Abdurrahman Göc über die Flüchtlingsarbeit seiner muslimischen Gemeinde in Rotenburg

„Möchten gerne noch mehr machen“

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Beim wöchentlichen Freitagsgebet finden inzwischen auch viele Flüchtlinge den Weg in die Rotenburger Moschee.

Rotenburg - Von der aktuellen Flüchtlingswelle sind nicht nur die Behörden in Deutschland betroffen. Auch die muslimischen Religionsgemeinschaften stellen sehr oft eine Anlaufstelle für Flüchtlinge dar. Denn dort treffen sie auf Landsleute, die ihre Sprache verstehen und hoffen auf Hilfe bei zahlreichen Problemen. Was die muslimische Gemeinde in Rotenburg, die Kleine Ayasofya Moschee, tut, darüber sprachen wir mit ihrem Vorsitzenden Abdurrahman Göc.

Herr Göc, die Zahl der überwiegend muslimischen Flüchtlinge steigt von Tag zu Tag. Was tut Ihre Gemeinde, um den Glaubensgeschwistern die Ankunft zu erleichtern?

Abdurrahman Göc: Wir sind mit 400 Mitgliedern ja eine relativ kleine Gemeinde. Aber ja, auch wir versuchen, die Neuankömmlinge zu unterstützen – vielleicht nicht so sehr finanziell, obwohl wir dem einen oder anderen in seiner Not auch schon mal ein paar Euro zustecken, dafür aber umso mehr auf moralischer Ebene. So statten unsere Frauen mit Einverständnis von Bürgermeister Andreas Weber den Flüchtlingsunterkünften in der Jugendherberge und in der ehemaligen Lungenklinik inzwischen regelmäßig Besuche ab, um von Frau zu Frau ins Gespräch zu kommen. Sie sollen aufgemuntert werden und wissen: Wir als muslimische Gemeinde sind für sie da. Jederzeit.

Wie sieht es mit Sachspenden aus?

Göc: Auch da engagieren wir uns stark, wenngleich bislang eher in Bremen-Vahr, wo wir mit einer anderen muslimischen Gemeinde kooperieren. Vier bis fünf Autoladungen mit von uns gefüllten Säcken sind so schon auf die Reise gegangen, um die dort lebenden Flüchtlinge mit Kleidung zu unterstützen. Und für die Kinder gibt es in der Regel auch Süßigkeiten. Ich erinnere mich noch gut an unser Opferfest, das höchste Fest des Islam: Vier Lämmer hatten wir damals vom Schlachter gekauft, sie zerkleinert und das Fleisch an 45 Flüchtlingsfamilien verteilt. Da war die Freude natürlich groß. Was wir demnächst noch anbieten wollen, ist eine Kleiderkammer. Dafür haben wir extra den Saal im ehemaligen Tanzstudio Hoffmann, nur ein paar Häuser weiter von unserer Moschee entfernt, angekauft. Dort sollen sich die Flüchtlinge dann in einer für sie festen Anlaufstelle mit gebrauchter, aber sauberer und schöner Kleidung eindecken können. Nicht einfach nur kreuz und quer verteilt, sondern schön säuberlich an der Stange aufgehängt.

Reicht Ihrer Meinung nach die Hilfsbereitschaft innerhalb Ihrer Gemeinde aus? Oder würden Sie sich wünschen, das wäre noch mehr?

Göc: Klar, eigentlich möchten wir noch mehr machen, aber unsere Möglichkeiten sind, wie schon erwähnt, begrenzt. Ich persönlich fände es gut, wenn wir zum Gebet die muslimischen Flüchtlinge aus ihren Unterkünften mit einem Bus zu uns bringen könnten. Das Geld dafür habe ich aber leider nicht. Was man in diesem Zusammenhang generell aber nicht vergessen darf: Diese Menschen müssen irgendwann auch lernen, in ihrem neuen Leben auf eigenen Füßen zu stehen. Und egal, wie sehr wir hier auch helfen: Es muss die Quelle angegangen werden – nicht mit Krieg und Gewalt, sondern über den Weg der Diplomatie. Das steht für mich außer Frage.

Welchen Zuwachs erlebt die Rotenburger Gemeinde durch die muslimischen Flüchtlinge?

Göc: Es kommen unheimlich viele zu uns – aus Scheeßel und Lauenbrück genauso wie aus Zeven, Visselhövede und Unterstedt. Allein in diesem Jahr mögen es wohl um die 70 gewesen sein, die neuerdings regelmäßig unsere Moschee besuchen. Dabei ist der Raum gerade einmal für 120 Menschen ausgelegt. Sie müssen mal zum freitäglichen Hauptgebet kommen – da knien die Besucher selbst schon im Treppenaufgang dicht an dicht. Jetzt überlegen wir, ob wir im Erdgeschoss nicht Lautsprecher aufstellen sollten, sodass sie auch dort beten können.

Aus welchen Ländern stammen diese Menschen?

Göc: Natürlich aus Syrien, aber auch aus den Krisengebieten in Afrika, Afghanistan und dem Sudan. Die Flüchtlinge aus Afrika sprechen natürlich kein Türkisch, so wie wir, dafür aber Französisch, Englisch und sie beherrschen meistens auch die arabische Sprache. Ich selbst spreche nur ein paar Worte Arabisch. Aber dafür haben wir hier einen Dolmetscher.

Wie sieht das eigentlich aus mit einer neuen Form des Islam? Müssen die Menschen, die hierher kommen, auch eine neue, eine europäische Form des Islam lernen?

Göc: Nein, da gibt es keine unterschiedliche Formen. Keiner kann an dem, was im Koran steht, etwas ändern. Klar, die asiatischen und europäischen Muslime praktizieren das ein bisschen anders. Aber der Pflichtglaube ist überall gleich. Wir selbst müssen uns informieren.

Denken Sie in der aktuellen Diskussion eher, dass man eine Grenze braucht für die Zahl der Flüchtlinge, die unsere Gesellschaft verkraften kann, oder würden Sie sagen: Alle, die in Not sind, sollen kommen?

Göc: Die sollen doch bitte kommen! Wo sollen diese armen Menschen denn sonst auch leben? Ich kenne so viele hilfsbereite Leute, die Flüchtlinge unterstützen – und das nicht nur in unserer Gemeinde. Und wir müssen weiterhin all unsere Kraft investieren, damit sie ein Schlafzimmer haben. Nein, wenn al-Assad in Syrien nicht weggeht, dann sollen die Menschen doch hier bei uns bleiben – und sich integrieren.

Manche Menschen haben bereits Angst vor einer Islamierung Deutschlands – wie stehen Sie dazu?

Göc: Wissen Sie, wie viele Muslime hierzulande auf 100000 Menschen kommen? Das sind zwei oder drei. Nein, da braucht niemand Angst haben. Was ich betonen möchte: Unser Glaube lässt es nicht zu, einen anderen Menschen zu hassen. Wenn mir persönlich die Meinung eines anderen nicht passt, dann kann ich auf Abstand gehen. Aber die Begrüßung muss weiterhin sein. Man sollte sich noch „Guten Tag!“ sagen können.

Abdurrahman Göc (73) ist in Mazedonien geboren und in der Türkei aufgewachsen. Seit 45 Jahren lebt der Vorsitzende der örtlichen islamischen Gemeinde in der Wümmestadt. Göc ist verheiratet und hat drei Kinder. Zwei von ihnen leben in Deutschland, eines in der Türkei. Seit der Gründung der muslimischen Gemeinde vor 35 Jahren ist er ununterbrochen im Vorstand tätig.

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