Ein Abend unerwarteter Überraschungen

Peter Paulitsch und Dustin Drosdziok im Auditorium

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Peter Paulitsch (l.) und Dustin Drosdziok sorgten bei ihrem Auftritt im Auditorium gleich für mehrere Überraschungen.

Rotenburg - Von Henrik Pröhl. In einem wesentlichen Punkt sollte die Volkshochschule (VHS) Rotenburg als Veranstalter des musikalischen Abends mit Peter Paulitsch und Dustin Drosdziok recht behalten: Das Publikum durfte mit unerwarteten Überraschungen im Auditorium rechnen. Wie beschreibt man diesen Abend? Vielleicht mit einem Überraschungsei, bei dem man nie weiß, was drinsteckt.

Bissig, wie angekündigt, ist das Repertoire allemal, als Drosdziok erstmals singend mit auffallend hellem Timbre eines Operetten-Tenors die Bühne betritt. „Mein Hund beißt jeder hübschen Frau ins Bein“ singt er. Damit ist klar, es geht um Anmache und Liebe, „die doch“, so der junge Sänger, „auch ihre komischen Seiten hat.“ Paulitsch greift zum „Lagunen-Walzer“ in die Tasten.

Danach untersucht er die wohl häufig gestellte Frage, ob Klavier spielen kompliziert sei. Um dem auf den Grund zu gehen, baut er vor verdutztem Publikum kurzerhand das Instrument auseinander und dringt dabei bis zur Tastatur vor. 88 brauche man davon nicht, mit 87 könne man den türkischen Marsch von Mozart genauso spielen – warum auch immer. VHS-Leiter Michael Burgwald, bereits etwas nervös, kündigt mahnend Abzug von der Gage an. „Warum geht man eigentlich ins Konzert?“, lenkt endlich der Tenor von der brisanten Szene ab und greift damit zu Georg Kreislers herrlicher „Kleine Gute-Nacht-Musik“. Er liefert gleich die Antwort: Es geht um ein Gesellschaftsereignis, bei dem die Musik nur eine lästige Nebensache ist.

Nächste Überraschung: Nach 35 Minuten und einem Klavierstück zu vier Händen ist bereits Pause. Kleine Zwischenbilanz aus der Hörerschaft: „Facettenreich“, sagt eine Zuhörerin. Und sonst? „Ich bin wegen Paulitsch gekommen“, gesteht eine andere Dame. Den Pianisten wird es freuen. Mit Walzer-Seeligkeit und einem Liedlein auf Paulitschs Lippen geht es weiter. Eine Zuhörerin raunt: „Schön, oder?“ Ich bin mir nicht sicher. Immerhin, es geht um Liebe, junge Männer, Räuber und eine Erbschaft. Passt also – irgendwie. Dann folgt Gehaltvolleres mit „Tauben vergiften im Park“. Georg Kreisler hat sich damit in die Herzen bitterer Musik-Satire gesungen.

Dann wieder eine Überraschung: Hugo Wolf, der klassisch-ernste Lied-Komponist romantischer Moderne hat „Abschied“ nach einem Text von Eduard Mörike geschrieben, der den robusten Umgang mit einem ungeliebten Musikkritiker schildert, wo es einen Tritt in den Hintern gibt. Expressiv-ironisch in Töne gesetzt. Dustin Drosdziok versteht es, Gesang subtil zu inszenieren. Überhaupt brilliert er mit klarer Aussprache und geschulter Stimme, aus der jedoch niemals Barock-Musik hervorgehen sollte. Dass der Sänger auch rezitieren kann, beweist er mit Heines Ausflug in die Physiologie des Menschen, der eindeutig und zur Freude des Publikums auch unter die Gürtellinie geht. Dann aber verpassen Paulitsch und Drosdziok eine große Chance, indem sie lediglich den Text von Kreislers „Musik-Kritiker“ vorlesen, ohne den gehässigen Gesang von der Bühne zu lassen.

Am Ende erfreut die freilich nicht mehr ganz nüchterne „Rheinfahrt“ von Robert Stolz. Ein vierhändiger Scott Joplin und das unvermeidliche „Veronika, der Lenz ist da“ machen den Sack zu. Als die erklatschte Zugabe erklingt, wird deutlich, dass der Waden-Beißer-Hund vom Anfang die Wiederholungsschleife ankündigt. Genug also, nach einem Abend voller Überraschungen verlassen etwa 70 Zuhörer das merklich aufgeheizte Auditorium.

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