Jan Steege erhielt per Facebook seinen Job

Mediengestalter mit Niveau – und Handicap

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Svenja Olesch unterstützt Jan Steege als Assistentin bei seiner Arbeit. Sie „ersetzt seine Hände“, erzählt sie.

Rotenburg - Von Elisabeth Stockinger. Manchmal sind Türrahmen ganz schön eng. Jan Steege muss zweimal korrigieren, per Hand betätigt er den Steuerknüppel seines Rollstuhls. Einmal noch um die Kurve, dann ist es geschafft, er „parkt“ am

Konferenztisch. Steege ist 30, Muskeldystrophie nennen die Ärzte die Krankheit, aufgrund der er zu 100 Prozent als körperlich behindert eingestuft ist. Er hat dieses Schicksal angenommen, lässt sich davon nicht von seinen Zukunftsplänen abhalten. Im Gegenteil: Seit dem 1. November arbeitet er als Mediengestalter in der Rotenburger Werbeagentur Maxsell.

Mit einem Facebook-Aufruf fing alles an. Im Mai postete Jan Steege auf seiner Seite eine Anzeige: „Ihr sucht mich! Mediengestalter mit Niveau“ stand in der Sprechblase, darunter ein Foto von ihm im Rollstuhl. 3000 Nutzer klickten „Gefällt mir“, sage und schreibe 19105 teilten seinen Beitrag und verbreiteten den Aufruf somit weiter. „Ein paar Unternehmen haben sich gemeldet“, erzählt Steege. „Ein wirklich ernst gemeintes Angebot kam aber zuerst von Maxsell.“

„Wir haben die Anzeige gelesen und gesagt: Den laden wir ein“, berichtet Bernd Braumüller, Geschäftsführer der Werbeagentur. Sein erster Eindruck von einem neuen Mitarbeiter im Rollstuhl, der im Prinzip nur die rechte Hand bewegen kann? „Eigentlich geht das gar nicht“, gibt er offen zu. Zumal zu dem Zeitpunkt keine Stelle frei war. Aber: „Uns hat Jans Mut beeindruckt, wir wollten ihm eine Chance geben.“

Im Bewerbungsgespräch hat der 30-Jährige ihn dann direkt überzeugt. „Es hat intellektuell einfach gepasst. Die Behinderung ist in den Hintergrund gerückt.“ „Es gab von Anfang an keine Hemmschwelle“, bestätigt Geschäftsführerin Susanne Marten. Und das sei ungemein wichtig, so Braumüller. „Wir müssen Jan nicht wie ein rohes Ei behandeln.“ Natürlich: Rücksicht müssen er und die Mitarbeiter bisweilen nehmen, aber niemand müsse Bedenken haben, er könne Jan mit einer unbedachten Äußerung beleidigen. „Dafür hat er einfach zu viel Humor“, sagt Braumüller und schmunzelt.

Ein Praktikum im Sommer räumte die letzten Zweifel aus: Seit dem 1. November ist Steege nun bei Maxsell als Mediengestalter angestellt, zunächst allerdings drei Monate auf Probe. Zwei Arbeitsassistenten, Svenja Olesch und Stephan Wienke, unterstützen ihn dabei. Sie begleiten ihn im Wechsel zur Arbeit, reichen ihm den Telefonhörer, halten ihm Broschüren zum lesen hin, helfen ihm beim Essen und zur Toilette. „Wir ersetzen seine Hände“, fasst es die Heilerziehungshelferin Svenja Olesch zusammen.

Von seinem Ziel, Mediengestalter zu werden, hat sich Jan Steege jedenfalls nie abhalten lassen. Sein Studium an der Universität Bremen hat er im Sommer abgeschlossen. „Unser Ziel ist ein unbefristetes Arbeitsverhältnis“, das kann Maxsell-Geschäftsführer Braumüller nach dem ersten Monat schon sagen. Doch die Übernahme sei nicht allein die Entscheidung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Entsprechende Fördergelder für diverse Umbauarbeiten müssten genehmigt werden. Einen Aufzug hat das Gebäude der Werbeagentur bereits, ein Behinderten-WC allerdings noch nicht. Bisher nutzt Steege die öffentliche Toilette auf dem Neuen Markt.

Auch neue Software, ein Höhen verstellbarer Schreibtisch und eventuell ein Computer, der sich per Augensteuerung bedienen lässt: Das alles müsste die Werbeagentur anschaffen, sollte Jan Steege im kommenden Jahr fest übernommen werden. Das ist auf jeden Fall auch Steeges Wunsch. In Bonn geboren, lebt er seit 1990 in Ottersberg im Landkreis Verden. Nachdem er zunächst die Waldorfschule in Ottersberg besuchte, wechselte er 1993 zur Waldorfschule nach Bremen. Mobilität: Damals noch kein Problem, „ich konnte noch laufen“.

Die ersten Anzeichen seiner Muskelkrankheit, Muskeldystrophie Duchenne genannt, zeigten sich aber bereits. Immer wieder fiel er unvermittelt hin. „Die Krankheit wird vererbt“, erzählt der 30-Jährige. Stetig schreite sie voran, mal gebe es Schübe, mal kämen die Verschlechterungen schleichend daher. Langsam aber sicher lösten die Muskeln sich auf. „Die Ärzte haben meinen Eltern damals gesagt, ihr Sohn würde keine drei Jahre alt werden“, erzählt er. Heute ist er 30, die Lebenserwartung liegt aufgrund der medizinischen Verbesserungen bei 35 bis 40 Jahren. Die Atemmaske, die rund um die Uhr Sauerstoff in seine Lungen pumpt, trägt Steege seit zehn Jahren. Obwohl die Ärzte schon länger dazu rieten, wollte der damals 20-Jährige nicht hören – bis seine Mutter ihn eines Tages ohnmächtig im Bett fand. „Die Situation hätte auch etwas weniger dramatisch sein können“, erzählt er mit dem leisen Anflug von schwarzem Humor.

Dass jeder Tag im Prinzip sein letzter sein könnte: Darüber denkt er keine Sekunde nach. „Ich freue mich einfach, dass ich jetzt 30 bin, das ist doch toll! Anderen Menschen passiert auch etwas, durch einen Autounfall zum Beispiel. Es klingt vielleicht blöd, aber ich lebe in den Tag hinein und mache mich nicht verrückt.“

Musik, das ist neben der Arbeit seine Leidenschaft, der Besuch des Hurricanes jedes Jahr Pflicht. „Aber nur tagsüber. Zelten lasse ich lieber“, scherzt er. Kino, Konzerte, Ausflüge an die Nordsee: „Ich bin ständig unterwegs.“ Und seine Freizeitassistenten? Die müssen natürlich mit. „Dafür werden sie schließlich bezahlt“, sagt Steege und lacht. Aber: Es gebe sicherlich Schlimmeres, als während der Arbeitszeit auf Konzerte und ins Kino zu gehen.

Die Krankheit

Muskeldystrophie bezeichnet eine Gruppe von Erbkrankheiten, die durch Mutationen im Erbgut verursacht werden. Diese führen meist zu Defekten oder zu einem Mangel von Proteinen. Muskelschwäche und -schwund sind die Folge. Bei Jan Steege ist Muskeldystrophie des Typs Duchenne diagnostiziert. Die Krankheit beginnt im Kleinkindalter und endet – oftmals im jungen Erwachsenenalter – tödlich, wenn Herz- und Atemmuskulatur abgebaut werden. Durch eine optimierte Therapie hat sich die Prognose in den vergangenen Jahren verbessert.

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