Der 38-jährige Syrer ist eine feste Größe auf dem „Campus Unterstedt“

Alaa Kadoura – ein Flüchtling im Bundesfreiwilligendienst

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Alaa Kadoura ist als Flüchtling auf dem Campus im Bundesfreiwilligendienst tätig.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die Sprache ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration. Alaa Kadoura hat genau das sehr schnell erkannt – und sich gleich nach seiner Ankunft in Deutschland an die Arbeit gemacht. Das war im August vergangenen Jahres. Inzwischen spricht er fast perfekt Deutsch – und hat seit Anfang dieses Monats seinen Vertrag für den Bundesfreiwilligendienst in der Tasche. Der 38-jährige Syrer leistet seinen Dienst auf dem „Campus Unterstedt“. Er hilft seinen Leidensgenossen und dem Team um Dorothee Clüver in der Rotenburger Flüchtlingsunterkunft.

„Ja, er ist ein Glücksfall für uns“, sagt Dorothee Clüver, die auf dem „Campus Unterstedt“ die organisatorischen Fäden zieht. In Alaa Kadoura habe sie einen Mitarbeiter an ihrer Seite, der in vielen Bereichen eingesetzt werden kann. Vor allem als Dolmetscher ist der Syrer sehr gefragt, aber auch als erfahrener Mediziner. Er kennt sich in der Hausapotheke aus und kann einschätzen, ob es ratsam wäre, einen Arzt aufzusuchen oder gar das Krankenhaus anzusteuern, wenn einer der fast 150 Campus-Bewohner gesundheitliche Probleme hat. Geholfen hat Kadoura auf dem Campus von Anfang an. „Ich habe ja viel Zeit“, sagt er schmunzelnd. Und die hat er genutzt – vor allem zum Deutschlernen. Jetzt bekommt er für seine Mitarbeit sogar Geld. Außerdem hat er vor kurzem eine kleine Wohnung im ehemaligen Schwesternwohnheim auf dem Campus bezogen – es läuft gut für Kadoura.

„Ja, ich bin zufrieden und auch stolz auf das, was ich bisher erreicht habe“, sagt der zweifache Vater. Und doch ist er nicht rundherum glücklich. Denn während er an einer Zukunft in Deutschland arbeitet, sorgt er sich um seine Frau, die mit dem vierjährigen Sohn und der fünfjährigen Tochter in Aleppo einfach nur hofft, dass der Krieg endet.

Rückblick: Es ist Mitte Juni 2015. Alaa Kadoura arbeitet als Anästhesist in einem Krankenhaus in Aleppo. Immer wieder hat er es mit Kriegsopfern zu tun. Darunter auch Kinder. „Als wir ein Kind mit einer Kugel im Kopf versorgen mussten und ich den weinenden Vater gesehen habe, verlor ich die Hoffnung auf ein Ende dieses Krieges.“ Die Sorge um die eigenen Kinder nimmt weiter zu. Der Glaube an den Frieden schwindet. Der Arzt trifft eine Entscheidung: Er muss raus aus Aleppo, raus aus Syrien. Er flüchtet. Die Grenze zur Türkei ist dicht, Kadoura gelingt es dennoch, in die Türkei zu kommen. Er zahlt 1000 Euro und erhält einen Platz auf einem der kleinen Boote, mit denen sich die Flüchtlinge auf den Weg zu den griechischen Inseln machen. „Alle hatten Angst um ihr Leben“, erinnert sich der Syrer. Er auch.

In Europa angekommen, wählt er die Balkanroute. Nach gut einem Monat erreicht er das Erstaufnahmelager in Braunschweig, von dort geht es nach Rotenburg. Kadoura wohnt zunächst an der Wallbergstraße, bezieht später eine Wohnung. Und er hat Zeit. Viel Zeit. Er lernt Deutsch und hilft ehrenamtlich im Seniorenheim. Und mit der Eröffnung des Campus’ findet der Flüchtling schließlich eine neue, für ihn sinnvolle Aufgabe.

Alaa Kadoura möchte sich integrieren und weiß: „Jeder kann es hier schaffen, aber man muss aktiv sein und etwas dafür tun.“ Deutschland sei ein großes Land mit vielen Chancen. Er selbst hat seinen Weg gefunden und will nun den Leidensgenossen helfen, es ebenfalls zu schaffen.

Täglich spricht er mit seiner Frau. Sie zurückzulassen, war eine schwere Entscheidung, aber das Risiko der Flucht sei für sie und die Kinder zu groß gewesen. Jetzt setzt er alles daran, sie nach Deutschland zu holen. Denn auf Dauer möchte Kadoura hier bleiben und als Arzt tätig sein. Erreicht er ein hohes Sprachniveau und schafft er dann nach einem Praktikum die Prüfung, darf er sich als Mediziner bewerben.

Bis dahin hilft er auf dem Campus. Sehr zur Freude aller Beteiligten. Aber Kadoura sagt auch: „Ich hatte Glück, weil ich viele sehr nette Menschen getroffen habe.“ Nicht alle Flüchtlinge haben so viel Glück, viele sterben sogar auf dem Weg. Dabei weiß auch er, dass die Stimmung gegenüber Asylbewerbern nicht immer gut ist. Ihm gebe das viel Energie, besser zu sein, um die Menschen zu überzeugen, dass die Integration gelingen kann. Was die Angriffe und offenen Anfeindungen angeht, sagt er nur: „Idioten gibt es überall.“

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