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95 Prozent Omikron im Landkreis

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Von: Michael Krüger

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Mann mit Maske am Fenster
Auch ohne amtliche Anordnung sollten sich Betroffene als Infizierte oder Kontaktpersonen ohne ausreichenden Impfschutz isolieren. Die behördlich Kontaktnachverfolgung stockt aufgrund der Vielzahl der Fälle. © Dennis Bartz

95 Prozent des Corona-Geschehens im Landkreis Rotenburg sind derzeit auf die Omikron-Variante zurückzuführen, heißt es aus dem Gesundheitsamt. Das muss wegen der vielen Fälle aktuell die Kontaktnachverfolgung einstellen. Die Luca-App hilft da nicht weiter und hat ausgedient.

Rotenburg – Die Omikron-Variante des Coronavirus hat spätestens seit den Festtagen auch den Landkreis Rotenburg fest im Griff. Und das verändert die in zwei Jahren Pandemie mittlerweile fast zur Routine gewordenen Arbeitsweisen der für den Gesundheitsschutz zuständigen Behörden noch einmal deutlich, auch gibt es andere Verfahrensweisen im gesellschaftlichen Umgang mit der hochansteckenden Variante.

„95 Prozent des Fallgeschehens“, sagt Jens Hedicke, stellvertretender Leiter des Rotenburger Gesundheitsamts, sei mittlerweile Omikron zuzuordnen. Differenziert werde aktuell zwischen den Virus-Varianten aber nicht mehr. Nicht nur könnten Labore das momentan gar nicht mehr leisten, auch spiele es für das Infektionsgeschehen keine Rolle: Die Situation sei klar.

Mit Covid kommen die Geimpften ins Krankenhaus, wegen Covid die Ungeimpften.

Jens Hedicke, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamts

Hedicke und Gesundheitsdezernentin Heike von Ostrowski haben an diesem Mittwochmittag die Presse zu einem digitalen Austausch eingeladen. Man ist auch bei der Kreisverwaltung wieder vorsichtiger geworden, weiß um die schnelle Ausbreitung. „Virtuell ist der Trend“, sagt von Ostrowski, man sei da ja geübt. Am Tag zuvor hatte Landrat Marco Prietz (CDU) von einem „flächendeckenden Fallgeschehen“ berichtet, die Zahlen seien überall explodiert. An dieses Fallgeschehen, das gerade für Ungeimpfte eine gefährliche Situation darstelle, „werden wir uns gewöhnen müssen“, sagte Prietz. Bei Hedicke und von Ostrowski klingt das teilweise anders. Auf Nachfragen, ob das Gesundheitsamt angesichts einer aktuellen Sieben-Tage-Inzidenz jenseits der 500 damit abgefunden habe, dass man kaum noch Maßnahmen treffen könne, die dagegen arbeiten, betont der Sprecher des Gesundheitsamts: „Wir versuchen mit unseren Mitteln und bei den aktuellen Fallzahlen, das Ganze noch zu begleiten“. Von „kontrollieren“ möchte er allerdings nicht sprechen. Das weiß auch die zuständige Dezernentin von Ostrowski, verweist indes auf klare Regeln, die durch die verlängerte Winterruhe und die allgemeinen Vorsichtsmaßnahmen weiter gelten.

123 neue Fälle

123 neue Coronafälle hat das Gesundheitsamt am Mittwoch für den Landkreis Rotenburg gemeldet. Das entspricht den Werten der Vorwoche. Dass am Dienstag gleich 635 neue Infizierte in der Statistik aufgetaucht waren, begründet die Verwaltung mit einer „Bugwelle“ an Nachmeldungen, die man aufgrund der Arbeitsbelastung übers Wochenende vor sich hergeschoben habe und die nun abgearbeitet sei. Die Sieben-Tage-Inzidenz liege bei 514 Neuinfektionen bezogen auf 100.000 Einwohner. 845 Menschen gelten im Landkreis aktuell als infiziert.

Insgesamt, heißt es, habe der Landkreis in der Pandemie immer vergleichsweise gut dagestanden, weil auch die Bürger zum „allergrößten Teil“ die Regeln akzeptierten. Und auf diese Einsicht sei man mehr denn je angewiesen, auch wenn klar sei, dass das alle in gewisser Weise mehr und mehr ermüde. Rund 850 aktuell Infizierte tauchen in der Statistik des Landkreises auf, mehr als je zuvor. Und das sind nur die, die nach einem positiven PCR-Test auch behördlich erfasst sind. Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich darüber, weil nicht mehr jeder Erkrankte zum Arzt geht und Omikron gerade bei Geimpften zu milderen Verläufen führt – oder gar keine Symptome hervorruft.

Die hohen Zahlen haben den Landkreis aber in einem Punkt weitgehend kapitulieren lassen: Eine behördliche Kontaktnachverfolgung findet derzeit im Grunde nicht statt. Das auf mehr als 40 Mitarbeiter allein für das Corona-Thema aufgestockte und von der Bundeswehr unterstützte Gesundheitsamt kommt da schlichtweg nicht mehr hinterher. Stattdessen appellieren von Ostrowski und Hedicke an die Eigenverantwortung der Bürger. Gerade durch die schnelle Übertragung von Omikron wäre es fahrlässig bis unverantwortlich, auf behördliche Anweisungen zu warten. Von Ostrowski: „Man spielt gegen die Zeit.“ Auch geben die vom Land erlassene und seit dem Wochenende geltenden neuen Quarantäne-Regeln ja genau diesen Spielraum für die Bürger, damit sich die Behörden auf das tatsächliche Fallgeschehen konzentrieren können. Informationen zum Umgang mit persönlichen Quarantäne-Regelungen hat der Landkreis genau hier zusammengestellt.

Luca-App hat ausgedient

Die Luca-App zur Kontaktnachverfolgung hat ausgedient. Das sehen nicht nur Länder wie Bremen und Schleswig-Holstein so, sondern hat sich auch in der Kreisverwaltung als Meinung durchgesetzt. Landrat Marco Prietz (CDU) bezeichnet die App als „wirkungslos in der Fläche“. Sie spiele keine nennenswerte Rolle, eine Vertragsverlängerung halte er daher nicht für zielführend. Die Luca-App soll ein einfach zu handhabendes Werkzeug im Kampf gegen Corona sein. Veranstalter, Läden und Gastronomen erleichtert sie die Kontaktdatenerfassung, die ihnen während der Pandemie auferlegt ist, um Infektionsketten nachverfolgen und möglichst unterbrechen zu können. Personen, die sich mit einem Infizierten an einem Ort befunden haben, können so schnell und mit wenig Aufwand vom Gesundheitsamt informiert werden. Seit Ende April 2021 wird die Anwendung auch im Landkreis Rotenburg genutzt. Der Kreistagsabgeordnete Stefan Klingbeil (Die Linke) hatte die Nutzungsdaten beim Kreis erfragt und spricht von einem „Fehleinkauf“ der 18 000 Euro teuren Jahreslizenz. Den Angaben nach gab es „etwa fünf Abfragen seit Einführung des Systems“. Um wie viele Personen es dabei ging, bleibt unklar. Die Zahl könne „aufgrund der datenschutzkonformen Löschung nicht mehr ermittelt werden“. Die Zahl der insgesamt seit Pandemiebeginn erfolgreich erfolgten Kontaktnachverfolgungen gibt der Kreis mit etwa 13 000 an. Die Effizienz und die fragwürdige Datenschutzlage bei der App sind laut Klingbeil ein Griff ins „digitale Klo“.

Dass das allein schon zu Komplikationen führen kann, zeigen die Zahlen dieser Woche. Am Dienstag hatte das Gesundheitsamt 635 neue Fälle gemeldet, die Inzidenz schoss von 205 auf 570 – ein rein statischer Effekt, denn erst zu Wochenbeginn war die Behörde dazu gekommen, eine „Bugwelle“ an neuen Meldungen abzuarbeiten. Dafür ist die Anallyse der Fälle und Zuordnung nach Altersgruppen oder Wohnorten derzeit komplett in den Hintergrund geraten. Auch wie viele Schulen, Kitas oder Seniorenheime derzeit betroffen seien, lässt sich nicht genau sagen, heißt es. Hedicke: „Wir gehen davon aus, dass es in rund Zweidrittel aller Kitas und Schulen Fälle oder betroffene Kontaktpersonen gibt.“ Das bedeute dann aber nicht, dass gleich ganze Einrichtungen schließen müssen oder Gruppen in Quarantäne geschickt werden. In Zusammenarbeit mit den Einrichtungen werde nach individuellen Lösungen gesucht. Ziel sei es schließlich, neben der kritischen Infrastruktur wie Krankenhäuser oder Feuerwehren auch die Bildungseinrichtungen am Laufen zu halten. Von Ostrowski: „Krisenmanagement erfordert Priorisierung.“

In den hiesigen Krankenhäusern sind die hohen Fallzahlen noch nicht angekommen. Zwei von 30 Intensivbetten in Rotenburg und Bremervörde waren am Mittwoch von Covid-Patienten belegt. Wie viele Infizierte aus dem Kreis derzeit in einem Krankenhaus behandelt werden, ist unklar. Von Ostrowski betont: „Omikron hat die Tendenz zu milderen Verläufen, aber bei der Vielzahl an Fällen wird es auch viele schwere geben – gerade bei den Ungeimpften.“ Doch es gäbe ja eine Lösung: Impfen. Auch die Impfteams des Landkreises haben noch viele Termine frei...

Was tun bei einem Verdacht?

Wie viele Menschen derzeit in Quarantäne sind, kann die Kreisverwaltung aktuell nicht mitteilen. Grundsätzlich muss sowieso zwischen dem unterschieden werden, was von der Behörde amtlich angeordnet ist (Quarantäne), und was Betroffene möglicherweise für sich selbst entscheiden (Absonderung).

Sollte jemand den Verdacht haben, mit Covid infiziert zu sein, gibt es verschiedene Wege, um Klarheit zu erlangen. In allererster Linie setzt das Rotenburger Gesundheitsamt dabei mittlerweile auf die Eigenverantwortlichkeit der Betroffenen. Grundsätzlich gilt: Wer Symptome hat, muss sich absondern. Nach dem amtlichen positiven PCR-Labortest werden mit dem Gesundheitsamt Kontaktlisten erstellt. Die Isolation beginnt umgehend nach einem positiven Test, auch wenn die amtliche Anordnung noch auf sich warten lässt – Eigenverantwortung eben. Die Quarantäne-Anordnung ist allerdings rechtsverbindlich. Wer Symptome hat, kann sich frühestens am siebten Tag nach den ersten Krankheitsanzeichen und 48 Stunden nach den letzten freitesten lassen. Wo man sich testen lassen kann, hat der Landkreis hier gelistet.

Als Kontaktperson mit Booster-Impfung, einer aktuellen Doppel-Impfung oder als Genesener mit aktuellem einfachem Impfschutz muss man nicht in Quarantäne, wenn man keine Symptome hat.

Allgemeine Fragen zu Corona werden an der zentrale Corona-Hotline der Landesregierung monatgs bis freitags von 9 bis 16.30 Uhr unter 0511 / 120 6000 beantwortet. Für konkrete Fragen zu einem persönlichen Fall ist das Rotenburger Gesundheitsamt unter 04261 / 983 3203 erreichbar. Zahlreiche Links und Informationen hat der Landkreis online unter www.lk-row.de/corona zusammengefasst.

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