1986 auf Stippvisite bei der Verwandtschaft in Ost-Berlin / Die Überraschung folgt 30 Jahre später

Ein Besuch mit Stasi-Begleitung

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Als ich mich im Jahr 1986 zu meinen Verwandten aufmachte, war die Mauer noch nicht gefallen. Das Brandenburger Tor war Sperrzone.

Berlin - Von Ulf Buschmann. „Die deutsche Frage nach 1945“ und „Einführung in den Marxismus“. Zwei Halbjahre hatte es in der Gymnasialen Oberstufe gebraucht, um meinen Entschluss reifen zu lassen: Wenn die Abi-Klausuren über die Bühne gegangen sind, wollte ich meine Verwandten in Ost-Berlin besuchen. Meine Tante hatte ich das erste Mal 1981 dort getroffen, aber wir hatten nur ein paar Stunden Zeit. Fünf Jahre später, im Frühjahr 1986, war die Chance endlich da, etwas länger zu bleiben. Zumal ich meine Cousinen noch nie gesehen hatte.

Meine Tante freute sich: Sie schickte mir eine Einladung, ich beantragte bei der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn ein Visum, dann ging es los. Eine Woche vor Ostern 1986 das Leben in Ost-Berlin und der DDR kennenzulernen, erschien mir 20-Jährigem ein großes Abenteuer. Zumal es in meiner Altersgruppe nicht allzu häufig vorkam, dass einer zum Klassenfeind „nach drüben“ fuhr.

„Nach drüben“, das war der bei den älteren Westdeutschen gebräuchliche Begriff für Reisen in die DDR oder in die „Zone“, wie viele trotz Entspannungspolitik, Grundlagenvertrag und einer allmählichen Annäherung noch sagten. Wir jungen Leute, die politisch in den 60er und 70er Jahren sozialisiert worden waren, sprachen über die DDR als gewöhnlichen Staat. Wiedervereinigung? Die stand nicht auf der Tagesordnung. Die DDR war ein Staat weit weg vom Üblichen.

Umso größer war das Erstaunen bei meinen Freunden, als ich bekanntgab, dass ich gleich eine knappe Woche „nach drüben“ fahren würde. Pünktlich ging es los. Von Bremen aus fuhr ich nach Hannover und setzte mich dort in den „Interzonenzug“. Dieser Begriff war ein Überbleibsel aus der Nachkriegszeit.

Von Hannover aus führte der Weg über die Grenzbahnhöfe Bebra/Wartha und Magdeburg nach Berlin. Kurz vor der innerdeutschen Grenze wurde die Lokomotive gewechselt; statt der elektrischen der Deutschen Bundesbahn zog den Zug jetzt eine dieselbetriebene der Deutschen Reichsbahn. Darin saßen Rentner, denn nur sie durften uneingeschränkt zwischen West und Ost reisen. Mit der Zeit wurde es stickig, doch die Fenster zu öffnen war aufgrund des Abgasgestanks der Lokomotive unmöglich.

Ganz wohl war mir nicht. Je näher wir der deutsch-deutschen Grenze kamen, desto nervöser wurde ich. Was werden die Grenzer sagen? Werden sie mich filzen? Doch es ging alles ganz entspannt ab. Ein älterer Grenzbeamter der DDR warf einen flüchtigen Blick in meinem Koffer, aus dem es nach Kaffee duftete und ließ mich in Ruhe.

Über den Bahnhof Zoo lief der Zug in Richtung Berlin-Friedrichstraße ein. Nachdem ich durch die Passkontrolle war, nahm mich meine Tante in Empfang. Die Freude war groß. „Das ist Joachim“, stellte meine Tante mir ihren Begleiter vor, „er ist Student und ich tippe ihm seine Diplomarbeit“. Das erschien mir schlüssig, hatte meine Tante doch als Lektorin bei einer Gewerkschaftszeitung gearbeitet.

Joachim hatte sogar ein Auto, einen Wartburg. Wir stiegen ein und fuhren zu meiner Tante, die lebte damals in Berlin-Oberschöneweide. Joachim und ich verstanden uns gut. Schon nach kurzer Zeit entwickelte sich ein intensives Gespräch über die Lehren von Marx und die deutsche Frage. Da ich beide Themen gerade in meiner Abi-Klausur hatte, konnte ich mitreden. „Eine Wiedervereinigung steht für mich nicht auf der Tagesordnung“, höre ich mich noch sagen. Und: „Die DDR ist für mich ein Staat wie die USA oder Frankreich!“ Joachim hörte interessiert zu, wir stimmten in vielem überein.

In den kommenden Tagen zeigte mir meine Tante Ost-Berlin: Funkturm, Alexanderplatz, Zoo, Friedrichstraße und mehr. Grundnahrungsmittel, Bücher und andere Waren des täglichen Bedarfs, das lernte ich, waren konkurrenzlos günstig, aber Luxusartikel wie Unterhaltungselektronik dafür umso teurer. Auch der Besuch eines Restaurants war gewöhnungsbedürftig. Oben im Funkturm beispielsweise war kein Mensch, trotzdem mussten wir warten, bis uns ein Kellner einen Platz zuwies. Anstehen im Supermarkt bis ein Einkaufswagen frei war, gehörte ebenso dazu. Mal eben kurz vor Geschäftsschluss in den Laden laufen und das vergessene Brot kaufen ging nicht.

Während wir in den kommenden Tagen viel unterwegs waren, wurde meine Tante nicht müde, mir die Vorzüge des Sozialismus à la DDR vorzubeten. Die Bevölkerung könne Eingaben machen, wenn etwas schief laufe. „Das ist schon eine feine Sache“, meinte sie. Wenn wir zu Hause waren, kam auch Joachim zum Kaffee. Auf die Frage nach seinem Auto erklärte er mir, das habe er sich von einem Kumpel geliehen. Das muss ein wirklich guter Kumpel gewesen sein, denn an einem Tag konnten wir mit dem Wagen sogar zum Schloss Sanssouci fahren. Es war ein sonniger Tag und ich war von dem Ort, an dem im Sommer 1945 über die Zukunft Deutschlands entschieden worden war, völlig fasziniert. Während wir West-Autofahrer uns aus Angst vor einer Verkehrskontrolle peinlich genau an die Regeln hielten, missachtete Joachim jede Art von Geschwindigkeitsbegrenzung. „Man muss nur wissen, wo die stehen“, meinte er augenzwinkernd.

Ostersamstag kehrte ich zurück nach Hause. Im Gepäck hatte ich mehrere Filme, zwei davon hatte ich gegen Westmark im „Intershop“ gekauft. Die wollte ich Joachim schenken, doch der lehnte das etwas brüsk mit Verweis darauf ab, dass die Produktionsanlagen ganz andere waren: „Ich kann die Filme nicht gebrauchen.“

Viereinhalb Jahre später war die DDR Geschichte. Meine Verwandten, insbesondere meine Tante, war nach der Wende völlig desorientiert. Sie hatte an das System geglaubt und fühlte sich betrogen. Der Neustart für meine Cousine und ihren Mann war im Vergleich dazu relativ einfach: Sie war vorher für die Sozialversicherung der DDR tätig gewesen und kam bei der Deutschen Rentenversicherung unter. Ihr Mann, früherer Funktionär des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), arbeitete bei der Berliner Senatsverwaltung für Inneres.

In den folgenden Jahren verfolgte ich interessiert die Diskussion über die Machenschaften der Stasi. Aus einer Laune heraus fragte ich beim Bundesbeauftragten die Unterlagen der Staatssicherheit an. Ich wollte wissen, ob es angesichts meines Besuches 1986 Einträge über mich gab. Meine am 30. April angelegte Kartei sei Bestandteil der „Rosenholz-Dateien“, die lange beim amerikanischen Geheimdienst CIA lagen und ausgewertet wurden.

Im September 2006 teilte mir die Behörde mit, dass ich damals Ziel einer „Operativen Personenkontrolle“ (OPK) gewesen sei. Joachim war kein Student, sondern Mitarbeiter der für die Auslandsaufklärung und Gegenspionage im „nicht-sozialistischen Ausland“ zuständigen „Hauptabteilung Aufklärung“. Wenn das Ministerium für Staatssicherheit davon ausging, ich könne eine strafbare Handlung begehen oder ich hätte eine „feindlich-negative“ Einstellung zum System, dann wurde eine solche OPK in die Wege geleitet. Das war ein Schock, von dem ich mich mehrere Tage nicht erholen konnte. Heute jedoch muss ich darüber sogar ein wenig schmunzeln.

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