Abgehoben mit dem Verein für Luftsport Rotenburg

Kreis im Spielzeugformat

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Kopfhörer auf und an den Start: Pilot Lothar Hirchert in der Kanzel von Motorsegler „Falke“.

Rotenburg - Von Wieland Bonath. Ein herrlicher Herbsttag im Landkreis Rotenburg – und wir fliegen der Sonne entgegen. Pilot Lothar Hirchert vom Verein für Luftsport Rotenburg dreht mit dem Autoren im Motorsegler über dem Landkreis Rotenburg eine große Runde.

Bei langsam aufreißendem Frühnebel öffnet sich unter den gelben Flügeln (Spannweite 16,5 Meter) von „Falke“ eine andere Welt, eine ungewohnte Perspektive: Der Wümmekreis im bunten Spielzeugformat. 55 Minuten, rund 130 Kilometer über Städte, Dörfer, Wälder in bunten Herbstfarben, Bauern mit Erntemaschinen auf Feldern, ein Blick über die Autobahn 1 hinweg in den nördlichen Kreis. Ganz unten das quirlende Leben in totaler Stille – neben einem der erfahrene Flugzeugführer am Steuerknüppel der summenden 80-PS-Maschine.

Der Rotenburger Rentner Hirchert (65) ist mit Herzblut beim Luftsport dabei, kennt von unzähligen Flügen seinen Landkreis aus dem Effeff. So war es beim Vater, so ist es beim Sohn. Zuerst geht es in Richtung Osten, der Sonne entgegen. In wenigen Minuten ist Scheeßel erreicht. Ein großer Schwenk in Richtung Brockel über den Windpark bei Bartelsdorf hinweg. Dann taucht Visselhövede, die dritte Stadt des Kreises, am Horizont auf. Die Amerikalinie zieht sich als Strich durch das Land.

Es geht weiter in Richtung Norden, vorbei an Wittorf, ein Sprung über das breite grüne Band des Wümmetals. Plötzlich zeigt Lothar Hirchert auf das Instrumentenbrett: „Das Kollisionswarngerät gibt den Hinweis auf ein weiteres Flugzeug in unserer Nähe. Zu sehen ist es aber nicht.“

Die Kreisstadt Rotenburg ist erreicht. Das Diakonie- klinikum, die markanten alten Parallelstraßen, Große Straße und Goethestraße, ziehen sich durch das kleine Häusermeer, werden am Neuen Markt zur Harburger Straße. Überall Baustellen, neue Wohn- und Geschäftshäuser wachsen.

Dort ist der Verein für Luftsport zuhause, der als Segelflugverein 1952 ins Leben gerufen wurde. Gleich nach der Lizenzübertragung durch die Alliierten machten die flugbegeisterten jungen Männer im Luftraum der Unterstedter Feldmark ihre ersten „Gehversuche“. In den 50er-Jahren wurde der Platz gewechselt – seitdem hat der Verein auf dem Gelände des Rotenbuger Flugplatzes an der Zevener Straße sein Domizil. Heute stehen im Hangar sechs eigene Segelflugzeuge und ein Motorsegler bereit.

Vorbei an Sottrum geht der Flug bis zur „Grenze“ des Südkreises, bis zur Autobahn mit ihren Gewerbebetrieben in unmittelbarer Nähe. Ein letzter, weiter Blick in den Norden, dann zurück zum Rotenburger Flugplatz. Pilot Hirchert setzt „Falke“ sanft und routiniert auf der 806 Meter langen Asphaltlandebahn auf.

Die Maschine rollt zurück auf das angrenzende Vereinsgelände. Dort wartet bereits Pensionär Erich Schwinge (77) aus Holtum-Geest (Kreis Verden), ein Fliegerfreund aus alten Tagen, als die Verdener Luftsportler noch nicht über eine eigene Winde verfügten und von den Rotenburgern nach „oben“ gezogen wurden. Schwinge, den es immer wieder an die Wümme zieht, hat Schwämme und Lösungsmittel dabei: Fliegen und andere Insekten müssen von „Falkes“ Kunststoffgewebehaut gewaschen werden, um das Flugverhalten zu optimieren. Lothar Hirchert füllt den Tank des VW-Grundmotors des selbst startenden Motorseglers. Die 22-jährige, bei Scheibe-Flugzeugbau in Dachau hergestellte Maschine wird vom Rotenburger Luftsportverein für die erweiterte Segelfliegerausbildung eingesetzt. Außerdem werden Flüge zu den Inseln der Nord- und Ostsee gemacht.

Doch auch wenn die Aussicht beim Rundflug, den jeder buchen kann, faszinierend ist, für den Verein ist sie aktuell weniger rosig: Es fehlt an Nachwuchs. Rund 100 Mitglieder zählt er, davon 50 Aktive. Aber die einstige Begeisterung für die Fliegerei unter jungen Menschen ist heute eher zurückhaltend. Lothar Hirchert, von Beginn an dabei und seit 40 Jahren für die Finanzen des Vereins zuständig: „Ich glaube, wir haben zur Zeit ein Freizeitüberangebot.“

www.vfl-rotenburg.de

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