SOMMER ZUHAUSE Kleingartenvereine in Rotenburg gibt es seit 70 Jahren

Refugien für Naturliebhaber

Begeisterte Kleingärtner sind Anita und Ulrich Jaursch (v.l.), Jessica Lott und Manfred Wronna mit Border Collie „Odin”.
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Begeisterte Kleingärtner sind Anita und Ulrich Jaursch (v.l.), Jessica Lott und Manfred Wronna mit Border Collie „Odin”.

Rotenburg – Vom Paradies muss nicht gleich die Rede sein, aber wenn Manfred Wronna (64) frühmorgens hinter seiner kleinen Holzlaube die aufgehende Sonne sieht, wenn der Chor der Singvögel den noch stillen neuen Tag begrüßt, dann ist der Rotenburger Rentner und ehemalige Glaser glücklich. Wronna ist eines von 30 Mitgliedern des Kleingartenvereins „Friedland” zwischen dem Mauerseeweg und dem Sandhasenweg, gleich neben der Jägerhöhe. Ein langer Streifen praller Natur mit Blumen, Sträuchern, kleinen Obstbäumen, liebevoll angelegten und gepflegten Gemüsebeeten, dazu kleine Flächen mit Feldfrüchten. Kleingärten, Refugien für vielfach ältere Bürger, um in frischer Luft bei ihrem Hobby Gartenarbeit den Tag zu genießen. Und jetzt, in Corona-Zeiten gar nicht erst den brennenden Wunsch aufkommen lassen, sich in den Flieger zu setzen, um so schnell wie möglich Urlaub am Strand von Mallorca zu verbringen.

Für eine Reihe von Rotenburgern, neben „Friedland” gibt es noch den Kleingartenverein „Heimat” an der Bremer Straße mit 93 Mitgliedern und „Heideblick” an der Visselhöveder Straße mit 29 Mitgliedern, gilt diese Devise: Wir verleben viele Feierabende, manche Wochenenden und Teile unseres Urlaubs in unserem Kleingarten, quasi „vor der Haustür”. Wenn man so will, dann hatten und haben die Schrebergärten so etwas wie eine therapeutische Funktion bei manchen von Corona-Unsicherheit geplagten Menschen.

Ulrich Jaursch (71), ist an diesem Montag im Vereinshaus des Kleingartenvereins „Friedland” anzutreffen. Der ehemalige Tiefbauer aus Hamburg lebt seit 1972 in Rotenburger und ist drei Jahre später in den Kleingartenverein „Heimat” eingetreten, vier Jahre später zu „Friedland” gewechselt und seit 29 Jahren Vereinsvorsitzender. Mit dabei ist seine Tochter Jessica Lott, seit ihrer Jugend Gartenliebhaberin und 1. Schriftführerin des Vereins sowie Manfred Wronna, ein begeisterter Bastler, Naturkenner und der im Verein das Amt des Pumpenwarts bekleidet.

Ulrich Jaursch hat die Geschichte des Kleingartenvereins „Friedland” in Aktenordnern penibel archiviert. Ja, die drei Rotenburger Vereine seien sämtlich 1950, also fünf Jahre nach Kriegsende, ins Leben gerufen worden, wie in vielen anderen Gemeinden Deutschlands, als Mangelwirtschaft das Leben beherrschte und die Selbstversorgung einen enormen Stellenwert hatte. Leider, so Jaursch, sei es wegen der Corona-Krise nicht möglich, die angedachte gemeinsame Feier der drei Vereine zum 70. zu feiern.

Corona hat in den vergangenen Monaten die Gartenpforten zu „Friedland” nicht abgeschlossen. Die Pächter konnten ihre Parzellen weiter aufsuchen, ihre kleinen Gärten bestellen und pflegen. Die allgemeinen Dienste mussten gestrichen werden. Das Gespräch mit dem Nachbarn über den Zaun hinweg war bei einhalten des geforderten Abstands möglich, gemeinsame Feste fanden nicht mehr statt, die Jahreshauptversammlung musste verschoben werden. Der Vorstand, betont Ulrich Jaursch, sei dankbar, dass die Mitglieder die Auflagen erfüllt hätten.

Für Manfred Wronna, der inzwischen seit 28 Jahren seine kleine Parzelle mit dem einzigen Eukalyptus der gesamten Anlage bewirtschaftet, ist die Gartenkolonie „die schönste in ganz Rotenburg”. Er betont zusammen mit den beiden anderen Vorstandsmitgliedern das besondere Anliegen des Vereins, den Naturschutz, der in Zusammenarbeit mit dem Nabu Rotenburg intensiv gepflegt werde. Überall Insektenhotels, Nistkästen, Vogeltränken. Nabu-Infotafeln geben ergänzende Hinweise. In „Friedland” ist, sofern sie nicht wie die Wühlmäuse die Wurzeln kappen, für alle Tiere Platz: Vogelarten vom Zaunkönig bis zum Wanderfalken, Erdkröten, Reptilien, Maulwürfe und Insekten, so weit es sie noch gibt.

Wirtschaftliche Not zwingt heute niemanden, sich einen Kleingarten zuzulegen. Bisher waren es vornehmlich die älteren Jahrgänge, die sich um eine Mitgliedschaft beworben haben, inzwischen nimmt die Zahl jüngerer Menschen zu. Warum? Möglicherweise wächst die Zahl derjenigen, die nicht ausschließlich im Supermarkt einkaufen möchten und natürlich gedüngtes und ohne Chemie gewachsenes Obst und Gemüse vorziehen. Für andere zählen das Abschalten und Entspannen in der Freizeit und die Beschäftigung an der frischen Luft.

„Für meine Eltern”, sagt Jessica Lott, Tochter von Anita und Ulrich Jaursch, „steht der Garten im Tagesmittelpunkt. Das beginnt zur Zeit damit, dass meine Mutter frühmorgens aufsteht und sich auf den Weg zum Erdbeerenpflücken macht. Erdbeeren als Nachtisch für das Mittagessen.”

Die einzelnen Parzellen der Gartenkolonie „Friedland” werden von der Stadt Rotenburg für jährlich insgesamt 870 Euro an Interessierte verpachtet. Zur Zeit sind allerdings keine Gärten verfügbar. Vorsitzender Jaursch betont, neue Mitglieder seien willkommen, müssten jedoch auf eine Warteliste.

Die Zusammenarbeit zwischen der Politik und dem Verein, betont der Vorsitzende, sei grundsätzlich positiv und problemlos. Jaursch: „Was wir allerdings bedauern, ist die teilweise mangelnde und schleppende Förderung.”

Grundsätzlich begrüßt Bürgermeister Andreas Weber (SPD), dass in der Kreisstadt drei Kleingartenanlagen bereitgehalten werden: „Für uns in Rotenburg”, so der Verwaltungschef, „ist es sehr wichtig, dass die Menschen, die kein Eigenheim besitzen und damit auch keinen eigenen Garten haben, solche Flächen anpachten können und ihrem Hobby ,Gartenarbeit‘ nachgehen können. Gleichzeitig sind diese Kleingärten auch grüne Lungen für die Stadt und haben auch in den Vereinen Umweltschutzprojekte realisiert, die beispielgebend sind.”

Die Kleingartenkolonie „Heideblick” an der Visselhöveder Straße, dessen Vorsitzender Jürgen Bolinius ist, liegt inzwischen mitten im Neubaugebiet „Stockforthsweg”. Die Nachbarschaft, erklärt Bolinius, sei problemlos. Die Gartenkolonie genieße ausdrücklich Bestandsschutz, betont Bürgermeister Weber.

Mit 103 Parzellen und 72 Mitgliedern ist die Kolonie „Heimat” an der Bremer Straße die größte Gartenkolonie. Vorsitzende Hannelore Kontag registriert aktuell einen Generationenwechsel bei den an einer Mitgliedschaft Interessierten: „In der Corona-Zeit haben sich bei uns mehr jüngere Familien gemeldet.”  bn

Ein Blick von der Jägerhöhe auf die Gartenkolonie „Friedland” – eine grüne Lunge mitten in der Kreisstadt Rotenburg. Fotos: Bonath

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