch: Entwarnung. Gerade Menzel und die zuständige Sozialdezernentin Heike von Ostrowski mahnen Mundschutz tragend weiterhin zur Vorsicht. „Wir hatten bislang auch einfach Glück“, stellt Menzel fest.

Dass er nicht mit allen politisch getroffenen Maßnahmen einverstanden war, hatte Landrat Luttmann zuletzt immer mal wieder durchblicken lassen. Schon im April hatte er differenziertere Regeln gefordert, weil man das Infektionsgeschehen in Bayern nicht mit dem im Norden vergleichen könne, zudem gebe es große Unterschiede zwischen einer Stadt wie Hamburg und ländlichen Regionen wie dem Landkreis. Für Luttmann übersteigen zudem die „Kollateralschäden für die Gesellschaft und Wirtschaft“ schon jetzt das, „was wir durch die Pandemie erlitten“ haben. „Wenn wir da nicht bald herauskommen, ist es die größte Rezession seit 100 Jahren.“

„Es war einfacher, zu schließen als zu öffnen“, sagt Menzel. Sich einen Gesamtüberblick darüber zu verschaffen, was rechtlich möglich ist, sei angesichts sich ständig verändernder Bestimmungen schwierig. Wenigstens sei nun aber mit der Niedersächsischen Verordnung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie die rechtliche Ungewissheit beseitigt, wer zuständig ist. Der Landkreis muss Beschlüsse auf Bundes- oder Landesebene nicht mehr in Allgemeinverfügungen pressen. Die unklare Rechtslage führe zu vielen Einzelfragen, wie zuletzt zum Beispiel bei Tanzschulen oder Sonnenstudios. Dürfen die öffnen? Die Juristen in Hannover müssten ständig nachbessern. Der Landrat hofft deswegen, dass angesichts der sich entspannenden Situation bald „schwedische Verhältnisse“ eingeführt werden können. Das würde bedeuten: Keine Vorschriften mehr, was erlaubt ist, sondern nur grundsätzliche Verhaltensregeln, die das Leben vereinfachen. Und die bedeuten laut Luttmann noch auf lange Sicht: „Abstand, Maske, Hygiene.“

Doch auch der Landrat weiß, dass die Vorbereitungen auf die zweite Welle laufen. Verlaufe diese ähnlich wie die erste, könne man das Geschehen mit eigenem Personal abarbeiten. Alles darüber hinaus könnte die Kapazitäten im Gesundheitsdienst schnell an seine Grenzen bringen. Das gelte zwar noch nicht für die Krankenhäuser und speziell das Diakonieklinikum in Rotenburg, wo von den im Pandemieplan 200 ausgewiesenen Betten bislang erst sehr wenige mit Covid-19-Patienten belegt waren. Wohl aber zum Beispiel für die Arbeit des Gesundheitsamts, das Infektionswege nachvollziehen muss, um häusliche Quarantänen zur Eindämmung des Virus anordnen zu können. Schon im jetzigen Geschehen sei das Personal im Infektionsschutz verdreifacht worden.

120 bis 140 Menschen wöchentlich werden derzeit im Zevener Testzentrum auf das Virus untersucht. Dort und auch bei den Hausärzten sollen die Tests ausgeweitet werden, sagt Gesundheitsamtsleiterin Menzel. Die Kapazitäten seien vorhanden, jeder mit Symptomen akuter Atemwegserkrankungen solle sich umgehend bei seinem Arzt oder dem Bereitschaftsdienst unter 116 117 melden. Auch will der Landkreis selbst mehr Kontrollen zum Beispiel in landwirtschaftlichen Gemeinschaftsunterkünften vornehmen.

Die Zuversicht angesichts eines hier bislang eher milden Verlaufes dämpft Luttmann abschließend mit dem langfristigen Ausblick: „Solange wir keinen Impfstoff haben, wird es kein Leben wie vor Corona geben. Das Virus kann bis dahin immer wieder neu ausbrechen.“

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