Marianne Koss verteilt seit mehr als 13 Jahren Zeitungen in Hemsbünde

Ein riesen Stapel Arbeit

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Und da ist es geschafft: Die letzte Zeitung für diesen Tag steckt im Briefkasten. ·

Rotenburg - Von Jessica TisemannHEMSBÜNDE · Morgens 2.30 Uhr in Hemsbünde. Der Wecker am Handy klingelt und dudelt die Melodie von „Eye of the tiger“ von Survivor. Mein rechter Fuß lugt vorsichtig unter der Decke hervor und zieht sich sofort zurück – nein, es ist viel zu kalt zum Aufstehen und noch dazu stockfinster – also Decke über den Kopf. Nach weiteren zehn Minuten des Rockklassikers klopft jedoch das schlechte Gewissen an, denn Marianne Koss, Austrägerin der Rotenburger Kreiszeitung erwartet mich.

Die 64-Jährige sorgt seit mehr als 13 Jahren dafür, dass alle Leser bereits beim Frühstück mit den neuesten Nachrichten versorgt werden. Auch Fremdzeitungen wie die Süddeutsche Zeitung oder die Zeit, aber auch Briefe und Kataloge sammeln sich bei ihr.

Das Anziehen artet in eine Art Sportveranstaltung aus, bei der ich ordentlich ins Schwitzen gerate. Erst eine Strumpfhose, darüber die Thermoleggins, noch eine Leggins und dann die Jeans – aber die kommt nicht mal über die Knie hinaus. Also alles wieder auf Anfang und auf die zweite Leggins verzichten – wie sich noch rausstellen sollte, keine gute Idee. Dick eingepackt in Wintermantel, Wollhandschuhe und Schal schleiche ich mich aus meiner Wohnung. Mit dem Rad geht es auf zu Marianne Koss. Weit und breit brennt kein Licht, und die Straßenbeleuchtung ist auch noch nicht an. Die kleinen Sterne, die am Himmel funkeln, machen den Weg nicht gerade heller. Als ich bei Marianne Koss ankomme, bin ich schon einmal ordentlich durchgefroren, dass es allerdings noch viel schlimmer kommt, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Sie befüllt das Fahrrad gerade mit Zeitungen. „Das mache ich immer im Haus“, sagt Koss, „draußen ist es dafür viel zu kalt und zu dunkel.“ Sie wuppt die Zeitungsberge in die Fahrradkörbe und zu meinem Erstaunen passt alles rein. „Als ich früher noch mehr Zeitungen hatte, musste ich zwischendurch einmal nach Hause fahren, um wieder aufzufüllen“, erzählt Marianne Koss.

Wie Koss gehen etwa 120 Zusteller in 165 Bezirken raus in die Nacht und sorgen dafür, dass die Leser rechtzeitig ihre Zeitung bekommen. Bis 6 Uhr sollen alle verteilt sein. „Wir können aber ja erst los, wenn die Zeitungen da sind“, so die 64-Jährige. Und die verspäten sich manchmal, denn alle Zulieferer außerhalb Rotenburgs bekommen sie mit dem Taxi geliefert. Und dann der Start. Um kurz nach halb vier rollen wir in die Nacht hinaus. Knapp zwei Stunden brauchen wir für die zwei Bezirke in Hemsbünde – ohne mich wäre es sicher schneller gewesen. Dass der Ort, in dem ich die vergangenen vier Monate gelebt habe so groß ist, ist mir völlig neu. Während der Fahrt kommen wir ins Plaudern. Marianne Koss erzählt mir von einem Mann, der auf dem Radweg nach Rotenburg jeden Morgen im Dunkeln einfach nur da stand und wartete, bis sie an ihm vorbeifuhr. Wenn es bis hierhin nicht schon gruselig war, ist jetzt der Zeitpunkt. Und dann biegen wir auch noch in den Weg ein. „Ich achte auf jedes Geräusch“, erzählt sie. Und davon gibt es nachts einige. Das Rascheln im Gebüsch, das Bellen eines Hundes, das Rauschen der Blätter und das Knacken der Äste. Auch ich achte jetzt noch mehr darauf, als vorher.

Aber auch lustige Anekdoten gibt es. Einmal sei Koss morgens jemand nur in Unterhose an der Tür begegnet. „Ihm schien das gar nicht peinlich zu sein, mir aber schon“, gesteht sie.

Und spätestens jetzt – kurz vor Schluss unserer Tour gegen 6 Uhr, – fehlt mir auch die zweite Leggins. Die Kälte zieht durch alle Kleidungsstücke und sogar meine Zehen in den dicken selbst gestrickten Wollsocken und Winterstiefeln sind eingefroren. Meine Nase gleicht einem Eiszapfen und meine Finger sind trotz Wollhandschuhen starr vor Kälte. Zum Aufwärmen geht es für uns beide noch einmal bei Marianne Koss in die Küche. Für sie ist das ein Tag wie jeder andere. „Es ist ganz selten, dass ich mich nochmal hinlege, wenn ich wieder zuhause bin“, erzählt sie. Ich allerdings bin froh, dass ich zuhause gleich nochmal ’ne Runde schlafen kann.

Kontakt: 04261 /72325; Jessica.Tisemann@kreiszeitung.de

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